Tibetfest

Er floh mit dem Dalai Lama aus Tibet – jetzt setzt er sich in Basel für seine Landsleute ein

«Ich hatte lange Zeit Mühe, zu meiner Identität zu finden» – Tashi Tsering vor klösterlichem Rot.

«Ich hatte lange Zeit Mühe, zu meiner Identität zu finden» – Tashi Tsering vor klösterlichem Rot.

«Das ist eine gute Farbe», nickt Tashi Tsering anerkennend, als er sein Porträt auf der Digitalkamera des Fotografen betrachtet. «Klösterlich.» Der warme Rotton der Wand erinnert den Exiltibeter an seine Heimat, aus der er vor sechzig Jahren flüchtete.

Zugunsten der Tibeterschule Basel veranstaltet Tsering an diesem Wochenende eine Benefizveranstaltung im Pfarreizentrum St. Clara, mit Tanz, Gesang, Kaligrafie und Gebetsfahnen, die Kinder unter Anleitung drucken können. Das Fest am Kleinbasler Lindenberg sei ein «Miteinander-Fest», betont der ausgebildete Sozialarbeiter. Alle sind willkommen, auch Schweizer und andere Nationalitäten.

Auf dem Yak über den Himalaya

Tsering sagt: «Wir wollen zeigen, dass wir hier angekommen sind und unsere Kultur bewahrt haben.» Die Einnahmen, die das Fest abwirft, helfen dabei, die Unkosten der Tibeterschule zu decken, in der Kinder die Sprache ihrer Eltern lernen. «Die Räumlichkeiten werden vom Kanton zur Verfügung gestellt», erklärt Tsering, für den Rest müsse die tibetische Gemeinschaft selber aufkommen. «Von unserer Exilregierung können wir schliesslich kein Geld erwarten.» Er sagt es in perfektem Baseldeutsch.

Der 1956 in Westtibet geborene Tsering hat mit Ausnahme weniger Jahre sein ganzes Leben in der Schweiz verbracht. Als 1959 die tibetische Bevölkerung gegen die Besatzer aus China aufbegehrte, folgte die Bauernfamilie dem Dalai Lama über die Berge nach Indien. Zwei Monate lang dauerte die Flucht, zu essen gab es nur, was die Menschen mit sich tragen konnten. «Ich war auf den Rücken eines Yaks gebunden, bis wir zu Fuss weiterlaufen mussten», erzählt Tsering. «Das war beschwerlich.»

In Kathmandu kam er mit seinen Geschwistern in ein Auffanglager für Flüchtlingskinder, die Eltern mussten Arbeit suchen. Da die Lage im Heim schwierig war, wurde mit Einwilligung der Eltern und Angehörigen versucht, Kinder in andere Länder zu schicken. 158 Kinder kamen so bis 1964 in die Schweiz. «Ich war eines dieser Kinder», sagt Tsering, der mit der letzten Gruppe reiste. Er wuchs in Riehen bei einer Lehrerfamilie auf und besuchte das Gymnasium in Basel.

«Ich hatte lange Zeit Mühe, zu meiner Identität zu finden», sagt Tsering. Für Kleidung, Essen und Ausbildung sei zwar gesorgt gewesen. Und die Pflegeeltern schickten ihn in den Ferien auch immer zu seiner Tante, die als Begleitperson im Pestalozzi-Kinderdorf in Trogen lebte. Tsering sollte seine Wurzeln und die tibetische Sprache pflegen. Trotzdem tauchte mit der Pubertät auch die Frage auf: Wer bin ich eigentlich?

«Ich habe damals angefangen, mich stark mit Tibet zu identifizieren.» Erst durch seine Arbeit als Sozialarbeiter habe er sich wieder verstärkt mit der Gesellschaft und dem Leben in der Schweiz auseinandergesetzt, sagt Tsering. Zuletzt war er bei der Sozialhilfe tätig und betreute eine Wohngemeinschaft für unbegleitete minderjährige Asylbewerber. «Für eine erfolgreiche Integration ist es ganz wichtig, dass man seine Ursprungskultur kennt, aber auch offen bleibt für das Neue.»

Die sanfte Macht des Drachen

Seit 2014 können sich Tibeter in der Schweiz nicht mehr als staatenlos oder mit «Tibet (Volksrepublik China)» eintragen lassen, sie gelten als Chinesen. «Für die neuen Flüchtlinge ist das sehr schwierig», erzählt Tsering, der als Dolmetscher zwischen Asylbewerbern und den Behörden vermittelt. Immerhin verhielten sich die beiden Basel den Tibetern gegenüber wohlwollend, versichert er: Abgewiesene Flüchtlinge würden dazu aufgefordert, ein Härtefallgesuch zu stellen. «Das ist positiv.»

Dass es überhaupt so weit gekommen ist, dafür macht Tsering wirtschaftliche Interessen verantwortlich: Im gleichen Jahr, als die administrative Änderung eingeführt wurde, unterzeichnete die Schweiz als erstes europäisches Land ein Freihandelsabkommen mit China.

Die Volksrepublik übe global ihre «soft power» aus, behauptet Tsering, etwa mittels der Konfuzius-Institute, wie es auch eines in Basel gibt. Am chinesischen Mondfest vor fünf Jahren, als junge Tibeter für mehr Respekt ihrer Kultur gegenüber demonstrierten, habe sich die Basler Regierung sehr «ambivalent» verhalten, findet Tsering. Und er bedauert, dass seit diesem Jahr die Tibetflagge am Rathaus nicht mehr gehisst wird, im Gedenken an den Volksaufstand von 1959. «Das sind sanfte, schleichende Veränderungen. Trotzdem sind wir dankbar, dass die Fahne überhaupt so lange möglich war.»

Was erhofft sich Tsering für die Zukunft? «Das China offener wird und sich mit dem Dalai Lama versöhnt.» Viele junge Chinesen hätten den Buddhismus entdeckt, «ein voller Bauch reicht ihnen nicht mehr, sie wollen auch geistige Nahrung». Und für die rund 700 Tibeterinnen und Tibeter, die heute in der Region Basel leben, wünscht sich Tsering das Urschweizerischste überhaupt: ein eigenes Vereinslokal.

 

Tibetfest im Lindenberghof, noch bis So., 11. August.

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