Porträt
Entführung, Hotelbrand, Todesfälle: Das eindrückliche Leben des Maître de Cabine Jean Michel Weiss

Unter Kollegen war er bekannt als «Kathastrophen-Weiss». Er musste als Maître de Cabine mehrere Todesfälle miterleben und wurde in der Wüste Jordaniens entführt. Wieso der pensionierte Jean Michel Weiss trotzdem wieder seinen Beruf wählen würde.

Annika Bangerter
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Der frühere Swissair-Mitarbeiter Jean Michel Weiss hat 18500 Stunden seines Lebens in der Luft verbracht.

Der frühere Swissair-Mitarbeiter Jean Michel Weiss hat 18500 Stunden seines Lebens in der Luft verbracht.

Martin Toengi

Weiss lehnt sich in seinem schwarzen Ledersessel zurück. Das Wohnzimmer im vierten Stock des Blocks im Zentrum von Birsfelden ist geräumig. Es befinden sich kaum Bücher im Raum, und dennoch ist er ausgefüllt mit Geschichten. Geschichten, die Jean Michel Weiss erzählt. Geschichten, die er selber erlebt hat. 35 Jahre flog er für die Swissair um den Globus, 18 500 Stunden seines Lebens verbrachte er in der Luft. Seine Biografie spiegelt die Veränderungen des Massentourismus’, des Luftverkehrs und des früherer Schweizer Nationalstolzes, der Swissair.

Bei dieser Fluggesellschaft heuerte er als 24-Jähriger an. Der Grund? Sein erster Flug nach Madagaskar, eineinhalb Jahre zuvor. Dorthin hatte das französische Militär den Doppelbürger beordert. Weiss’ Mutter war Französin, der Vater Schweizer.

Das Gericht der Fremdenlegion

Der 71-Jährige stützt sich auf die Lehnen des schwarzen Ledersessels, geht ins Nebenzimmer. In einem grünen Ordner bewahrt er Unterlagen seines früheren Berufslebens auf. Er zückt Dokumente der französischen Armee. Ein Text ist gerahmt von filigran gemalten Männern. Auf ihren Köpfen sind Helme festgezurrt, ihre Körper hängen in den Seilen von Fallschirmen. Weiss tippt auf das leicht verbleichte Papier: «Drei Monate lang absolvierte ich die Grundausbildung zum Fallschirmspringer in Touloun.»

Er blättert weiter: die Arbeitsbestätigung des französischen Militärgerichts in Madagaskar. Weiss, der deutsch, englisch und französisch fliessend spricht, übersetzt dort als 22-jähriger Soldat Verhandlungen. Vor den Richtern stehen Fremdenlegionäre, angeklagt für ihre missglückten Fluchtversuche oder in einem Fall wegen Mordes. Eine Dressuranstalt sei die Fremdenlegion, sagt Weiss. Dort herrsche Drill, Disziplin, Hierarchie. Bei seinen Übersetzungen lernte er zudem: «Die Trennung zwischen professionellem Töten und jenem im Affekt ist fliessend.»

Als Geisel in der Wüste

Es war nicht der Einblick in die fremde Kultur Madagaskars, die seinen Berufswunsch weckte. Es war die Reise dorthin. «Wahnsinnig imponiert» habe es ihm, als er im Flugzeug Tausende Meter über der Erde schwebte. Er sprach die Flight Attendant an, damals noch Hostesse genannt. Und reichte bei seiner Rückkehr in die Schweiz seine Bewerbung ein.

Es waren die 1960er-Jahre, «das goldene Zeitalter der Flugzeugentführung», wie es der amerikanische Journalist und Autor Brendan I. Koerner bezeichnet. Weiss fragte seinen Ausbilder: Was ist in solch einem Fall zu tun? Der Lehrer schüttelte den Kopf, kanzelte ihn ab. Das passiere rund um Kuba. Neun Monate später landete Weiss in der Wüste Jordaniens. Als Geisel.

Er war Besatzungsmitglied jener DC-8-Maschine, die Kämpfer der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) am 6. September 1970 entführten. Das Ziel der PFLP? Die Freilassung von palästinensischen Terroristen zu erpressen. Statt in New York über das Rollfeld zu schreiten, galt es für das Bordpersonal und die Fluggäste in der Maschine auszuharren. Acht Tage lang.

Fortan befand sich Weiss im Dauereinsatz: Passagiere betreuen, putzen, vor den Vorräten und der Toilette Wache stehen. Tagsüber verteilte er Getränke und Fladenbrot, nachts Schlaftabletten. Mit der fehlenden Elektronik stieg auch der Zerkleinerer der Toilette aus. Mit Kleiderbügel stopften Crewmitglieder Fäkalien und zerrissene Thora-Seiten runter. «Wir funktionierten einfach weiter. Anordnungen vom Piloten gab es keine, also organisierten wir uns selber», sagt Weiss. Die Arbeit lenkte von der Angst ab. Zumindest bis die Entführer Sprengstoff an der Maschine befestigten und Kabel verlegten: «Ob man gläubig ist oder nicht, ab diesem Zeitpunkt betet man.» Die Terroristen sprengten die Maschine, nachdem die Schweiz sich auf den Tausch Gefangene gegen Geiseln eingelassen hatte. Auf Weiss und die Crew wartete kein Careteam. Die Swissair zahlte ihnen für die acht Tage in der Wüste 36 Überstunden. Danach hiess es: weiterfliegen.

Schlich sich Angst in den Berufsalltag? Weiss denkt kurz nach: «Manchmal stiessen die Erinnerungen wie Säure auf. Schwerer als die Entführung wog für mich der Hotelbrand in Kairo.» Damals wurde Weiss von knallenden Türen geweckt. Er stand auf, bemerkte Rauch. Mit seiner damaligen Frau, die auch bei der Swissair arbeitete, versuchte er noch, so viele Gäste wie möglich zu wecken. Danach musste er hilflos mitansehen, wie eine überforderte Feuerwehr zu einem dilettantischen Rettungsversuch ansetzte. Für 62 Menschen kam jede Hilfe zu spät.

Angst vor «Katastrophen-Weiss»

Nicht zum ersten Mal war Weiss mit dem Tod konfrontiert: Auf seinem ersten Flug als Besatzungsmitglied starb ein Passagier; und als sich einmal sein Team im Meer vor Tel Aviv abkühlte, rissen Strömungen eine Kollegin mit sich. «Katastrophen-Weiss» nannten ihn Swissair-Mitarbeitende. «Einige wollten nicht mehr mit mir fliegen»,
erinnert er sich. Zudem wurde er mit belastenden Fragen konfrontiert: Hätte man nicht noch mehr tun können? Knapp neun Jahre nach seiner Ausbildung hatte Weiss genug: Seine Karriere stockte, er kündigte. In seiner Heimatstadt Basel, wo er im Hotel Trois Rois bereits die Kellnerlehre absolviert hatte, eröffnete er ein Restaurant. Lange war ihm die Bodenhaftigkeit aber nicht wohl. Er kehrte zur Swissair zurück, stieg zum Maître de Cabine auf.

Wieso sich nochmals einem möglichen Schicksalsschlag aussetzen? «Nirgendwo sonst erlebt man so viel wie beim Fliegen. Alles lässt sich gar nicht verarbeiten», sagt Weiss. Das Positive überwiege und helfe, die schwierigen, tragischen Momente wegzuschieben: «In diesem Job entsteht ein Hunger nach Erlebnissen. Dieser liess mich nicht mehr los.»

Während dreissig Jahren tauchte Weiss in die Metropolen rund um den Globus ein. Zu seiner Zeit wartete die Crew jeweils die nächste Swissair-Maschine ab, bis sie zurückflog. Das konnte bis zu einer Woche dauern. Ein Luxus im Vergleich mit den heutigen Aufenthaltszeiten. Feudal war auch die Unterbringung, erinnert sich Weiss. In einigen Hotels packten deren Angestellte ihm noch den Koffer.

Trotz diesen Rahmenbedingungen bekam Weiss die schwierigen Seiten des Berufsalltags zu spüren. Das soziale Netzwerk liess sich nur schwer pflegen – und nach mehr als dreissig Jahren quer durch die Zeitzonen musste er wieder lernen zu schlafen. Seine innere Uhr war zerbrochen. Kurz vor dem Grounding der Swissair trat er in die Schlafklinik ein. Von dort aus konnte er nur noch zuschauen, wie der Fonds zerbarst, der seine Übergangsrente vorfinanzieren sollte. Seine Frühpensionierung verschob sich um zwei Jahre nach hinten; auch seine Rente falle nun tiefer aus als vor dem Grounding berechnet.

Mithilfe von David Bowie

Jean Michel Weiss schenkt Wasser in sein Glas, und taucht erneut in jene Vergangenheit ein, deren er sich so gerne erinnert. An das Ratatouille, das er in den Wintermonaten auf dem Markt von Tel Aviv kaufte, an die Orchideen, die er seiner Frau aus Bangkok mitbrachte. Und an all die Prominenz, der er auf den Flügen begegnete: den Schah von Persien, den ehemaligen UNO-Generalsekretär Waldheim, Schauspieler Alain Delon. «Schickten wir ihre engsten Mitarbeiter weg, waren fast alle Berühmtheiten umgänglich», sagt Weiss. David Bowie brachte er einmal zum Mitanpacken. Als der Maître de Cabine sah, wie sich Bowies Sitznachbarin im Polster ihres Sessels festkrallte, bat er den Star, ihr die Hand zu halten. «Das half der Frau.»

Auf dem Couchtisch neben ihm klingelt das Telefon. Die Gegenwart bricht unerwartet ins Wohnzimmer. Es ist Mittagszeit. Weiss muss in die Küche. Er kocht leidenschaftlich gerne: nach Rezepten aus der ganzen Welt.

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