Angepöbelt

Enthemmte Party-Besucher bedrängen Ambulanz – Sanitäter rufen Polizei

Die Sanitäter fühlten sich so stark bedroht, dass sie sich erst mit Polizisten zum Einsatzort trauten.

Die Sanitäter fühlten sich so stark bedroht, dass sie sich erst mit Polizisten zum Einsatzort trauten.

Bei der After-Party zur Jungle Street Groove im Hafen Kleinhüningen wurde ein deutscher Rettungswagen aufgeboten, um einen Patienten zu versorgen. Doch die Besatzung der Ambulanz kam nicht weit.

Eine Ambulanz wird zu einem Einsatz gerufen. Ein Mann brauche medizinische Hilfe, hiess es bei der Alarmierung. Am Einsatzort angekommen, gerät die Besatzung aber bald selber in Not. Von Umstehenden werden die Rettungsassistenten dermassen stark behindert, dass sie gar nicht bis zum Patienten vordringen können. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als die Polizei zu rufen.

Der Vorfall ereignete sich am Samstagabend im Basler Hafen. Im Anschluss an die Jungle Street Groove hielten sich auf dem Klybeck-Quai mehrere Tausend Partygänger auf. Beim betroffenen Rettungsdienst handelte es sich um das Deutsche Rote Kreuz Lörrach. Die Besatzung war in Binzen stationiert. Angefordert wurde sie von der Sanität Basel. Die beiden Organisationen kooperieren, wenn es besonders viele Einsätze zu bewältigen gibt.

Türen aufgerissen und Hintern entblösst

Das Justiz- und Sicherheitsdepartement (JSD) des Kantons Basel-Stadt bestätigt den Einsatz. Um 20 Uhr sei der Rettungswagen des Roten Kreuzes mit Blaulicht zu einen Notfall an der Uferstrasse unterwegs gewesen. «Vor Ort befanden sich sehr viele Personen, deren Stimmung als enthemmt bezeichnet werden muss», schreibt JSD-Sprecher Toprak Yerguz.

«Einige begannen, am Rettungsfahrzeug, das sich wegen der hohen Anzahl an Personen kaum vorwärtsbewegen konnte, zu rütteln. Um die Situation zu verdeutlichen: Vor dem Rettungswagen zogen Anwesende die Hosen runter und zeigten den Einsatzkräften den blanken Hintern, andere öffneten von aussen die Türen.»

Nur mithilfe von zusätzlichen Polizisten sei es dem Rettungswagen möglich geworden, sicher bis zum Einsatzort zu gelangen, schreibt Yerguz. «Glücklicherweise hatte die Verzögerung in diesem Fall keine schwerwiegenden Folgen für die Person, die den Rettungseinsatz benötigte.»

Nur wenige Stunden später in Zürich: Eine Ambulanz gerät an der Seepromenade in Schwierigkeiten. Die Besatzung wird bei einer Einsatzfahrt massiv angegriffen. Die Stadtpolizei muss mit einem grösseren Aufgebot ausrücken, auch Tränengas kommt zum Einsatz. Der Fall sorgte landesweit für Schlagzeilen – vor allem auch deshalb, weil etliche der Aggressoren der Hooligan-Szene angehören.

Übergriffe nehmen zu

In Basel dürfte es sich bei den Querulanten um «gewöhnliche» Partygänger gehandelt haben. Der Organisator der Jungle Street Groove, der Verein Jungle Street Groove, schreibt, ihm lägen bisher keine genaueren Informationen zum Rettungseinsatz vor. Es seien auf dem Klybeckquai diverse Akteure aktiv, die würden jedoch komplett unabhängig vom Verein agieren. Die Parade führte dem Rheinbord entlang und endete gegen 18 Uhr im Hafen.

Laut dem JSD kommt es immer häufiger zu Problemen, wenn Rettungskräfte ihrer Arbeit nachgehen würden. «Allgemein lässt sich feststellen», schreibt Toprak Yerguz, «dass der Respekt gegenüber den Einsatzkräften abgenommen hat.» So seien schon Einsatzjacken aus Ambulanzen entwendet oder Rettungswagen beschädigt worden, während sich das Team um den Patienten gekümmert habe.

Auch registriere man mehr verbale Attacken und Gewalt gegenüber Kantonspolizei und Sanität. «Hier kommt es immer wieder mal zu Drohungen, Beschimpfungen und Tätlichkeiten.»

Sanitäter ins Gesicht geschlagen

Der Sanitäter Pascal Rey befand sich am Samstagabend ebenfalls im Hafen Kleinhüningen, jedoch in seiner Freizeit. Er habe vom Vorfall gehört, sagt der Basler zur bz. «Leider ist das, was meinen deutschen Kollegen hier widerfahren ist, längst keine Ausnahme mehr», sagt Rey. «Die Aggressionen gegen Rettungskräfte nehmen zu. Die Entwicklung ist besorgniserregend, das Gewaltpotenzial steigt.»

Rey beschäftigte sich im Rahmen seiner Ausbildung mit dem Thema. Seine Abschlussarbeit als Pflegekraft handelte von Gewalt gegen Rettungskräfte. «Die Hot-Spots liegen in den städtischen Ballungsräumen, ganz klar», sagt Rey. Brenzlig werde es etwa bei Einsätzen an Events, an denen viel Alkohol fliesse oder die Besucher viele andere psychoaktive Substanzen konsumiert hätten.

«Das Harmlosere sind Beschimpfungen und Pöbeleien, auch wird man immer mal wieder angespuckt. Richtig unangenehm ist es, wenn Umstehende uns bei der Arbeit behindern – etwa, wenn sie Material entwenden oder beschädigen oder uns sogar körperlich bedrängen.»

Rey arbeitet in Assistenzfunktion für private Rettungsdienste. Das Schlimmste, was er bisher erlebt habe: ein Faustschlag ins Gesicht.

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