An jedes Detail kann sich der 79-jährige Basler erinnern, alles hat er präsent: Baustil, Jahreszahlen, Dachformen, das Geschäft oder die Wirtschaft, die sich im Erdgeschoss befand, wann er welches Haus fotografiert hat und ob ihn, als er auf den Auslöser drückte, die Sonne blendete oder eine Bise wehte. Der pensionierte Journalist weiss auch, was heute anstelle der geliebten Gebäude steht. (Meist nichts Gutes, wie er betont.)

Seit über sechs Jahrzehnten fotografiert Stoecklin Häuser, die dem Tod geweiht sind. Seine Leidenschaft hat ein Archiv von unschätzbarem Wert hervorgebracht. Ein Teil der zehntausenden von Aufnahmen ist der Öffentlichkeit zugänglich. Ende 2017 gab Daniel M. Cassaday, ein Bekannter Stoecklins, das Buch «Verschwundenes Basel» heraus. Auf 117 Seiten sind Gebäude, Häuserzeilen und Anlagen zu sehen, die zwischen 1950 und 1970 abgerissen wurden. Jetzt ist die Zweitauflage erschienen, mit neuem Cover.

Es gäbe Material für viele weitere Bände. In Stoecklins Arbeitszimmer in seiner Wohnung in Allschwil gibt es keine Ecke, in der keine Kisten und Taschen voller Fotos lagern. «Ich habe noch immer nicht alles geordnet und archiviert», sagt er beinahe entschuldigend. «Das braucht Zeit, und es wurde ja ständig wieder neues abgerissen.»

Schleppt Trümmer nach Hause

Manchmal war der Hobbyfotograf derart überwältigt vom Verschwinden eines Gebäudes, dass er sich ein Stück der Ruine sicherte. Die Memorabilien schleppte der Jurist mit Doktortitel eigenhändig nach Hause. Zu den Erinnerungen in Stein gehörten etwa zwei massive Fenstergewände aus Sandstein mit gotischen Kerben. «Das eine Gewände stammt von der Hebelstrasse, Haus ‹Alte Treu›, abgerissen 1965/66», sagt Stoecklin. «Das andere Gewände habe ich beim Abbruch des ‹Drachen› in der Aeschenvorstadt retten können, Abbruch 1953/54. Eine Tragödie!»

So wie Stoecklin fühlen viele. Die bz zeigt online in lockerer Folge Bilder seines Archivs, das Interesse ist gross. Auch auf Facebook sind seine Aufnahmen zu sehen, auf einem Portal, das wie das Buch «Verschwundenes Basel» heisst, online gestellt von Daniel M. Cassaday. Fast täglich können die Fans neue historische Fotos bestaunen, Kommentare lassen nie lange auf sich warten: «Gleich um die Ecke bin ich aufgewachsen!», heisst es dann, «Dort war doch unser Lieblingsbeck!», oder «Schenkt mir eine Zeitmaschine!».

(zu) Dominante Hochhäuser

Der Auslöser für Stoecklins Passion war ein Abriss, der ihn besonders geschmerzt haben muss. Der Sohn eines Antiquitätenhändler-Paars wuchs in der Aeschenvorstadt auf – nirgends sonst wurde in der Nachkriegszeit derart gewütet: Nicht nur verwinkelte Häuschen, auch Stadtpalais sollten Platz machen, damit die Strasse verbreitert werden kann: fürs Auto.

Ab 1953 wurde der «Drachen» platt gemacht. Der damals 13-jährige Lukas kam täglich am prächtigen Haus vorbei, das bald einem Steinbruch glich. «Es hat mich einfach gereut. Ich wollte dieses Gebäude für die Nachwelt erhalten.» Seine erste Kamera war eine Gevaert Box. Nur zehn Jahre nach dem «Drachen» fielen auch «zum Hirzen» und «zum Goldenen Sternen». Immerhin: Vom «Goldenen Löwen» konnte die Fassade erhalten werden: Sie steht heute in der St. Alban-Vorstadt.

Selbst ein Abriss-Opfer

Die Matura im Sack zog es Stoecklin zur Juristerei. «Nach dem Doktorat machte ich ein Volontariat, musste aber bald feststellen, dass das nicht meine Welt ist.» Per Zufall kam der Jurist zur damaligen «National-Zeitung», arbeitete im Korrektorat. Später begann er, selber in die Tasten zu hauen, Spezialgebiet: Gerichtsberichterstattung. Er blieb dem Beruf treu, auch nach der Fusion der «Nati» mit den «Basler Nachrichten» zur «Basler Zeitung».

Stoecklin bekämpfte die Zerstörung seines geliebten alten Basels auch politisch. Kaum volljährig trat er dem Basler Heimatschutz bei, später auch der Freiwilligen Basler Denkmalpflege, wo er seit 1991 im Vorstand sitzt. Er sei stets ein Hardliner gewesen, sagt Stoecklin. Nicht alle hätten das goutiert. «Einmal hat mich jemand – dessen Name nenne ich hier lieber nicht – als Heimatschutz-Taliban betitelt. Ich bin stolz auf diesen Namen.»

Trotz seines Eifers: Er sei nicht per se gegen alles Neue, beteuert Stoecklin. «Aber es muss gut sein.» Die Neubauten auf dem Novartis-Campus würden ihm gefallen. Mühe hat er mit Hochhäusern. Als gelungen beurteilt er den Grosspeter-Turm («vorbildlich») und den Baloise-Turm beim Bahnhof SBB («zu hoch, aber immerhin mit klaren Formen»).

Wenig anfangen kann er mit dem Bau 1 von Roche. Zusammen mit dem in die Höhe wachsenden Bau 2 sähen die Doppeltürme aus «wie zwei Giraffen, die aufeinander zugehen». Das «mit Abstand Schlimmste» sei das Meret-Oppenheim-Hochhaus beim Bahnhof SBB. Beim Anblick des verschachtelten Kolosses von Herzog & de Meuron schaudere es ihn.

Ironie der Geschichte: Nach Allschwil zügelte Stoecklin, weil das Haus, in dem er wohnte, die Liegenschaft Sternengasse 27, auch abgerissen wurde. Innerhalb der Genossenschaftssiedlung in Neu-Allschwil zogen die Stoecklins mehrmals um. Wegen der zwei Kinder brauchte die Familie mehr Platz. In der Stadt gab es damals nicht genügend Wohnraum – trotz der immensen Bautätigkeit. «Ende der 1960er-Jahre war es in Basel fast unmöglich eine bezahlbare Wohnung zu finden», erinnert sich Stoeck lin.

Der 79-Jährige hat Mühe beim Gehen, besorgt jedoch seinen Haushalt selbstständig. Pläne hat er viele. So brütet er gemeinsam mit Daniel M. Cassaday am Band II von «Verschwundenes Basel». Die Nachfrage sei da. «Die Leute mögen die Bilder mit den alten Häusern und Plätzen. Sie kriegen kaum genug davon.»

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Anmerkung: In der Bildergalerie war ein Foto mit Bahnhöfli Oberwil beschriftet. Das war nicht korrekt. Wir haben das Bild ersetzt.