Lifestyle-Medizin

Er verspricht sexuelle Erfüllung: Dr. Phallus von der Schifflände

Geoffrey Hürtgen (Mitte) war leitender Arzt der Paracelsus Klinik Lustmühle. (Archivbild)

Geoffrey Hürtgen (Mitte) war leitender Arzt der Paracelsus Klinik Lustmühle. (Archivbild)

Der Basler Arzt Geoffrey Hürtgen wirbt damit, Männern wie Frauen zu aktiverem Sex zu verhelfen. Seine Methode, Eigenblut mit Blutplättchen anzureichern und wieder zuzuführen, ist zwar anerkannt in der Sportmedizin oder bei Rheuma-Erkrankungen – nicht jedoch im Bereich der Urologie.

Hier fühlt man sich wohl. Vielleicht weil die Praxis von Dr. Hürtgen in der Basler Innenstadt so gar nicht wie eine Praxis aussieht. Rechts steht eine Bar mit Spirituosen, dahinter eine ausladende Couch, ein Hirschgeweih blickt in den Raum mit Sicht auf den Rhein. Selbst die Behandlungsstühle wirken nicht abschreckend steril. Sie sind golden. An der Wand hängen ein Dutzend Zertifikate, welche die Kompetenz des behandelnden Arztes unterstreichen. Daneben mehrere gerahmte Zeitungsartikel. Die Presseartikel sind allerdings gekaufter «paid content» und auf einem Zertifikat aus Mexiko heisst Dr. Hürtgen fälschlicherweise Dr. Hörtgen. Dabei beteuert Geoffrey Hürtgen andauernd und ungefragt: Er sei ein seriöser Arzt mit seriösen Behandlungsmethoden.

Heilversprechen von Autismus bis Parkinson

Geoffrey Hürtgen hatte bereits einige Stationen in seinem Leben. Seinen Angaben zufolge promoviert er im Jahr 2005 an der Universität Freiburg. Ab 2009 leitete er die Klinik «Villa Medica» in Edenkoben. Hürtgen arbeitete mit gefrorenen Frischzellen aus Schafsföten, die Patienten gespritzt werden um deren «Selbstheilungskräfte» zu aktivieren. Weltweit erschienen Berichte über den Arzt aus Deutschland.
Speziell in Asien fand Hürtgen Anhänger. Philippinische Medien berichteten über seine Zellentherapie, mit der er gleichermassen Parkinson, Multiple Sklerose, Diabetes und Autismus behandelte. «Alles Krankheiten, die schwer zu behandeln sind und die Schulmedizin an Grenzen stösst», sagt Hürtgen. «Es stimuliert mich, jenen zu helfen, denen man eigentlich nicht mehr helfen kann.» Sein Konzept: Durch injizierte jüngere Zellen repariert sich der Körper selbst. 2015 hat das Bundesland Rheinland-Pfalz die Behandlung verboten. Zu Recht, urteilte diese Woche das Oberverwaltungsgericht.

2016 übernahm Hürtgen in der Schweiz die Position des Medizinischen Direktors der Paracelsus Klinik Lustmühle. Die alternative Privatklinik im Appenzell verschränkt Schul- mit Komplementärmedizin und kümmert sich hauptsächlich um chronische Erkrankungen. Lange hielt es Hürtgen dort nicht; nach rund einem Jahr reiste er weiter und eröffnete 2018 eine Praxis in Basel. An der Schifflände verspricht er Männern die Erfüllung sämtlicher Wünsche in Bezug auf ihre sexuelle Leistung: mehr Potenz, mehr Ausdauer, eine härtere Erektion, ein längeres und breiteres Genital.

Hürtgen schreibt: «Sowohl sicher als auch nebenwirkungsfrei werden aus dem eigenen Blut Wachstums- und Heilfaktoren gewonnen und konzentriert, um gezielt Regenerationsprozesse am männlichen Glied anzustossen.» Frauen bietet er den markenrechtlich geschützten «O-Shot» an, den Orgasmus-Shot, der das weibliche Lustempfinden steigern soll. Daneben bekämpft Hürtgen Haarausfall und hilft hoffnungslosen Paaren mit Kinderwunsch, wie er in einem Nebensatz erwähnt.

Unter Promis feiert die «Blutwäsche» Urständ

Auf Schafblut verzichtet Hürtgen inzwischen. Seine Methodik beruht nun auf den Patenten von Charles Runels, einem amerikanischen Arzt, der das «Vampir-Lifting» erfand. In den USA, aber auch unter Prominenten weltweit, feiert das Lifestyle-Produkt Urständ. Kim Kardashian gehört zur Klientel. Aus der Alternativmedizin sind verwandte Verfahren bekannt, beispielsweise die Blutwäsche nach Wehrli. Inzwischen vermischen sich die Bereiche Kosmetik, Naturheilkunde und Hochschulmedizin.

In der sogenannten PRP-Therapie entnimmt der Arzt dem Patienten Blut, reichert die Blutplättchen an und spritzt das Blut wieder ein. Im Bereich der Orthopädie wenden dies durchaus auch Schulmediziner mit Erfolg an, etwa bei Rheuma-Patienten und zur Wundheilung bei Sportverletzungen.

«Schulmedizinisch nicht anerkannt»

Hürtgen setzt auf Lifestyle-Medizin. Fachspezialist für erektile Dysfunktionen ist Ulrich Wetterauer, Professor für Urologie und Senior Consultant am Basler Unispital. Er sagt: «Im Bereich der Urologie ist diese Methode nicht schulmedizinisch anerkannt». Für die «Schweiz am Wochenende» hat sich Wetterauer mit der Website von Dr. Hürtgen und dessen zitierter Fachliteratur befasst. Sein Urteil: «Der Internetauftritt ist sehr professionell aufgemacht. Die zitierten medizinischen Publikationen sind jedoch ohne hohe Wertigkeit. Es bleibt bei Versprechen ohne wissenschaftliche Grundlage und es fehlen anerkannte Studien.»

Ernsthaft «problematisch» findet Wetterauer vor allem eines: An keiner Stelle kläre Hürtgen über mögliche Gefahren auf, wie es selbst bei einer simplen Blutspende der Fall wäre. Schliesslich sei eine Verunreinigung des Bluts nie ganz auszuschliessen. Infektionen wären die Folge. Zudem verspricht er Patienten, sie dürften die Behandlung mit einer Lachgasinhalation begleiten. «Das Mittel ist aus der heutigen Anästhesie weitgehend verschwunden», sagt Wetterauer. Der Kantonsarzt Thomas Steffen könnte Hürtgen überprüfen, möchte aber zum konkreten Fall keine Stellung nehmen.

Hürtgen kennt die Kritik. «Die Schulmedizin stützt sich auf Studien. Diese sind jedoch teuer und die heutige Medizin ist von der Pharmaindustrie getrieben, die kein Interesse an solchen Verfahren hat und lieber Präparate herstellt.» Noch stehe die regenerative Medizin am Anfang, doch sei es die Zukunft der Medizin. Für Hürtgen sind der Selbstheilkraft kaum Grenzen gesetzt, deswegen lasse er sich in seiner Tätigkeit auch nicht auf einen Fachbereich beschränken: «Die regenerative Medizin ist universell. Die Basis ist immer die gleiche: Der Körper heilt sich selbst.»

Viel mehr Misstrauen hegt Hürtgen gegenüber Medikamenten wie Viagra. Selbst wenn die Wirksamkeit der Eigenbluttherapie nicht bewiesen sei, so schade es sicher auch nicht: «Es gibt weltweit keine Arbeit oder Studie, welche die Sicherheit der PRP-Therapie in Frage stellt.»

Weshalb die Methode dennoch nützen kann

Bezahlen müssen Hürtgens Kunden aus dem eigenen Sack, bar oder mit Kreditkarte, direkt vor Ort. Der P-Shot für die Penis-Vitalisierung kostet 1850 Franken. Krankenkassen beteiligen sich nicht. Matthias Müller, Sprecher der Santésuisse, sagt: «Uns sind keine wissenschaftlichen Untersuchungen bekannt. Die Kosten werden von der Grundversicherung aber auch nicht übernommen.»

Für den wissenschaftlichen Urologen Wetterauer ist der Preis sogar entscheidend für den Erfolg der Hürtgen-Therapie: «Gerade im Bereich von Erektionsstörungen liegt die Quote eines Placebo-Effekts zwischen 25 und 30 Prozent. Durch höhere Ausgaben für den Patienten steigt auch die positive Motivation.» Das bedeutet: Zahlt der Patient einen hohen Preis, steigen auch seine Erwartungen an die Behandlungsmethoden. Damit verstärkt sich der Placebo-Effekt oder es erhöht zumindest dessen Eintrittswahrscheinlichkeit.

Vielleicht wirkt da sogar der goldene Behandlungsstuhl mehr als die Spritze. Wissenschaftlich beweisen lässt es sich nicht.

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