Was gibt es da noch hinzuzufügen, nach all den Jahren, all den Konzerten: Erika Stucky ist so gut, dass sie wirklich aus allem Musik machen kann. Ob mit dem Kinderspielzeug-Instrument oder aus dem Britney-Spears-Song «Hit me Baby one more Time». Oder in ihrem aktuellen Programm «Ping Pong» mit Ukulele, Mini Akkordeon, Elektronik und Super 8-Filmchen. Sie packts an und Schrott wird schön oder lustig oder traurig oder interessant oder alles zugleich.

Von Hawaii, Shanghai, Paris und Amsterdam

Eine Alchemistin ist diese Stucky. Mixt ständig neue Zutaten zusammen, mit Vorliebe möglichst unpassende. Bei «Ping Pong» schmeisst sie - einem besonders verrückten Rezept folgend - Liedtexte aus allen Welten und Zeiten in den Dampfdrucktopf und schweisst sie mit dem Bunsenbrenner zusammen. Dazu passt, dass gegen Ende des Abends die Zeile «Nothing's gonna Change my World» vom Beatles Lied «Across the Universe» aufflackert. Da waren wir mit ihr schon singend und jodelnd in Hawaii und Shanghai, beim Mann mit den Charles-Manson-Augen in der Pariser U-Bahn, mit Muhammad Ali boxend in Kinshasa, bei den Rotlichtfrauen Amsterdams, die sich über die affigen Freier lustig machen, und natürlich auch im Wallis, Stuckys Co-Heimat zusammen mit dem San Francisco der Flower Power-Zeit.

Bühnenpartner Knut Jensen

Tuba und Posaune hat Erika Stucky diesmal zu Hause gelassen. Immer diese «Overweight»-Gebühren und die zerquetschten Knie nach Taxi-Fahrten. Genug. Stucky sehnte sich nach einer Tour, die mit dem Handgepäck zu bewältigen ist. Und stiess auf die Ukulele. Da gibts Kurse im Internet, unterrichtet von Männern mit gebräunten und geölten nackten Oberkörpern.
Ausbaden musste diese Idee dann aber ihr langjähriger Produzent und nun erstmaliger Bühnenpartner, Knut Jensen. Er begleitet sie einen Abend lang auf dem Laptop und eben auf dem hawaiianischen Zupfinstrument. Wahrscheinlich investierte er dafür mehr als ein paar geölte Internetlektionen: Jensen bringt das letzte aus dem nervigen, kleinen Instrument heraus, spielt es mal traditionell, mal wie eine E-Gitarre. Ansonsten hält er sich vornehm zurück, wie «Buster Keaton», sagt Stucky. Alles andere machte auch keinen Sinn, ihre Präsenz allein ist raumfüllend.

«Ja, ich habe coole Freundinnen»

«I got star quality» singt Stucky. Sie ist erfrischend unbescheiden. Dabei aber nie arrogant, sondern wunderbar selbstironisch. Wir Musiker sind «so interesting, our lives are so fascinating». Stucky legt die Katzenohren-Kappe ab, stellt den roten Cruella-Kragen auf, den ihr Vivienne Westwood geschneidert habe («ja, ich habe coole Freundinnen»). Doch weil ihre Tochter ankündigte, sie werde ihr dereinst eine Jukebox ins Altersheim bringen, stellt sich Stucky alsbald vor, wie sie im Altersheim spielt, weiter und weiter, bis die Krankenschwester es nicht mehr aushält: «Frau Stucky, morgen können Sie ihren Bingo-Freunden wieder «All Along the Watchtower», vorsingen, aber jetzt gehen Sie in ihr Zimmer und nehmen ihre Medikamente.»
Stucky ist so eigen, dass sie aus allem Fremdem ihr Eigenes macht. Und bei aller überbordender Lebenslust, bei allem Selbstvertrauen und aller Kraft, schimmert doch auch ihre Sensibilität und Verletzlichkeit durch. Das macht letztlich ihre Qualität aus.