Cirque de Loin

Entwaffnend ehrlich: Vier Schwestern über die Abgründe der familiären Isolation

Noch immer tragen die Schwestern Vergangenes mit sich herum.

Noch immer tragen die Schwestern Vergangenes mit sich herum.

Eine Mischung aus Zirkus und Schauspiel entführt auf bizarre Weise in die Abgründe der familiären Isolation.

Es ist ein brühend heisser Tag, an dem der Cirque de Loin die letzten Vorbereitungen für die Vorstellungen am Klybeckquai trifft. Wie eine grosse Familie sitzt die gesamte Crew nach dem Mittagessen unter dem schattenspendenden Zirkuszelt. Nackte Kinder laufen umher, eines sitzt gemütlich auf dem Töpfchen, ein anderes erfrischt sich in den Wasserbecken, die neben dem Zelt unter einem Pavillon stehen.

«Wenn es sein muss, können wir unser gesamtes Equipment innerhalb von zwei Tagen aufstellen und einrichten», sagt Newa Grawit, künstlerische Leiterin des neusten Projekts des Cirque de Loin. Dieses Mal gehe aber alles ein bisschen länger – wenn man die Zeit habe, dann nehme man sie sich meistens auch. Es ist der zweite Stopp, den die Truppe dieses Jahr macht. Ihr aktuelles Programm «Soror» – in Koproduktion mit Les Mémoires d’Helène entstanden – erlebte seine Premiere bereits vor rund zwei Wochen in Bern.

Es ist eine ebenso bizarre wie auch anregende Show, die der Cirque de Loin seinem Publikum zum Besten gibt. «Begonnen hat alles mit einer Grundidee, dem Samen», so Grawit: Vier Schwestern, die den Geburtstag ihres toten Vaters feiern und nach und nach ihre vielschichtigen Verhältnisse enthüllen, wie sie so nur innerhalb einer Familie auftreten können. Zentrales Thema war von Anfang an der Tod. «In der Zeit des ständigen Onlineseins kriegen wir die News mit Todesnachrichten im Minutentakt präsentiert – und sie berühren kaum noch», heisst es im Mediendossier.

Eine schrecklich ehrliche Geschichte

Es ist eine Performance, die das Publikum entwaffnend ehrlich mit der Realität konfrontiert. Sie zeigt, was mit einer isolierten Gemeinschaft geschieht, wenn sie sich in ihrer Bubble immer und immer wieder im Kreis dreht. Im Laufe der Show zeigen sich seltsame alte Bräuche, die den vier Schwestern aus dem Kindesalter geblieben sind.

Dass die vier Protagonistinnen teilweise immer noch in alten Zeiten stecken, manifestiert sich aber auch in anderen archaischen und kindlich anmutenden Verhaltensweisen: Nicht umsonst wird in «Soror» absichtlich auf Dialoge und verständliche Sprache verzichtet. Umso erstaunlicher, wie viel trotz dem Verzicht auf Sprache zum Ausdruck gebracht werden kann: «Es ist toll, wie jede und jeder im Publikum das Stück aus einer anderen Perspektive interpretiert», so Grawit.

Geschlechtergrenzen überwinden

Ursprünglich seien feministische Gedanken nicht als Haupt-Message gedacht gewesen. Trotzdem ist Grawit stolz, dass viele die Performance so verstehen: «Die Einstellung, eine Frau müsse so und so sein, ist einfach veraltet. Und das gilt auch für den Mann, für das gesamte System der Geschlechterrollen», so Grawit.

Mit der Direktheit und der Überwindung von Tabus kämen aber nicht immer alle klar. «Pro Vorstellung laufen schon etwa ein bis zwei Personen aus dem Zelt, noch während wir spielen», sagt Grawit. Dass die Crew des Cirque de Loin den Nerv der Zeit aber definitiv getroffen hat, zeigen die bisherigen Vorstellungen in Bern: Dort waren nämlich sämtliche Termine komplett ausgebucht.

 

26./27. Juli und 2./3. August
Klybeckquai Basel, 20.30 Uhr, 20.- CHF, www.cirquedeloin.ch

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