Traditionen

Er kämpft für eine Fasnacht ohne Pferde: Dieser Polizist hat sein Leben den Tieren verschrieben

Wenn Olivier Bieli die Waffe ablegt, kümmert er sich um verstossene Tiere – und kämpft gegen Fasnachtstraditionen.

Als kleiner Waggis weinte er, wenn er die Pferde am Cortège sah. Es tat ihm leid, die Tiere diesem Lärm ausgesetzt zu sehen, daneben zu stehen, wenn sie nervös wurden. Doch was sollte er tun? Er war ein Kind. Also warf er weiter Räppli in die Menge. Das tut er heute noch. Doch in der Zwischenzeit schaut er den Chaisen nicht mehr tatenlos zu.

Als Olivier Bieli 17 Jahre alt war, erkrankte seine Mutter an Krebs. Im Internet erfuhr der Teenager, dass jährlich Millionen Menschen an der zerstörerischen Krankheit sterben und nur wenige geheilt werden können. Die Kinder machten ihm am meisten zu schaffen. «Mir wurde bewusst, dass auch das schwächste Glied der Gesellschaft Krebs bekommen kann. Ich wollte helfen», sagt Bieli. Ein Jahr später fand das «Openair Bottmingen» erstmals statt. Jedes zweite Jahr holte Bieli Stars wie Fools Garden oder Adrian Stern in die Baselbieter Gemeinde. Der Erlös ging an kranke Kinder.

Kinder haben keinen Platz

Inzwischen ist Bieli 34 Jahre alt und verheiratet. Er könnte längst selber Vater sein. Doch für Olivier und Rebecca Bieli steht das Kinderthema nicht im Vordergrund. Eigene Kinder lassen sich nicht mit der Philosophie des Paares vereinen. Olivier und Rebecca Bieli haben ihr Leben den Tieren verschrieben.

Mit Kastrationsaktionen sorgen sie dafür, dass sich Strassenhunde und –katzen im Süden und Osten Europas nicht vermehren. Auf ihrem Gnadenhof im Elsass bieten sie ausgesetzten und behinderten Tieren einen Lebensabend in Würde. Warum Tiere züchten, wenn es doch schon so viele Tiere gibt, die niemand will? Diese Überlegung macht sich das Paar auch, wenn es um eigene Kinder geht. 

Es gibt mehrere Olivier Bielis. Den Polizisten Bieli, den Fasnächtler und den Tierrechtsaktivisten. Als Polizist ist er zu allen Tages- und Nachtzeiten in Uniform auf Patrouille in Basel unterwegs. Er trägt eine Waffe und dürfte Gewalt ausüben, wenn es die Situation erforderte. Er ist ein Schugger, ein Bulle, ein Cop. Und das gern. «Ich habe die Ausbildung gemacht, weil ich helfen wollte», sagt er. Da ist er wieder, dieser Helferdrang. Er zieht sich wie ein dickes, knallrotes Seil durch sein Leben. Das Wort Helfersyndrom hört er nicht gern, dennoch sagt er: «Ich gehe schwer davon aus, dass ich ein solches habe.»

Es versteht sich von selbst, dass Bussen verteilen und Leute verzeigen nicht zu den Lieblingsbeschäftigungen des Polizisten gehören. «Aber es ist Teil meiner Arbeit», sagt er. Seine Kollegen beschreiben ihn als «integer» und «gut im Korps integriert». Es gibt niemanden, der etwas an ihm auszusetzen hat. Bieli selber ist aber sicher: Hinter seinem Rücken wird getuschelt, gelästert, getratscht. Und vielleicht gestaunt.

Groll unter der Waggislarve 

Wenn die Kollegen in der Kaffeepause die Zeitung aufschlagen, lesen sie in letzter Zeit häufig den Namen Olivier Bieli. Dabei geht es nie um die Sicherheitspolizei, bei der er angegliedert ist, sondern immer um die Fasnacht. Allerdings berichtete noch nie jemand darüber, dass Bieli seit Jahren als Velowaggis unterwegs ist und hinter einer Chaise einsteht. Die Rede ist stets vom Tierschützer Olivier Bieli und dessen Kampagne «Für eine Fasnacht ohne Tiere». Tierschützer, klarer Fall, ein Kerl mit Gammelpulli und langem Haar, Veganer. Auf Bieli trifft nur Letzteres zu – und das nur auf seinem Hof. In der Kantine ist er gezwungen, tierische Produkte wie Milch zu sich
zu nehmen.

Die Hühner heissen Henriette

Im Elsass aber, «da bin ich einfach Olivier». Und der lebt strikt vegan. Trägt keine Lederschuhe, isst keine Eier, keinen Käse. «Ich fand Veganer früher Psychos, die Beziehung zu den Tieren hat das aber geändert.»

Studien, wonach routinierte Pferde gut mit Situationen wie der Fasnacht klar kommen, lassen den Aktivisten kalt. Für ihn zählt, was er sieht. «Ich sehe gestresste Tiere, die jederzeit durchbrennen und sich und die Besucher der Fasnacht in Gefahr bringen könnten.»

Auch ein Teilsieg hat ihn nicht milder gestimmt: Das Veterinäramt hat mit dem Fasnachts-Comité Massnahmen für Pferde an der Fasnacht beschlossen. Neu gilt unter anderem eine Deklarationspflicht, Tierärzte werden vor Ort sein und es werden Ruhezonen für die Pferde eingerichtet. «Offenbar hat der Druck, den wir aufgesetzt haben, etwas bewirkt – unser Ziel ist aber nicht erreicht», sagt Bieli. Das ist Comité-Obmann Christoph Bürgin klar. Er sagt: «Solange Pferde am Cortège teilnehmen, wird Herr Bieli unzufrieden sein.»

200 Tiere leben auf dem Gnadenhof Papillon. Bis auf die Hühner haben alle einen Namen. Ben, Jan, Daisy, Nala, Luca, Nova, Robbie. Die Hühner heissen alle Henriette. «Es wäre schwierig, sie zu unterscheiden», sagt Bieli. In seiner Wertschätzung unterscheiden sie sich aber nicht von den Schweinen auf dem Hof, den Hunden, Pferden, Geissen, Schildkröten, Enten, Gänsen, Meerschweinchen, Katzen, Ochsen, Schafböcken, Lämmchen, Tauben. Und auch nicht von den Menschen, ohne deren finanzielle und praktische Unterstützung der Hof nicht überleben könnte.

Was für Bieli zählt, ist das Lebewesen. Und damit eckt er mancherorts an. «Was? Eine Katze ist für dich gleich viel wert wie ein Mensch? Das kann doch nicht sein!», hört er öfters. Das war anders, damals, als er sich noch für kranke Kinder einsetzte. «Da gab es keine Gegenseite», sagt Bieli. «Es gibt niemanden, der kranken Kindern nicht helfen will.» Wobei es auch da Unterschiede gäbe. Als er einmal ein Waisenhaus mit kriegstraumatisierten Kindern in Bosnien unterstützte, habe sich die Sponsorensuche schwieriger gestaltet als bei seinem Engagement für krebskranke Kinder.

Er wollte Kindern und Tieren gleichermassen helfen, organisierte ein Oldtimer-Treff in Bottmingen und setzte den Erlös hälftig für Kinder- und Tierhilfe ein. Das kam bei vielen nicht gut an. Sie wollten nur Kindern helfen. Bieli musste sich entscheiden. Und tat dies zugunsten der Tiere.

Das Ehepaar Bieli kann sich keine gemeinsamen Ferien leisten. Finanziell läge es zwar drin – beide arbeiten beim Staat und verdienen nicht schlecht. «Es muss aber immer jemand auf dem Hof sein», sagt Bieli. Die Zeit, die andere Paare an weissen Stränden verbringen, nutzen die Bielis für Tierhilfe vor Ort. Im Zentrum der Arbeit steht ein Tierheim in Rumänien. Es ist eines von zahlreichen Projekten, das Olivier und Rebecca Bieli ins Leben gerufen haben. Ginge es nach Olivier Bieli, käme täglich ein weiteres Projekt dazu. Inzwischen hat er aber eingesehen, dass auch seine Kraft begrenzt ist. 

Das Lämmchen hatte Glück

«Am Anfang haben wir jedes Tier, das uns gebracht wurde, aufgenommen», sagt er. Es habe sich herumgesprochen, dass es im grenznahen Munchhouse einen Gnadenhof gibt, was zu mehr Angeboten führe.

Neulich kam ein Bauer mit einer Gruppe Geissen auf den Hof. «Nehmen Sie sie nicht, schlachte ich sie», sagte er. Bieli konnte sie nicht nehmen. Zu wenig Platz neben all den anderen Tieren. Als letzte Woche ein Nachbar ein im Wald ausgesetztes Lamm brachte, sah die Situation anders aus. Ein Lamm ist keine Gruppe, aber mindestens so aufwändig wie eine Geiss. Die Bielis sind jetzt damit beschäftigt, das Lamm regelmässig mit Milch zu füttern.

Olivier Bieli wird auch dieses Jahr wieder Fasnacht machen. Bloss den Cortège am Montag wird er auslassen. Warum, verrät er nicht. Nur dies: «Es geht um Chaisen.»

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