Pilgerreise
Englischer Fussball und das «Matchday feeling» trieben ihn nach London

Paul Baaijens präsentierte in Basel sein Buch über seine Reise in die Fussballmetropole London. Er wollte ein Spiel von jedem der 13 Londoner Profi-Klubs besuchen. Am Ende wurden es 17 Spiele in 35 Tagen – Pub-Besuche inklusive, versteht sich.

Céline Feller
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Mehr als nur 90 Minuten Fussball: Paul Baaijens beschreibt in seinem Buch englische Fussballkultur.

Mehr als nur 90 Minuten Fussball: Paul Baaijens beschreibt in seinem Buch englische Fussballkultur.

Kenneth Nars

«Es war das schlechteste Spiel, das ich je gesehen habe, aber ich habe mich sofort verliebt», sagt Paul Baaijens heute über das Spiel zwischen den beiden Londoner Vereinen Charlton Athletic und Watford, das er 2006 besucht hatte. Es war das allererste Spiel der englischen Premier League, das er live gesehen hatte. Und er ahnte wohl selber nicht, wo ihn diese neu entdeckte Liebe noch hinführen sollte.

Als wir Paul Baaijens am Freitagabend treffen, ist er nicht mehr der 17-jährige Junge, der sich per Zufall in einen nicht sonderlich erfolgreichen englischen Verein verliebt hat. Der heute 28 Jahre alte Paul Baaijens hat mittlerweile sein erstes Buch veröffentlicht – über den englischen Fussball, speziell jenen in der Fussballmetropole London.

Bei seinem Besuch in der Fussballkulturbar «didi offensiv» wollte er sein Werk namens «Matchdays – Eine besondere Reise durch die Fussballmetropole London» dem deutschsprachigen Publikum schmackhaft machen. Baaijens kommt aus Holland, aus Nijmegen genauer gesagt, nahe der deutsch-holländischen Grenze. Sein Buch gab es bisher nur in seiner Muttersprache, seit Juli 2015 existiert es auch auf Deutsch.

«Jetzt habt ihr einen Holländer»

Doch was verschlägt einen holländischen Fan des englischen Fussballs ausgerechnet nach Basel? «Der Verleger der deutschen Version meines Buches kommt aus Freiburg, und als er mich fragte, ob ich meinem Besuch in Freiburg eine kleine Reise und eine Lesung in Basel anhängen möchte, habe ich ja gesagt.» Ganz neu ist Basel für ihn aber nicht: «Ich war vor vier Jahren schon einmal mit Freunden hier. Die Stadt hat mir gefallen, vor allem die Architektur des Rathauses.»

Ausserdem habe er den FC Basel noch nie live spielen sehen, und wollte dies nachholen. «Dafür habe ich an diesem Wochenende aber keine Zeit, und es ist ja sowieso Länderspielpause», sagt er. Dass die Schweizer Nationalmannschaft morgen Dienstag ausgerechnet in «seinem» London gegen England spielt, ist Zufall. «Aber den FCB will ich unbedingt mal in seinem Stadion spielen sehen, jetzt habt ihr ja auch einen Holländer (Jean-Paul Boëtius, der im Sommer zum FCB wechselte, Anm. d. Red.).»

AFC Wimbledon bis Arsenal

Doch auch wenn er die holländischen Spieler und den holländischen Fussball mag, gibt es für ihn nichts Schöneres, als den englischen Fussball. Es fällt ihm schwer, in Worte zu fassen, was diese Magie für ihn ausmacht: «Es ist dieses Gefühl, wenn man vor Ort ist. Es geht um viel mehr als um den Fussball.» So hat Baaijens nicht Wert darauf gelegt, nur Spiele von den Londoner Topklubs Chelsea oder Arsenal zu besuchen, sondern er ging auch zu kleineren, erfolgloseren Vereinen wie dem AFC Wimbledon oder Leyton Orient.

Er wollte von jedem einzelnen der 13 Profi-Klubs, die in London zu Hause sind, mindestens ein Spiel in ihrem jeweiligen Heimstadion besuchen. Am Ende sind es gar 17 Spiele geworden in nur 35 Tagen. «Diese Reise war mein Traum, seit ich denken kann», sagt Baaijens, der normalerweise als Französisch-Lehrer arbeitet. «Meine Freunde haben viel Geld gespart für Reisen nach Australien oder Thailand. Ich habe einfach immer von so einer Reise nach London geträumt.»

Dabei war Baaijens wichtig, dass er die Spiele nicht wie ein normaler Tourist besucht. «Ich wollte die Vereine, die Stadien und die Kultur durch die Augen von Einheimischen kennen lernen.» So begann Baaijens bereits ein Jahr, bevor er zu seiner Reise aufbrach, sich vorzubereiten. «Ich habe recherchiert, mich für Newsletter eingeschrieben und in Internet-Foren nach Einheimischen gesucht und mit ihnen Kontakt aufgenommen. Auch dank diesem grossen Aufwand sei die Reise so geworden, wie er es sich gewünscht hatte. «Diese 35 Tage waren die beste Zeit meines Lebens, einfach unglaublich. Es war genau so, wie ich es mir vorgestellt habe.» Auch mit dem Buch sei er zufrieden, auch wenn er es seit der Erstveröffentlichung in Holland nie mehr gelesen habe.

Baaijens’ Buch ist der Beschrieb einer Pilgerreise zum wahren Londoner Fussballgefühl. Neben seinen Erlebnisberichten der diversen Matchdays, die in England viel mehr sind als nur 90 Minuten Fussball, hat Baaijens immer wieder faktenreiche Abschnitte eingestreut, die dem Leser helfen sollen, die englische Fussball-Kultur zu verstehen. Er erklärt Ursprünge des Hooliganismus, die teilweise bizarren Rivalitäten und die Entstehungsweise der Klub-Namen.

«Ich muss zugeben, dass mir diese Teile am wenigsten Freude bereitet haben beim Schreiben», sagt er rückblickend. «Ich hatte viel mehr Spass daran, das Treiben in den Pubs vor und nach den Spielen und all die Menschen, die ich treffen durfte, zu umschreiben.» Denn das sei es, was für ihn den englischen Fussball ausmache, diese soziale Komponente: «Väter und Söhne oder ganze Familien gehen vor dem Spiel zusammen in den Pub, es geht um das Miteinander mit der Familie und Freunden.» So müsse er auch zugeben, dass der Fussball nach drei Wochen nicht mehr so spannend war wie zu Beginn seiner Reise. Das Matchday-Feeling sei aber jedes einzelne Mal faszinierend gewesen.

Dass Baaijens nicht einfach nach London gegangen ist ohne ein Buch zu schreiben, habe damit zu tun, dass er viel zu ehrgeizig sei: «Ich wollte nicht einfach nur Fussball schauen und Bier trinken», sagt er und lacht. «Und jetzt kann ich das Schreiben eines Buches auf meiner Löffelliste auch schon abhaken.»