Friedhof Hörnli
Er sammelt die Hüftgelenke der Kremierten

Peter Galler hat vor 35 Jahren angefangen, Gegenstände rund um die Basler Friedhofsgeschichte zu sammeln. Seine «Schätze» zeigt er in der Sammlung Friedhof Hörnli.

Muriel Mercier
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Sammlung zum Bestattungswesen
15 Bilder
Totenbild
Verzierte Leichenkutsche.
Künstliche Hüftgelenke und Herzklappen hat Peter Galler nach dem Kremieren der Leichen aufbewahrt (Archiv).
Hüftgelenke
Peter Galler zeigt die Giesskanne Nr.1.
Kreuze und Haarbilder.
Eine Art Brettspiel.
Ein Pestsarg
Blick in die Ausstellung
Emailleplaketten und Haarbilder
Engelsfigur
Urnenausstellung
Garten und Landwirtschaftsgeräte und Maschinen
Ein Sargschlitten,

Sammlung zum Bestattungswesen

Martin Töngi

Särge, Urnen, Leichenwagen. Alles auf nur wenigen Quadratmetern. Ein Schauer läuft einem bei diesem Anblick über den Rücken. Auf dem Bock einer grossen schwarzen Kutsche thront eine Wachsfigur, gekleidet in einen schwarzen Anzug, ein grosser Hut auf dem Kopf. Daneben reihen sich alte Heckenscheren und Rasenmäher, die vor Jahrzehnten benutzt wurden, um die Grünanlagen rund um die Gräber sauberzuhalten.

Zwischen den Kutschen und Urnen steht Peter Galler, strahlend und aufgeregt. Er ist in seinem Reich, erzählt von seinen Schätzen, die er über 30 Jahre gesammelt hat. Er ist Gründer, Leiter und Restaurator der Sammlung Friedhof Hörnli. Ein kleines Museum mit einzigartigen Gegenständen rund um die Basler Friedhofsgeschichte der vergangenen Jahrhunderte. «Das isch doch verruggt», wiederholt er alle paar Minuten während seiner Führung.

26 Gottesacker habe es Mitte des 18. Jahrhunderts in Basel gegeben. Galler hat einen alten Stadtplan eingerahmt an die Wand gehängt und die Friedhöfe mit Zahlen beschriftet. «Wenn man über die Tür der Condomeria am Rheinsprung fasst, sind die Hände unter den Särgen, die in der Martinskirche unter der Erde liegen.» Im Bilderrahmen daneben kann der Museumsbesucher nachvollziehen, wann in Basel wo Friedhöfe angelegt wurden: von der Jungsteinzeit bis hin zur Spätbronzezeit. Er habe diese Karte mit der archäologischen Bodenforschung erstellt. «Auf dem heutigen Hörnli haben wir ein 400 Jahre altes Grab gefunden. Man hat damals bereits hier begraben. Wir werden immer wieder überrumpelt von der Geschichte», sagt er und eilt weiter.

Schätze beim Zerstören entdeckt

Den Raum, in dem die Urnen ausgestellt sind, nennt Galler sein Paradies. Erst-, Zweit- und Drittklass-Urnen – früher habe man nach Klassen begraben – stehen hinter Glas. Sie sind aus Messing, Kupfer, Bronze, Ton oder Zink und waren ab Anfang des 20. Jahrhunderts in Gebrauch.

Mit den Urnen hat Gallers Erfolgsgeschichte als Museumsdirektor angefangen. Gelernt hat der heute 75-jährige Gartenbauzeichner. 1960 traf er zufällig auf den damaligen Hörnli-Direktor, der ihn anfragte, ob er sich um die Entsorgung der Urnen im Keller kümmern möchte. «Ich wollte nie auf dem Friedhof arbeiten», führt Galler aus. Sein Vater ist gestorben, als er zehn Jahre alt war. «Ich musste regelmässig mit meiner Mutter auf den Friedhof und hatte ihn einfach satt.»

Dennoch hat er den Job im Urnenkeller angenommen. Dort in den Katakomben musste er mehrere Hundert Gefässe zerschlagen. «So kamen die Schätze zum Vorschein, die alten und wertvollen Gefässe. Ich haue kein Handwerk kaputt», betont er.

Doch was tun mit den wertvollen Urnen? Der Friedhof-Direktor hatte eine klare Vorstellung: «Er erwartete von mir ein Museum.» So machten sich Galler und seine Frau auf die Suche nach sämtlichen Friedhofs-Schätzen der Schweiz. Er habe 35 Jahre im Versteckten gesammelt, das Museum gibt es erst seit 25 Jahren.

«Federers Pokal ist eine Urne»

Damit eine Museumsführung lebendig ist, muss man die Leute «stupfen», wie er sagt. So erzählt er während seiner Tour immer wieder Anekdoten. Zum Beispiel: Der Pokal, den Roger Federer an den US Open gewonnen hat, ist eigentlich eine Urne. Er zeigt sie in der Vitrine: Und tatsächlich, Federers Kübel hat exakt die Form einer Urne. Oder: Auf der Fläche des Botanischen Gartens war einst ein Gottesacker. «Darum gedeiht dort der stinkende Titanwurz so prächtig.»

Einer der Sensationsfunde ist das Hüftgelenk eines Russen, sagt er und lacht. Galler hat vor einigen Jahren angefangen, sämtliche künstliche Hüft- und Kniegelenke, Herzklappen, Unterkieferspangen und Herzschrittmacher nach dem Kremieren aufzubewahren. Das Resultat ist eine stattliche Sammlung an Eisenstücken. «Je nach Gelenk ist ersichtlich, welcher Arzt operiert hatte.» Galler hatte nicht nur Besuch von Privatpersonen, die sich für das Bestattungswesen der vergangenen Jahrhunderte interessieren. Zum Beispiel: «Wegen der Gelenke waren Mediziner aus aller Welt hier. Aber auch Bischöfe kamen vorbei. Eine Swissaircrew hat sich von mir mal zeigen lassen, wie Urnen von Menschen, die im Ausland verstorben sind, mit dem Flugzeug transportiert wurden.» Er zeigt auf ein Köfferli im Urnenschrank.

Kinderleichenwagen fehlt noch

Seine Leidenschaft für den Job treibt ihn an, bei seiner Suche nach Originalutensilien nie aufzuhören. Zu vielem komme er durch Zufall. Einmal habe ihn eine Frau aus Arboldswil angerufen und von einer Kutsche erzählt, die sie verbrennen möchten, die aber wertvoll sein könnte. «Und dann war es der echte Basler Leichenwagen aus 1868. Da habe ich einfach eine ‹Schissfreud›.» Den Keller im Museum hat er den Leichenwagen gewidmet, die aus der ganzen Schweiz kommen. Ganz zufrieden mit seiner Sammlung ist er noch nicht. Er sei auf der Suche nach einem Tessiner Kinderleichenwagen. «Ich habe ihn bisher aber nirgends gefunden.»

Bei seinen Führungen durch seine riesige Sammlung ist Gallers Passion nicht zu überhören. Ihn stimmen das Umfeld und die Thematik, denen er sich widmet keinesfalls traurig: «Der schönste Moment für mich war, als ein Mädchen nach ihrem Besuch gesagt hat, sie habe jetzt keine Angst mehr vor dem Friedhof.» Und wieder hat er eine «Schissfreud».

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