BVB
«Entlassung hätte schon nach dem Bericht der Finanzkontrolle erfolgen sollen»

Der Umgang mit den Sexbildern des Ex-Direktors legt nahe: Die Spitze der BVB handelte überhastet. Verwaltungsrat Patrick Hafner kritisiert zudem, dass Baumgartner nicht schon nach Vorliegen des Berichts der Finanzkontrolle entlassen worden war.

Hans-Martin Jermann und Moritz Kaufmann
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Im Fokus der Aufmerksamkeit: BVB-Präsident Paul Blumenthal am Montag, 12. Dezember. Niz

Im Fokus der Aufmerksamkeit: BVB-Präsident Paul Blumenthal am Montag, 12. Dezember. Niz

Nicole Nars-Zimmer niz

Fakt ist: Der ehemalige BVB-Direktor Jürg Baumgartner hat Bilder seines nackten Körpers und SMS mit explizitem sexuellen Inhalt verschickt. Fakt ist auch: Am 12. Dezember wurde er deswegen fristlos entlassen. Was aber genau passiert ist, darüber kursieren widersprüchliche Aussagen und Informationen.

Letzte Woche machte die bz bekannt, dass Baumgartner seine fristlose Kündigung anficht. Anfang Woche wurde auch klar, weshalb: Baumgartner habe diese Nachrichten seiner Geliebten geschickt, liess sein Anwalt verlauten. Es gehe bei den verschickten Bildern und SMS also nicht um sexuelle Belästigung, sondern um private Unterhaltungen innerhalb einer Beziehung.

BVB halten an ihrer Darstellung fest

Von der BVB-Spitze hatten am Mittwoch, 11. Dezember bloss der am Tag zuvor gewählte Verwaltungsratspräsident Paul Blumenthal sowie Kommunikationschef Stephan Appenzeller die ominösen Nachrichten gesehen; Mitarbeitende der «Basler Zeitung» zeigten ihnen diese. Kurz darauf leiteten die BVB-Verantwortlichen die fristlose Entlassung Baumgartners ein, wie an der Medienkonferenz vom 12. Dezember erklärt wurde.

Über die Weihnachtstage waren weder Blumenthal noch Appenzeller für eine Stellungnahme zu den jüngsten Äusserungen von Baumgartners Anwalt zu erreichen. Schriftlich teilen die BVB mit, dass sie weitgehend an ihrer Version festhalten. «Es liegen mehrere Hinweise von Verfehlungen des ehemaligen Direktors vor, durch die sich Mitarbeiterinnen in ihrer persönlichen Integrität gestört fühlten.» Die sofortige Kündigung erfolgte, weil nach Abschluss einer Austrittsvereinbarung mit Baumgartner weitere «persönliche Fehltritte» bekannt geworden seien.

BVB: Die Woche des Schreckens

Montag, 9. Dezember: Der BVB-Verwaltungsrat trifft sich zu einer ausserordentlichen Sitzung, um den Bericht der Finanzkontrolle zu beraten. Verwaltungsratspräsident Martin Gudenrath tritt per Ende 2013 zurück.
Dienstag, 10. Dezember: Der Basler Bau- und Verkehrsdirektor Hans-Peter Wessels tritt vor die Medien. Er stellt den ehemaligen SBB-Manager Paul Blumenthal als neuen Verwaltungsratspräsidenten vor. Beide beteuern, an BVB-Direktor Jürg Baumgartner festhalten zu wollen.
Mittwoch, 11. Dezember: Journalisten der «BaZ» zeigen Blumenthal und BVB-Kommunikationschef Stephan Appenzeller die ominösen Sex-Nachrichten auf dem Handy. Blumenthal beruft eine ausserordentliche Sitzung des Verwaltungsrats ein, um Baumgartner fristlos zu entlassen. Um 19.40 schreiben die BVB in einer Medienmitteilung, dass Baumgartner von sich aus gekündigt hat - unter Einhaltung der Kündigungsfrist. Weshalb sie das tun, obwohl er am nächsten Tag die Fristlose erhält, ist unklar.
Donnerstag, 12. Dezember: Der BVB-Verwaltungsrat beschliesst, Baumgartner wegen der Sex-Nachrichten fristlos zu entlassen. Die BVB-Führung lässt in ihrer Kommunikation keinen Zweifel daran, dass Baumgartner Frauen im Unternehmen sexuell belästigt hat.
Freitag, 13. Dezember: Der eigentlich geheime Bericht der Finanzkontrolle wird unter Druck veröffentlicht. Er belastet die ehemaligen Chefs Gudenrath und Baumgartner schwer, ebenso Vizedirektor Franz Brunner, der immer noch im Amt ist. Im Bericht ist von unzulässigen Überstunden-Auszahlungen für Baumgartner und Brunner die Rede, von überzogenen Fringe Benefits wie teurem Dienstwagen und Dienstwohnung, von Regelverstössen bei Auftragsvergaben sowie von Vetternwirtschaft bei der Anstellung von Praktikanten. (mkf)

Details könnten aus Rücksicht auf die Betroffenen und wegen des laufenden Prozesses nicht kommuniziert werden. Fördert dieser Prozess zutage, dass die Bilder von Baumgartner tatsächlich im Rahmen einer einvernehmlichen Beziehung verschickt worden waren, wäre der von Verwaltungsratspräsident Blumenthal vorgebrachte Grund für die fristlose Entlassung hinfällig. Dies bedeutet nicht, dass dann die Entlassung zurück genommen würde. Allenfalls würde Baumgartner dann eine finanzielle Entschädigung zugesprochen.

Die Angelegenheit wirft aber in jedem Fall ein schiefes Licht auf das Krisenmanagement an der BVB-Spitze in der chaotischen zweiten Dezemberwoche. Der Entscheid für die fristlose Entlassung ist überstürzt und auf dünner Faktengrundlage vorgenommen worden. So war Blumenthal nicht selber im Besitz der schlüpfrigen Bilder, wie er am 12. Dezember vor den Medien einräumte.

Verwaltungsrat nickte nur noch ab

Das Aufsichtsgremium konnte am Morgen des 12. Dezembers – als bereits eine Einladung für eine Medienkonferenz am Nachmittag verschickt worden war – die eingeleitete fristlose Entlassung nur noch abnicken. Bilder oder andere Dokumente, welche die sexuellen Fehltritte Baumgartners belegen sollten, wurden an der Sitzung nicht präsentiert. Zwei Verwaltungsräte waren an dieser als «unverschiebbar» taxierten Sitzung gar verhindert: Dominik Egli, der beruflich im Ausland weilte, sowie Patrick Hafner, der eine Sitzung der grossrätlichen Finanzkommission leitete.

Er verstehe, dass es angesichts der sich überschlagenden Ereignisse habe schnell gehen müssen, führt Hafner gegenüber der bz aus. Er kritisiert aber, dass sich die BVB-Spitze erst nach Auftauchen der Sex-Bilder für die fristlose Entlassung entschieden habe. «Der Verwaltungsrat hätte bereits am Montag, als er den Bericht der Finanzkontrolle vorgelegt erhielt, das Arbeitsverhältnis mit Baumgartner per sofort auflösen sollen», meint Hafner kopfschüttelnd.

Vermeidbares Sexbilder-Verfahren

Er verweist auf den Artikel 32 im Personalgesetz des Kantons, wonach eine fristlose Auflösung eines Arbeitsvertrags dann möglich ist, «wenn ein Umstand vorliegt, bei dessen Vorhandensein der kündigenden Partei nach Treu und Glauben die Fortsetzung des Arbeitsverhältnisses nicht mehr zugemutet werden kann.» Dies sei in diesem Fall gegeben, kommentiert Hafner.

Doch am Montagabend sprach eine deutliche Mehrheit des BVB-Verwaltungsrates Baumgartner das Vertrauen aus, nachdem dieser die Aufarbeitung des Vorgefallenen versprochen hatte. Nun befindet sich die BVB-Spitze wegen der Sex-Bilder in einem ungemütlichen Verfahren, das mit einem nüchternen Krisenmanagement in der Causa Baumgartner vermutlich hätte vermieden werden können.