Kulturerbe
Endlich! Die Basler Fasnacht ist Unesco! Bloss: Was heisst das jetzt?

Eine Stadt feiert die Aufnahme auf die Liste. Basel erhält wichtige Streicheleinheiten. Nur das? Oder löst die Unesco einen Fasnachts-Boom aus? Kaum. Und das ist gut so.

Martina Rutschmann
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Den Auftakt zur Basler Fasnacht macht nach wie vor der Morgestraich. Und so sieht es heutzutage aus, «wenns am Mäntig vieri schloot».

Den Auftakt zur Basler Fasnacht macht nach wie vor der Morgestraich. Und so sieht es heutzutage aus, «wenns am Mäntig vieri schloot».

Roland Schmid

Und jetzt also Basel. Zittern und Bangen war vorgestern, seit gestern ist klar: Wir sind Unesco! Das hat die Organisation an ihrer bierernsten Versammlung im fernen Seoul beschlossen. Die Arbeit einer Basler Delegation an einem ausführlichen Dossier über Sinn und Zweck der Fasnacht hat sich gelohnt. Und jetzt? Was heisst das? Basel ergänzt die Liste der schützenswerten Karnevals von Belgien bis Kolumbien. Und zwar vor Venedig, Rio de Janeiro und Köln. Weil Basel besser ist, schützenswerter? Oder weil die anderen Städte bereits geschützt werden?

In Rio ist es die Landschaft zwischen Bergen und Meer, die zum Welterbe gehört, in Venedig die Lagune, in Köln der Dom. Um Basel aber hat die Kulturorganisation der UNO bisher einen weiten Bogen gemacht. Kein Spalenberg, kein Gempenstollen und kein Läufelfingerli ist wertvoll genug, um auf immer und ewig geschützt zu werden. Da hat es Bern mit seiner Altstadt besser, die Jungfrau-Region mit ihren Alpen und das Bündnerland mit der Rhätischen Bahn. Aber Achtung! Das alles gehört zum klassischen materiellen Kulturerbe, die Fasnacht hingegen ist jetzt Teil des immateriellen Erbes. Da muss man unterscheiden, oder? Nein, findet Fasnachtsexperte und Ex-Comité-Obmann Felix Rudolf von Rohr: «Basel ist dank der Fasnacht endlich auf einer Unesco-Liste, das ist doch die Hauptsache! Sonst wären wir da nie draufgekommen», sagt er.

Die schönsten Bilder vom Morgestraich 2017
69 Bilder
Einsam in der Menge
Eindrücke vom Morgestraich
Eindrücke vom Morgestraich
Eindrücke vom Morgestraich
Eindrücke vom Morgestraich
Donald Trump – ein Sujet, das immer wieder auftaucht.
Die Stäggeladäärne der Rumpel Clique
Eindrücke vom Morgestraich
Über die Mittlere Brücke
Am Rheinsprung im Morgengrauen
Die Naarebaschi Stammclique hat eine der speziellsten Ladäärne.
Die Ladäärne der Naarebaschi Stammclique.
Eindrücke vom Morgestraich
Eindrücke vom Morgestraich
Eindrücke vom Morgestraich
Eindrücke vom Morgestraich
Eindrücke vom Morgestraich
Morgestraich, vorwärts marsch!
Morgestraich 2017
Boxtrainer Angelo Gallina und sein Schützling Arnold Gjergjaj
Morgestraich
Morgestraich
Rumpel Clique
Vorne die Ladäärne der Pfluderi Clique Alti Garde mit dem Sujet «Kyna duet do läädele»
Morgestraich
Der Gotthard ist auch ein Thema.
Morgestraich
Morgestraich
«gmainsam statt ainsam»
Morgestraich
Ladäärne der Basler Mittwoch-Gesellschaft mit dem Sujet «Petry Heil»
Morgestraich
Morgestraich
Morgestraich
Morgestraich
Morgestraich
Morgestraich
Morgestraich
Morgestraich
Die Alte Garde der BMG Runzle
Ihr Sujet: «Dr Erdowaan»
Morgestraich
Der Brexit ist auf mehreren Ladäärne zu finden.
Opti Mischte
Morgestraich
Morgestraich_0217
Opti Mischte
Die Ladäärne der Glaine Opti Mischte
Nun ist es wieder soweit.
Punkt vier Uhr gingen in Basel die Lichter aus und die Ladäärne an.
Piccolomärsche erfüllten die Gassen.
Die drey scheenschte Dääg haben begonnen.
Die Cliquen präsentierten ihre Ladäärnen.
Die Sujets nehmen das aktuelle Weltgeschehen auf.
Die Ladäärne der Basler Bebbi mit dem Sujet «Highway to Hell»
Der Stamm der VKB.
Ihr Sujet heisst «Mario Kart live: am Pro Innerstadt Huusegge-Renne»
Die Basler Bebbi machen Pause im Breo Käller.
Larven und Trommeln sind vor dem Eingang deponiert.
Ein verschwommener Blick auf die Mittlere Brücke
Das Drei König bietet eine wilkommene Gelegenheit für einen Halt.

Die schönsten Bilder vom Morgestraich 2017

Roland Schmid

Ein Bekenntnis zur Evolution

Stimmt eigentlich. Unesco! Ein Label so wertvoll wie Rio, Venedig und Köln zusammen. Bloss: Was ändert das an der Fasnacht, dieser kulturellen Ausdrucksform, die von Generation zu Generation weitervermittelt und stetig neu geschaffen wird, wie es die Unesco verlangt? Neu geschaffen? Da läuten die Alarmglocken bei so manch alteingesessenem Fasnächtler. Es ist, wie es immer war und wird so bleiben – punkt. «Eben nicht!», sagt Felix Rudolf von Rohr. Er erhofft sich durch die Unesco-Ehre eine Öffnung, ein Bekenntnis dazu, dass die Fasnacht eine Evolution sei. «Denken Sie nur an den technischen Fortschritt bei den Instrumenten und den Laternen.» Dieser Wandel könne nicht gestoppt werden, Laternen etwa würden heute nun auch bereits geplottet und nicht mehr wie früher von Hand gemalt.

Laternen gab es 1843 noch nicht, Fackeln spendeten Licht. Dieses Morgestraich-Aquarell stammt von Hieronymus Hess.

Laternen gab es 1843 noch nicht, Fackeln spendeten Licht. Dieses Morgestraich-Aquarell stammt von Hieronymus Hess.

ZVG

Rudolf von Rohr hofft weiter, dass unsere Fasnacht Inspiration sein kann für ähnliche Bräuche, dass andere Karnevals ebenfalls anfangen, ihre Veranstaltungen zu nutzen, um der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten, wie dies Basel seit Ewigkeiten macht. Ewigkeiten? Wohl eher nicht, sagt auch Rudolf von Rohr. Denn so alt ist die Fasnacht noch gar nicht.

Der Morgenstreich wird seit dem 18. Jahrhundert durchgeführt, damals noch mit Fackelzügen. Ein paar Jährchen ist das her, ein Blick auf andere immaterielle Kulturerben aber zeigt: Da gibt es wesentlich ältere Brauchtümer. Nehmen wir die Falknerei, die Jagd mit Greifvögeln statt mit Waffen. Seit gut einem Jahr steht der Brauch auf der internationalen Liste, vorher wurde er bereits national geschützt. Deutschland teilt sich den Titel mit zahlreichen Ländern, darunter mit arabischen Staaten, jenen Ländern also, die vor 4000 Jahren mit der Beizjagd begannen.
Die öffentliche Hand ist gefordert

Damals liefen in Basel allenfalls in Fell gehüllte Gestalten umher, von einem Kostüm aber hat noch keiner etwas gehört. Eine öffentliche Hand gab es auch nicht, jeder schaute für sich – und das klappte ganz gut. Das ist auch das Einzige, was von damals übrig ist. «Ich werde oft gefragt, wer die Fasnacht organisiert. Und muss dann antworten: Niemand!», sagt Christoph Bürgin, Obmann des Fasnachts-Comités. Das Comité kümmere sich um den Cortège, die Laternen- und Wagenausstellung, der Morgenstreich beispielsweise organisiere sich aber von selbst. Und das lasse Besucher staunen.

Dennoch hoffen Bürgin und sein Vorgänger Rudolf von Rohr, dass die öffentliche Hand auf die internationale Auszeichnung reagiert. Und die Fasnacht unterstützt – mehr, als sie dies bisher tat. Räume beispielsweise seien rares Gut, einfache Räume für Trommelübungen, Laternenmalen, Wagenbau oder Larvenkaschieren.

Mit der Feier, zu der Regierung und Comité heute Abend einladen, ist ein erster Schritt in Richtung Offizialität getan. Kulturminister und neuer Bundespräsident Alain Berset und Basels Regierungspräsidentin Elisabeth Ackermann werden die Fasnacht in den höchsten Tönen loben. Ackermann wird sagen, die Aufnahme auf die Unesco-Liste steigere die internationale Bekanntheit der Fasnacht. Bloss: Wird dies wirklich der Fall sein? Für Fasnachtskenner und Journalist Minu sind «noch mehr Touristen» zweitrangig. Die Auszeichnung sei vielmehr eine «Streicheleinheit». «Und das brauchen wir Bebbis hin und wieder, wir werden damit ja nicht allzu stark verwöhnt.» Ähnlich sieht das Renate Lehmann vom Verband Deutscher Falkner.

Seit die Falknerei auf der Liste stehe, sei es ruhiger um die Kritiker geworden. Streicheln statt hauen. Neue Falkner oder mehr Interessenten aber gäbe es nicht. «Man hat sich über die Anerkennung gefreut, darüber, dass unser Brauchtum Hand und Fuss hat. Das kann niemand wegreden, jetzt schon gar nicht mehr», sagt sie. Es geht also um Anerkennung. Auch bei der Fasnacht, wie eine Umfrage bei Prominenten zeigt. Wir sind gut – und zwar richtig!

Ein unbaslerisches Gefühl leben

Als die Spanische Hofreitschule in Wien vor bald drei Jahren auf die Liste kam, sei man stolz gewesen, sagt Sprecherin Andrea Kerssenbrock. Auch heute noch erwähne man den «Status» gern. Zahlen, ob dieser mehr Besucher angelockt hat, gäbe es keine. Sie gehe nicht davon aus. Die Hofreitschule sei schon davor eine «starke Marke» gewesen.

Was also, ausser Anerkennung, bringt die Liste? «Wir dürfen ein durch und durch unbaslerisches Gefühl ausleben – wir dürfen stolz sein», sagt Christoph Bürgin. Das sei aber nur ein Teil, eine Reaktion quasi, wichtiger sei, was nach der Euphorie komme. «Nun ist offiziell, dass unsere Fasnacht Kulturgut ist und nicht bloss Scheiaweia. Das verpflichtet uns, die Tradition zu bewahren.»

Kulturerbe, das mit der Zeit geht

Die Unesco wird wohl beobachten, wie sich die Fasnacht entwickelt. Und wenn plötzlich keiner mehr weiss, wie ein Schnitzelbank-Vers gedichtet wird oder die «Retraite» getrommelt, ist es vorbei mit der lebendigen Tradition. Die Verantwortlichen der «Fête des Vignerons», die es vor einem Jahr als erstes Schweizer Brauchtum auf die Liste geschafft hat, sind sich ihrer Verpflichtung bewusst – fragen aber auch: «Soll man diese jahrhundertealte Fête, die auf der Überlieferung, dem Dialog zwischen den Generationen und auf dem enthusiastischen Engagement von Tausenden von Freiwilligen und Darstellern basiert, als einen unveränderbaren Schatz betrachten, den es vor einer sich stetig verändernden Umwelt zu bewahren gilt?»

Auf die Basler Fasnacht gemünzt ist die Antwort auf diese Frage klar: «Die Fasnacht lebt von der Zeit, die sie widerspiegelt. Das ist unsere Kultur. Und das sollten wir Fasnächtler als Erbe weiterführen», sagt Minu. In welcher Zeit wir leben, sehen wir wieder, wenn es am 19. Februar heisst: «Morgestraich! Vorwärts, marsch!» Ohne Fackelzüge zwar, dafür mit geplotteten Laternen. Wie es sich für eine gelebte Evolution gehört.