Sommerserie

Er ist den Sinfonikern immer einen Schritt voraus

Er drapiert die Bühne für das Sinfonieorchester Basel, Konzert für Konzert: Patric Straumann.

Er drapiert die Bühne für das Sinfonieorchester Basel, Konzert für Konzert: Patric Straumann.

Patric Straumann ist Orchestertechniker beim Sinfonieorchester Basel. Was steckt dahinter?

Mit Patric Straumann durch die Katakomben des Basler Theaters zu streifen, gleicht zuweilen einer Klang-Safari. Eng ist es, ein bisschen düster auch, es riecht nach Bühne, Mechanik und irgendwo wummert ein Presslufthammer in die Stille der Sommerpause hinein. Straumann sperrt einen Käfig auf, schlängelt sich durch die Pauken, Djembes, Paarbecken und Gongs und holt das Löwengebrüll aus dem Regal. Es sieht ganz unscheinbar aus, wie eine herkömmliche Trommel, bis Straumann an der Schnur zieht, die dem Instrument aus der Spanndecke ragt.

Und im dritten Untergeschoss an der Theaterstrasse brüllt ein Löwe durch die Gänge, dass einem Angst und Bange wird.

Administratives Mastermind

Patric Straumann (47) ist Leiter Orchestertechnik des Sinfonieorchesters Basel. Früher hätte man Orchesterwart gesagt, oder noch früher gar Orchesterdiener, wie die entsprechende Funktion im satirischen Text des Schweizer Schriftstellers Hermann Burger von 1979 genannt wird. Dieser Orchesterdiener schreibt dort ein Bewerbungsschreiben an den Herrn Generalmusikdirektor und klagt, das Orchester sei schlecht geworden, weil dem Klangkörper hinter der Bühne der «disphonische Brennpunkt» fehle. Er bitte darum ihn, den Orchesterdiener, schleunigst einzustellen um das innere Gleichgewicht der Sinfoniker wieder herzustellen.

So weit, so stimmig. Wenn Straumann fehlt, dann hat auch das Sinfonieorchester Basel ein Problem. «Meine Abteilung stellt sicher, dass der Klangkörper funktioniert, sei es auf der Bühne, oder im Graben», sagt Straumann. Der Leiter Orchestertechnik ist das administrative Mastermind hinter dem grössten Instrument der Stadt Basel, wie man das Sinfonieorchester mit seinen über 100 Berufsmusikern auch nennen könnte.

Bei einem so engen Arbeitsverhältnis zwischen Künstlern auf der einen, und Handwerkern auf der anderen Seite gehen Arbeit und Selbstverständnis ineinander über, die Abläufe werden synchron.

Aufwärmen. Für die Musiker ein unverzichtbares Ritual, sie machen ihre Finger geschmeidig, lockern die Lippen, justieren das innere Metronom. Auch Straumann wärmt sich in der Vorbereitung die Finger. Zum Beispiel dann, wenn er für die ausgefallenen Klangbedürfnisse moderner Kompositionen kurzerhand das Schweissgerät in die Hand nimmt und solange Metall vernietet, bis das neue «Instrument» nach einer Strassenabsperrung klingt, die über den Asphalt gezogen wird. Stand so schon in einer Partitur. Weniger aufwändig einzulösen war die Anweisung eines Komponisten, an entsprechender Stelle mit einer Chips-Packung zu rascheln. Straumann ging dann Chips kaufen und hoffte, die Tüten würden backstage als Instrument erkennbar bleiben und nicht als willkommener Snack fehlinterpretiert werden.

Schattenchoreografie des Requisits

Der Orchestertechniker wird früh in die musikalischen Prozesse mit einbezogen. Er hat Einblick in die Partituren, seine Bibel ist aber der Probeplan, der das Saisonprogramm der Sinfoniker akribisch durchtaktet. Auf die Probe folgt ein Fotoshooting, folgt ein Extraauftritt der Blechbläser, folgen Anreise und Konzert. Straumann weiss bereits Wochen im Voraus, was die Musiker erst vor Ort erfahren oder anders gesagt: Wenn sich die Sinfoniker in der Garderobe aufwärmen, ist Straumann schon längst auf Betriebstemperatur.

Stimmen. Hier ist Straumann Generalanalyst, Feintechniker, Visionär. Er drapiert die Bühne Konzert für Konzert mal für Bruckners 6. Sinfonie, dann für Mozarts Klavierkonzert im Kammermusikformat. Stets müssen Pulte, Podeste, Stühle und Notenständer verrückt und den Bedürfnissen der Musiker entsprechend aufgebaut werden. Es ist die Schattenchoreografie des Requisits, die der Besucherin zuallererst begegnet, sobald sie den Saal betritt. Sie fällt keinem auf, man nimmt sie hin. Dabei können die Platzverhältnisse und eingerichteten Sichtschneisen in Richtung Dirigentenpult über Nuancen musikalischer Entfaltung entscheiden. Bevor die Oboe das A intoniert, hat Straumann schon vorgestimmt.

Auftritt, Spektakel, Abgang. Handwerk beiseite, jetzt ist Fingerspitzengefühl gefragt. Der Leiter Orchestertechnik wartet Seite an Seite mit Dirigent und Solistin auf ihren Auftritt, er sieht als Letzter die Angst oder Vorfreude in ihren Augen, die fahrigen Rituale vor dem Gang auf die Bühne. «Ich versuche jeweils, zur Entspannung beizutragen», sagt Straumann, «mache einen lockeren Spruch, wünsche Glück».

Während des Konzerts linst er durch das Bullauge im Künstlereingang zur Bühne nach vorn und sah dort schon Dirigenten im Eifer eines Animato Fortissimo Gefahr laufen, samt Podium über den Bühnenrand in den Zuschauerraum zu stürzen. «In der Pause haben wir das Dirigentenpodium kurzerhand an den Boden festgeschraubt.» Nach den Auftritten hält Straumann die Türe auf, hört wieder als Erstes wie Solistin oder Dirigent das Konzert erlebten, spürt die Enttäuschung, die Freude, die geballte Energie, die mit den Hochleistungskünstlern von der Bühne zu ihm hineinschwappt.

Zurück im Untergeschoss des Theaters. Straumann beschliesst seinen Rundgang durch die Katakomben, in denen die Sinfoniker als Hausorchester zur Zeit ihr Schlagwerk und die Kontrabässe lagern. Bis Mitte August ist hier Sommerpause. Straumann macht diesen Job jetzt seit fünf Jahren, davor war er Flugzeugtechniker. Die frühere Arbeit sei schon etwas Anderes gewesen, sagt er, aber so ganz verschieden dann auch wieder nicht: «Beide Einheiten, das Flugzeug wie das Orchester, bestehen aus unzähligen kleinen Teilen. Beide haben sie einen Rumpf. Und beide kommen erst, wenn man sie fertig zusammengebaut hat, zum Fliegen.»

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