Rathaus
Er kaufte allen Putzfrauen eine neue Schürze

Erwin Bezler war 35 Jahre lang der Abwart des Basler Rathauses – und Mädchen für alles. Somit kennt er das historische Gebäude wohl besser, als jeder andere. Der 84-Jährige erinnert sich an einige Geschichten aus seiner Zeit als Abwart.

Muriel Mercier
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Erwin Bezler, der ehemalige Rathausabwart
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Oben an der Wendeltreppe zum Turm angekommen, musste Erwin Bezler noch höher zu den Glocken steigen.
Erinnerung an noch ältere Zeiten: Hinter dem Rathaus-Turm stand einst das Haus zum Hasen.

Erwin Bezler, der ehemalige Rathausabwart

Nicole Nars-Zimmer niz

Erwin Bezler steht im Rathaushof und weiss grade nicht, wo er mit Erzählen anfangen soll. Kein Wunder, denn wohl keiner kennt das Rathaus besser als der 84-Jährige. Über jedes Gemälde an den Sandsteinmauern kann er lange Geschichte erzählen. Er erinnert sich an die Probleme, die die Sanierung des Gebäudes mit sich gebracht hatte und an Diplomatenbesuche aus den Nachbarländern.

In den 35 Jahren, in denen er als Hauswart nach dem Rechten gesehen hatte, waren dies nicht wenige. «Man kann sagen, ich war im Rathaus das Mädchen für alles», beschreibt Bezler seine Funktion in den Jahren von 1959 bis 1994.

Zwar ist es doch schon eine Weile her – aber er erinnert sich an die Zeit, als wäre sie erst gestern vorüber gegangen. Sicherlich liegt es auch daran, dass er noch heute Rathaus-Führungen macht. Führungen anzubieten, sei damals eine Auflage gewesen, um den Job zu bekommen, erzählt Bezler.

Fremdsprachen sind Pflicht

Dafür musste er beim Vater des FDP-Regierungsrats Kurt Jenny eine Mini-Prüfung ablegen. Er eignete sich die nötigen Informationen per Selbststudium an. «Ich habe zig Unterlagen studiert und mich schlaugemacht, bevor Jennys Vater mich durchs Haus geführt hat. Stilkunde hat mich immer schon interessiert, deswegen war das für mich keine Strafaufgabe.» Aber er lerne heute noch: «Man hat nie ausgelernt.» Beim Rundgang durch das Rathaus habe Jenny seine Fragen plötzlich auf Englisch und Französisch gestellt, erinnert er sich. «Fremdsprachen zu können, war ebenfalls Voraussetzung für den Abwarts-Posten.» Eingestellt hatte ihn schliesslich der damalige Regierungsrat Hans-Peter Tschudi.

Bezler war unter anderem verantwortlich, die Reinigung des Rathauses zu organisieren. Zu diesem Thema fallen dem gelernten Möbelschreiner einige Anekdoten ein. Zur Unterstützung standen ihm Mitarbeiter zur Verfügung – am Anfang alles Schweizer, später nur noch Italiener. Putzen musste er nicht selber, aber «die heiklen Arbeiten habe dann doch ich erledigt». Die Butzenscheiben säubern, zum Beispiel.

Neue Schürzen für Putzfrauen

Schreckenserlebnis: «Ein Mal ist eine Putzfrau mit der Bodenputzmaschine auf einen Holztisch gestanden», erinnert er sich und lacht. «Da musste ich natürlich eingreifen.» Bezler sorgte sich zudem um die Arbeitskleidung der Mitarbeiter. Am Anfang hatten die Damen ihre privaten Küchenschürzen mitgebracht. «Ich habe dann für alle Einheitliche gekauft.» Das wiederum führte zu Problemen mit dem Budget. «Aber irgendwie habe ich es hingekriegt. Sie mussten doch chic aussehen, bevor die Regierung kam.» Im Winter haben sich seine Mitarbeiter über Fellholzschuhe gefreut, die ihnen warme Füsse gaben. Und: Regenmützen, wenn seine Equipe bei Regenwetter draussen Diplomaten oder Politiker empfangen musste.

Und von denen kam immer mal wieder einer nach Basel. Unter anderem Richard von Weizsäcker, deutscher Bundespräsident von 1984 bis 1994, sowie der Bischof von Basel. «Meistens hat der Bund die hohen Besuche organisiert und sich darum gekümmert, wo und wie die Fahnen aufzuhängen waren.» Mit den Jahren waren die Diplomatenbesuche keine grosse Sache mehr für den Ostschweizer. «Der Regierungsrat hat den Gast empfangen und begrüsst und ich habe ihm danach das Rathaus gezeigt.»

Er sorgte für die Renovierung

Erwin Bezler hatte neben seinen Hauptaufgaben als Hauswart viele Ideen, was er dem Rathaus Gutes tun kann. In den 1970er-Jahren war er der Meinung, das Gebäude müsse doch endlich mal renoviert werden. Seinen Vorschlag deponierte er damals bei Regierungsrat Edmund Wyss (1960 bis 1984). Dieser wiederum brachte die Idee in die Regierung. Doch es dauerte lange, bis die Renovierung tatsächlich Thema wurde: «Nicht alle Regierungsräte wollten für die Renovierungsarbeiten Geld ausgeben.» Und war die Renovierung (1977 bis 1982) dann endlich beschlossene Sache, dauerte diese noch einmal länger als gedacht.

Eine Kommission aus der ganzen Schweiz reiste nach Basel, um das Rathaus unter die Lupe zu nehmen. Darunter waren Sandsteinspezialisten. «Wir dachten alle, diese Renovierung sei kein Problem. Aber dann haben wir uns sagen lassen, dass Rot nicht einfach Rot ist.» Ein nächstes Problem war eine Farbe, die auf Sandstein nicht gehalten hat. «Ein Professor von der Universität Basel kam vorbei und erklärte uns, man müsse die Fassaden mit Kalk bearbeiten, damit die richtige Verbindung mit der Farbe entstehen kann und sie nicht mehr abblättert.»

Alte Stühle vom Polizeiposten

Der ehemalige Rathaus-Abwart gibt zu, dass er heute an seinen Führungen nicht jeder Gruppe das ganze Gebäude zeigt. «Es kommt drauf an, welche Fragen die Leute stellen und so zeigen, wie gross ihr Interesse ist», sagt Bezler.

Den Rathaus-Turm betritt er zum Beispiel selten und vor allem mit Schulklassen. Eine schmale Wendeltreppe führt hinauf – in ein wunderschönes Zimmerchen, das einen schönen Ausblick über Basel bietet. In die Lehnen der Holzstühle sind Falken geschnitzt.

Übrigens: Die Stühle wurden einst im alten Polizeiposten benutzt. «Ich fand, die Stühle passen in das kleine Zimmer», erzählt Bezler. Er habe vieles alleine entscheiden können. Unter einer Glasscheibe auf dem Tisch liegt eine gezeichnete Karte von Basel, an der Wand stehen Holzbänke. «Mussten die Bänke saniert werden, wurden sie an einem Seil aus dem Fenster heruntergelassen.» Das schöne Turm-Zimmer, das während des Zweiten Weltkriegs als Fliegerbeobachtungsposten diente, wird heute durch den Regierungsrat oder gelegentlich zum Servieren eines Aperitifs benutzt.

In den 35 Jahren als Abwart wohnte die Familie Bezler in der Fünfzimmerwohnung im Rathaus. Die drei Kinder der Bezlers verbrachten dort eine schöne Zeit – «sie waren ein Teil des Rathauses», führt Erwin Bezler aus. Nach seinen 35 Jahren im Amt musste die Familie Bezler ausziehen. Weh hat ihm dieser Umstand nicht getan: «Ich wurde pensioniert. Darauf war ich ja schon immer vorbereitet.» Langweilig sei ihm der Job nie geworden. «Die Zeit verging wahnsinnig schnell.» Und: «Feierabend hat man als Rathaus-Abwart natürlich nie. Es gibt immer etwas zu erledigen.»

Verlosung Die bz schenkt 10 Personen plus je einer Begleitperson eine Rathausführung mit Erwin Bezler. Am Dienstag, 26. August, 15 Uhr, Rathaushof. Wollen Sie eine Führung gewinnen? Dann schicken Sie ein Mail an verlosung@bzbasel.ch.