Saint-Louis
Er war 22 Jahre Stellvertreter, jetzt ist er selber Chef

Jean-Marie Zoellé ist neuer Maire der Basler Nachbarstadt Saint-Louis – nach 22 Jahren Stellvertretung. Am 24. September hatte der Stadtrat Zoellé in einer öffentlichen Sitzung mit 25 zu 6 Stimmen gewählt.

Annette Mahro (Text und Foto)
Merken
Drucken
Teilen
Jean-Marie Zoellé sucht bei Meinungsverschiedenheiten den Ausgleich.

Jean-Marie Zoellé sucht bei Meinungsverschiedenheiten den Ausgleich.

Die Politik seines Vorgängers Jean Ueberschlag will er fortsetzen. Nichts leichter als das. Schliesslich hat Jean-Marie Zoellé die Geschicke von Saint-Louis schon seit 1989 mitgeprägt. Als Adjoint und erster Stellvertreter des zurückgetretenen Ueberschlag war er von dessen erstem Tag in der Mairie dabei – obwohl der in Saint-Louis geborene Zoellé nach eigenen Angaben nie ein politisches Amt anstrebte.

Trotzdem folgte der 66-Jährige einst dem Ruf Ueberschlags in den Stadtrat. Zoellé ist Mitinhaber des elterlichen Textilgeschäfts und liess sich zum Präsidenten der Saint-Louiser Händlervereinigung wählen. Weitere Ämter folgten, so etwa die Präsidentschaft von «Saint-Louis Habitat», einer Organisation, die die derzeit rund 1500 Sozialwohnungen der Stadt verwaltet. Bisher betrieb Zoellé sein eigenes Geschäft, jetzt wechselt er in ein Vollzeitpensum. Maire ist ein Ehrenamt, für das nur eine Aufwandentschädigung bezahlt wird.

Offener für strittige Themen

Am 24. September hatte der Stadtrat Zoellé, dessen Vater selbst bis 1971 Adjoint in Saint-Louis war, in einer öffentlichen Sitzung mit 25 zu 6 Stimmen zum neuen Maire gewählt. Eine Überraschung war das nicht, denn der Stadtrat folgte der aktuellen Sitzverteilung, die es der amtierenden bürgerlichen Mehrheit leicht macht, Entscheidungen durchzusetzen. Zoellé geht der Ruf voraus, auch auf strittige Themen etwas offener zuzugehen als Ueberschlag.

Bewiesen hat er das auch schon im Rat des Trinationalen Eurodistricts Basel (TEB), den Zoellé 2009 als dritter Präsident geleitet hatte. Kraft seines Amtes ist er jetzt in den TEB-Vorstand gewechselt.

An der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit liegt Zoellé viel, auch wenn er den TEB für ein recht schwerfälliges Instrument hält. Er sieht jedoch keine Gefahr, von gewichtigeren Partnern in der Schweiz übervorteilt zu werden. Die Gemeinschaft mache alle stärker: «Wir sind der kleinste Teil im Eurodistrict. Die Mitgliedschaft wertet uns aber auch im eigenen Land auf, etwa gegenüber Departement und Region.» Als wichtigste Grossprojekte sieht er für die nächste Zeit die beiden geplanten neuen Stadtquartiere.

Internationales Quartier

Während das erste «Eco-Quartier» gleich gegenüber Mairie, Mediathek und Stadttheater «La Coupole» entstehen und ökologische Aspekte hochhalten soll, spricht Zoellé beim zweiten viel diskutierten Areal zwischen Euro-Airport und Bahnhof Saint-Louis gerne vom neuen internationalen Quartier. Er begründet das mit dem direkten Zugang zu allen Verkehrsmitteln, vom Flugzeug über Bahn und Bus bis zum bald aus Basel erwarteten Tram 3, das er für absolut unverzichtbar hält.

Hier war schon einiges vorgesehen, etwa ein vom Basler Architekturbüro Herzog&de Meuron entworfener Golfplatz oder ein gigantisches Einkaufszentrum. Umgesetzt wurde bisher nichts. Gegner und Befürworter kämpften mit harten Bandagen. Denkbar, dass auch hier jetzt ruhigere Töne angeschlagen werden.

Zoellés persönliches Credo ist auf Gleichgewicht bedacht. Es gelte, sich für die Belange der Bürger einsetzen und den Ausgleich zwischen sozialen, ökonomischen und Umweltaspekten anzustreben. Zu politisch grünen Tendenzen wahrt er indes Abstand. Mit kritischer Distanz steht er auch dem Bahnanschluss für den Euro-Airport gegenüber. Weder sei einzusehen, weshalb Frankreich den Löwenanteil zahlen sollte, noch scheint ihm der Zusatznutzen bisher bewiesen. Prinzipiell sagt Zoellé zum Flughafenbahnhof: «Ich bin nicht fundamental dagegen. Aber man sollte alle Alternativen prüfen.»