«Ah! Oh!», würde der Basler schwärmen, verirrte er sich in der Fremde in eine Gasse wie diese. Wobei die Bäumleingasse mehr kleine Strasse als Gasse ist, doch daran solls nicht scheitern. Es ist der Herdentrieb der Menschen, der die Seitenstrasse der Shoppingmeile Freie Strasse in Vergessenheit geraten lässt, respektive die Menschen dazu bringt, die Gasse links liegen zu lassen – oder, wenn sie von oben her kommen, rechts.

Die Frage nach dem Warum ersparen wir uns hier, zumal der Herdentrieb wahrscheinlich einziger Grund ist. Einen anderen kann es gar nicht geben: Die Bäumleingasse ist das, was man mit gutem Gewissen und ohne Werbung machen zu wollen als «ein Bijou unter Basels Strassen» bezeichnen darf. Erstens steht dort kein einziges objektiv betrachtet hässliches Haus. Zweitens bietet der Ort eine bunte Durchmischung eines qualitativ hochstehenden Angebots.

Beyeler bis 2016 zwischengenutzt

Kleiderläden wie «Capaul» oder «Tonja» mit Preisen im oberen Segment, eine Galerie mit Rahmenatelier, das älteste Antiquariat der Schweiz, eine Goldschmiede, ein Blumengeschäft, eine Weinbar, ein Coiffeur-Spa, ein Restaurant, Ärzte, Treuhänder, Anwälte und Behörden. Letztere sollen hier keine Rolle spielen, weil sie jedem bekannt sein dürften, der schon mal einen Betreibungsauszug anfordern oder in einem Gerichtssaal erscheinen musste. «Wir sind auch ein Auskunftsbüro», sagt daher Couturier Raphael Blechschmidt und erzählt von den Menschen, die in sein Geschäft kommen, um sich nach Ämtern zu erkundigen.

Der Couturier gehört zu den prominentesten Anrainern der Gasse, zumal die Galerie Beyeler nach dem Tod ihres Gründers Ernst Beyeler ihre Tore schloss und den Schlüssel einer Zwischennutzung übergab. Diese darf in Form der Weinbar «Invino» bis im März 2016 bleiben, danach wird die staatliche Liegenschaft voraussichtlich für Gerichtsräume genutzt; definitiv ist es aber noch nicht.

Ein Jammer fänden das die meisten Ladenbetreiber in der Strasse, ein Jammer, wenn Basel das Potenzial nicht nutzen würde und einfach Büros in das Beyeler-Haus einquartierte.

Die Kunstwelt zieht es an die Gasse

Wichtig war die Galerie nicht nur für die Kunstwelt, sondern für die Strasse an und für sich. «Ernst Beyeler hat mit seiner Galerie viele Leute angezogen», sagt Thomas Knöll von der gleichnamigen Galerie gegenüber. Und freut sich darüber, dass Beyeler Zeit seines Lebens in Basel blieb, wo es vor einer Galerie keiner «Männer mit Maschinengewehren» bedarf. Zudem weist Knöll darauf hin, dass sich seine Galerie «im wichtigsten Haus der Stadt» befände. Umso mehr sei der Kanton in der Verantwortung, die historische Strasse attraktiv zu halten. Im Erasmushaus starb einerseits Erasmus von Rotterdam, anderseits befinden sich darin nicht nur die Schätze der Galerie, sondern auch Bücher im Wert von Beträgen, bei denen es einem schwindlig werden kann. Ein Buch über Ägypten in drei Bänden lagert im «Haus der Bücher» und wartet darauf, für eine Viertelmillion gekauft zu werden. Es lagert noch viel mehr Antikes dort und auch bücherferne Menschen spüren hier wohl, wie es mal gewesen sein könnte, früher, in einer Zeit, die längst nicht mehr ist.

Umzug wegen zu hohem Mietzins

Für Peter und Susanna Kaller liegt die Vergangenheit erst gut zwei Monate zurück. Ende Januar mussten sie das Lokal des Familienbetriebs «André Chemisier» im Haus des Grand Café Huguenin nach 78 Jahren verlassen. Der neue Hausbesitzer verlangte einen Zins, der schlicht unbezahlbar war für das Ehepaar ohne internationalen Konzern im Rücken. Das ist es gerade, was Thomas Knöll so gefällt, dass an der Bäumleingasse Individualisten anzutreffen sind, die ihr Handwerk mit Leidenschaft leben. Peter Kaller sagt es so: «Es ist die Strasse der Individualisten.» Er fühle sich wohl, sehr sogar, mehr Laufkundschaft täte ihm dennoch gut, doch diese zieht selten vorbei. Sie ist bei der Herde, ganz nah – und doch fern.

Wer hingegen durch die Bäumleingasse geht, hat meist einen Grund. Ein Termin bei der Privatbank oben an der Rittergasse, ein Mittagessen im Restaurant «Rubino» – oder es ist der Weg von A nach B, der hierher führt. A ist variabel und könnte das Kunstmuseum oder das Eigenheim sein, B ist meist die Stadt.

Ganz so drastisch sei es nicht, meint Fiona Frank vom «Bluemehuus Bäumleingasse 7», das seinen 25. Geburtstag feiert. «Die Strasse ist nicht tot.» Vor allem an der Fasnacht zöge es der ansässigen Cliquenkeller wegen viele Menschen hierher. «Später kommen Kunden und kaufen etwas, das sie an der Fasnacht im Schaufenster gesehen haben.» Schaufenster gibt es einige hier – wohl auch fürs Herdentier. Doch hier endet der Reim, schaut doch einfach mal rein.