Knapp 30 Jahre nach ihrem Tod ist die Schweizer Pädagogin und Historikerin Julia Gauss digital «auferstanden». Gemäss dem Historischen Lexikon der Schweiz publizierte sie über mittelalterliche Kirchen- und Philosophiegeschichte und religiöse Toleranz – nun leiht sie einer Facebook-Seite ihren Namen. Thomas Erlemann kämpft quasi in ihrem Namen gegen die geplante Scientology-Kirche im Iselin-Quartier. An der Burgfelderstrasse eröffnen die Scientologen voraussichtlich 2015 die «Ideal Org» – die grösste Schweizer Scientology-Filiale, wie die Schweiz am Sonntag berichtete. Das will Erlemann verhindern: «Niemand will diesen Bau im Quartier. Es ist ein Fremdkörper.» Von dem Projekt weiss Erlemann seit zwei Jahren. Aufgerüttelt haben ihn aber die Scientology-Veranstaltung auf dem Barfi Ende Juni und eine Dokumentation im Fernsehen.

Am letzten Freitag hat er im Alleingang die besagte Facebook-Seite eingerichtet – und innert drei Tage um die 350 Freunde gesammelt. Darunter sind prominente Namen aus Politik und Kultur, wie SP-Nationalrätin Bea Heim, Grossrat Joël Thüring (SVP) oder Comedian Fabian Unteregger. «Bis jetzt bin ich eine Einzelmaske, aber Unterstützung kommt von links bis rechts», sagt Thomas Erlemann. Persönliche Gespräche haben mit den bekannten Persönlichkeiten kaum stattgefunden; Erlemann stützt sich fast vollständig auf die digitale Freundesliste.

Denn diese stimmt ihn hoffnungsvoll. Für das Gebäude hat er konkrete Ideen: Ihm schweben ein Quartierzentrum – unter anderem mit einer Bibliothek der GGG, Ateliers und Sitzungsräume – vor. Deshalb fordert er die Regierung Basel-Stadt auf, sämtliche Baubewilligungen der Scientology-Liegenschaft aufzuheben und das Gebäude zu kaufen.

Frist für Einsprache ist abgelaufen

Eine Idee, der Kenner kaum Chancen einräumen. «Das scheint mir eine utopische Vorstellung zu sein. Dazu fehlt es an Rechtsgrundlagen», sagt Marcel Rünzi. Er ist Bürgergemeinderat (CVP) und Vorstandsmitglied des Neutralen Quartiervereins Kannenfeld. Auch er weist daraufhin, dass der Scientology-Bau unerwünscht ist: «Aber wir haben keine Handhabung, um diesen zu verhindern.» Auch SVP-Grossrat Michel Rusterholtz bewertet die Forderungen von Erlemann als idealistisch: «Es ist nicht möglich, einen Umbau zu gestatten und diesen kurz darauf wieder rückgängig zu machen.»

Bereits im November hat Rusterholtz beim Regierungsrat betreffend den Besitz- und Bauverhältnissen des Scientology-Baus nachgefragt: «Die Einsprache hätte erfolgen müssen, als das Baugesuch ausgeschrieben war.» Jetzt ist die Frist verstrichen. Wieso sich keine Anwohner eingeschaltet haben, weiss Marcel Rünzi: «Grundsätzlich herrscht Gewerbefreiheit. Präventiv etwas zu verbieten, das einem nicht passt, funktioniert nicht.» Rünzi will abwarten und die Vorgänge aufmerksam beobachten.

Rustenholtz verweist auf die Möglichkeit einer Petition durch die Anwohner. Er gibt aber zu bedenken, dass der Kanton nichts unternehmen kann, so lange Scientology das Gebäude nicht verkaufen will. Thomas Erlemann sieht das nicht so eng: «Ich komme aus der Anti-AKW- und Stadtgärtnerei-Bewegung. Ich habe andere Ideen.» Als Nächstes will Erlemann einen Verein gründen, Flugblätter und bunte Fähnchen drucken.