Georg Kreis hat seine Biografie geschrieben. Der Historiker, emeritierter Professor der Universität Basel, langjähriger Leiter des Europainstituts, angefeindeter Alt-Präsident der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus und unermüdliche Publizist feiert Mitte November seinen 75. Geburtstag. Zeit, wie er meint, um Ballast abzulegen. Es ist der zweite Band seiner Lebensgeschichte, 336 Seiten stark, die in den Buchhandel kommt.

Der erste Band liegt allerdings nur als Rohtext vor. Ob er ihn je publizieren oder doch direkt mitsamt den Archivalien seines langen Sammlerlebens ins Staatsarchiv geben wird, weiss er nicht. «Ich habe Hemmungen», sagt Kreis und fragt: Was interessiert sich die Öffentlichkeit für seine Kindheit und Jugend? Oder vielleicht doch eher: Was hat das Publikum seine Kindheit zu interessieren? Dabei weiss er, wie prägend die Jugend ist. Gerade diese Zeit interessiert in Biografien.

Das ist Kreis. Von sich überzeugt und an sich zweifelnd. Er tritt forsch in der Öffentlichkeit auf und zögert doch. Er streitet um Einfluss und Deutungshoheit, misstraut gleichzeitig Macht und ihren Erzählungen. Er will dazugehören und steht doch lieber ein wenig abseits. Er bricht regelmässig Kontroversen vom Zaun und sagt: «Ich suche den Streit nicht.» Um zu ergänzen: «Ich scheue ihn aber auch nicht.» Er hadert mit den Umständen, die ihn über fünfzig Jahre alt werden liessen, bevor er eine ordentliche Professor erhielt, und ist «dankbar», dass die Umstände es so gut mit ihm meinen.

Quer zu jeder Schablone

Kreis kam 1943 in Basel zur Welt. Der Grossvater war ein aus der Gegend von Frankfurt zugewanderter Goldschmied. Er hatte die Rektoratskette geschaffen, die noch heute am Dies academicus von der Rektorin der Universität Basel getragen wird. Sein Vater verliess die Familie, als Georg vierjährig war. Er schreibt, er habe nie einen eigenen Vater gehabt. Kreis hat ihn durch akademische Vaterfiguren ersetzt, durch Edgar Bonjour, Herbert Lüthy. Bei der alleinerziehenden Mutter war das Geld knapp, reichere Verwandte ermöglichten aber eine Internatsausbildung in Schiers. Als junger Familienvater musste Kreis verdienen, wurde Lehrer. Zuerst auf Primarstufe, dann auf Gymnasial-, schliesslich auf Hochschulstufe. Er stieg zielstrebig auf, doch wenn ihm ein ehemaliger Schüler egal welcher Stufe begegnet, stellt sich ihm noch heute bang die Frage: «War ich gut genug?»

Sein Vorteil sei, sagt Kreis, dass er in verschiedenen sozialen Welten zu Hause sei. Die Kehrseite: Er ist schwer fassbar, mit keiner Schablone einzusortieren. Das macht ihn zur Projektionsfläche aller möglichen Anwürfe. In der akademischen Welt gilt er als leichtgewichtig, in der populären Welt als elitär. Den Linken ist Kreis ein Rechter, den Rechten ein Linker.

Anfeindungen von links

Den Ruf eines stramm Bürgerlichen handelte sich Kreis als Student ein. In der vom 68er-Sturm aufgewirbelten Studentenschaft der Uni Basel wurde er als Opportunist beschimpft, da er als Leiter des Filmprogramms der straff organisierten Linken die Gefolgschaft verweigerte. Die Reflexe lassen sich bei ehemaligen Kommilitonen bis heute abrufen. Zur nationalen Zielscheibe wurde Kreis, als er der linken Ikone Niklaus Meienberg vorwarf, beim Dokumentarfilm «Die Erschiessung des Landesverräters Ernst S.» pflege er einen sorglosen Umgang mit den Fakten.

Kreis nährte das Bild des angepasst ehrgeizigen Bürgersohns. Er trat der FDP bei und wurde rasch Vizepräsident der Basler Kantonalpartei. Die Folgen linker Ausgrenzung zeigten sich 1982, als studentischer Protest sowie universitäre Intrigen verhinderten, dass er zum ordentlichen Professor der Universität Basel berufen wurde. Dass mit Kurt Wehrle ein Gymnasiallehrer gewählt wurde, der politisch eindeutiger auf dem rechten Flügel sass, ist die besondere Pointe dieser Episode. Dass sich Kreis aber auch in Zürich, in Bern und erneut in Basel bewarb, dabei stets leer ausging, zeigt, wie er sich einerseits um eine Professur bemühte, sich andererseits ideologische Widerstände türmten.

Anfeindungen von rechts

Die universitären Absagen öffneten andere Türen. Für das Fernsehen schrieb Kreis das Skript für die Geschichtsserie «Der Weg zur Gegenwart». Der Lehrer wurde zum Lehrer der Nation und zum breit bekannten Publizisten. Für den Nationalfonds betreute er Programme zur Nationalen Identität, zu den Möglichkeiten der schweizerischen Aussenpolitik. Positiv formuliert war Kreis mit seinen Themen stets am Puls der Zeit, Kritiker lästern: er sei an den Moden des Zeitgeistes.

Als Gutachter stellte sich Kreis auf die Seite von Radio DRS, das kritisch über die Deutschlandaktivitäten der Zigarrendynastie Villiger während der deutschen Naziherrschaft berichtete. Er leitete die Untersuchungskommission zur Geschichte des schweizerischen Staatsschutzes. Er war Mitglied der Bergier-Kommission, die in sechsjähriger Arbeit die Geschichte der Schweiz während des Zweiten Weltkrieges nachzeichnete. Er betreute das nationale Forschungsprojekt zum Verhältnis der Schweiz zum Apartheidstaat Südafrika.

Die Arbeit in der Bergier-Kommission markiert den Wendepunkt in seiner Wahrnehmung als politische Person. Gewählt wurde er nicht zuletzt mit der Projektion, er werde der vorpreschenden linken Forschergilde um den Zürcher Historiker Jakob Tanner Paroli bieten. Die Fronten liefen jedoch anders: Kreis und Tanner wurden Verbündete, die dem ungeschickt agierenden linken Forschungsleiter Jacques Picard ebenso die Fäden aus den Händen nahmen wie dem kaum agierenden, bürgerlichen Kommissionspräsidenten Jean-François Bergier.

Noch von links argwöhnisch beäugt, wählte der Bundesrat Kreis zum Präsidenten der Kommission gegen Rassismus. Damit gab er der SVP gleich das doppelte Feindbild ab: Mit der Kommission repräsentierte er das von der Rechtspartei verhasste Antirassismusgesetz. Als erster Direktor das Basler Europainstituts besetzte er zudem ein zweites Kernthema der SVP mit einer Gegenposition: Europa.

Aus dem Linksgehassten wurde der Rechtsgehasste. In seiner eigenen Wahrnehmung haben sich seine Positionen kaum verschoben. Mit dreissig trat er der FDP bei, weil er lieber am linken Rand einer bürgerliche Partei agierte, als ein rechter Sozialdemokrat zu sein; mit siebzig trat er aus, weil ihm die Partei fremd geworden ist.

Die Leitung des Europainstituts war der Ersatz für die fehlende Geschichtsprofessur. Mit der Integration des Instituts in die Universität wurde Kreis aber doch noch in den Zirkel der Ordinarien der Universität aufgenommen. Vor sieben Jahren hat er die Leitung abgegeben, doch noch immer hat er in der Villa des Europainstituts sein Büro. Noch immer sieht sein geregelter Arbeitstag vor, dass er von halb sieben bis halb neun Uhr morgens zu Hause an seinen Büchern, Aufsätzen, Kolumnen und Kommentaren schreibt. Mit dem Fahrrad fährt er dann quer durch die Stadt zum Institut, unterrichtet, diskutiert, debattiert, administriert.

Vielleicht, aber auch nur vielleicht, hört er Ende Jahr mit den regelmässigen Vorlesungen auf.
Ein Vielschreiber wird Kreis bleiben. Er sagt nur halb ironisch: «Ich kompensiere fehlende Qualität eben mit Quantität.» Der Zweifel, ob «gut genug» ist, was er macht, begleitet ihn auch als Publizisten. Dass er es nun etwas langsamer angehen könnte, hört er zwar wohl. Doch dafür ist ihm die Lebenszeit zu kurz.