Es ist ein ungewöhnlicher, trauriger und beklemmender Moment, wenn man als Journalist vom Tod eines guten Bekannten erfährt. Jörg Schröder ist am 6. Februar 2019 gestorben. Für viele Theaterfans war er eine prägende Figur, ein Charaktertyp, der zu den Publikumslieblingen am Theater Basel gehörte. Für mich war er zudem lange Zeit mein Nachbar, der Familienvater vom unteren Stock.

Wenn man jahrelang nur von einer Altbaudecke getrennt unter dem selben Dach lebt, kommt einem die professionelle Distanz abhanden. Doch zum Glück bedarf es dieser auch nicht, um Jörg Schröder hier zu würdigen, denn nie habe ich jemanden schlecht über ihn reden gehört (so wie übrigens auch er keiner war, der lästerte).

Er zählte zu jenen Schauspielern, die dem Theater Basel ein Gesicht verliehen, ein Gewicht auch. Seine Präsenz war eindrücklich, ebenso seine Stimme, der man stundenlang zuhören konnte. Ein Bühnenbariton, der keine Verstärkung benötigte.

Einer, der sich nicht verstellte

Jörg Schröder war ein liebenswürdiger, herzlicher, ehrlicher und offener Mensch. Einer, der sich privat nicht verstellte. Und der auf der Bühne nicht verstellt wirkte, sondern stets aufging in seinen Rollen, sich mit Haut und Haar und Empathie hineinstürzte - und auch mit entsprechendem Appetit.

Gerne erinnere ich mich an die Tragikomödie «Indien» von Josef Hader und Alfred Dorfer. Unvergesslich, wie er 2005 mit grösstem Vergnügen als Schnitzeltester im Restaurant Alter Zoll auftrat, in dieser Ausseninszenierung des Theater Basel. Dass er ein Genussmensch war, kam ihm in diesem Fall sicher zugute. Doch egal ob er in der Beiz, der alten Komödie, in einem Theater auf dem Land oder im städtischen Schauspielhaus auftrat: Immer war er ein Profi voller Leidenschaft, der für seine Darbietungen gefeiert wurde.

So bleibt auch eindrücklich in Erinnerung, wie er 2002 das neue Schauspielhaus mit einer ersten denkwürdigen Darbietung einweihte, als Willy Loman in Arthur Millers Klassiker «Tod eines Handlungsreisenden».

Ältere Semester kennen Schröders erste Phase im Basler Ensemble, von 1985 bis 1993, als er zum Beispiel in Werner Düggelins Inszenierung von «Warten auf Godot» den Pozzo spielte.

Zwischen seinen Basler Jahren zog er 1993 mit Frank Baumbauer nach Hamburg, in seine alte Heimatstadt. Dort stand er auf der Schauspielhaus-Bühne, während backstage das Kind von ihm und seiner Ehefrau Bernadette, die ebenfalls literatur- und theatervernarrt war, betreut wurde. «Julius Schröder, das ist ein toller Name, der wird mal eine Reederei besitzen!», scherzte er. Dass es nicht so gekommen ist, dass sein Sohn Julius in seine Fussstapfen trat, am Jungen Theater Basel brillierte und später auch die Aufnahmeprüfung an die Schauspielschule schaffte, das erfüllte ihn mit grossem Stolz - auch wenn er den Schauspielnachwuchs nie benieden hat, weil der Wettbewerb viel grösser geworden ist, die Anzahl Schauspieler zugenommen hat.

45 Jahre Bühnenerfahrung

Er selber, Jahrgang 1944, hatte sich erst nach der Bundeswehr für die Schauspielschule entschieden. «Als ich mich mit 23 anmelden wollte, sagten sie bei der staatlichen Schauspielschule in Hamburg, ich sei zu alt.»

Schröder erhielt in Münster ein Engagement, konnte dort am Theater bleiben, hat die Ausbildung nie beendet, dennoch an deutschen Theatern und als Off-Sprecher beim ZDF gearbeitet.

«Die 1970er waren eine legerere Zeit. Ich gehöre zu jener Generation Schauspieler, in der es auch mal vorkam, dass man eine Nacht lang trank - vielleicht aus Frust, vielleicht aus Freude - und dann am nächsten Tag auf die Probe ging. Heute liegt das nicht mehr drin, herrscht ein grosser Fitnessanspruch.»

Das erzählte er mir 2016, nachdem ihn eine schwere Infektion erstmals in seinem Leben zu einer mehrmonatigen Ruhezeit und gar zur Absage einer Premiere gezwungen hatte. Davor war er 45 Berufsjahre lang immer auf der Bühne gestanden, selbst mit 39 Grad Fieber, und ja, auch nach seiner Pensionierung und dem allzu frühen Tod seiner Frau Bernadette im Jahr 2012.

Was nicht heisst, dass er ein Getriebener war. Er wusste das Leben zu geniessen: «Man sollte nicht nur Theater im Kopf haben, das kann einen auch kaputtmachen.» Schröder hatte erlebt, wie andere daran zerbrochen waren.

Tatsächlich konnte man mit ihm, der belesen war, aber nicht verkopft, über alles reden: Fussball, Frankreich, feines Essen. Länder, Literatur, Lebenslust. Gerne legte er auch eine Schallplatte aus seinen Jugendjahren auf, hörte mal wieder Led Zeppelin oder Deep Purple. Er war ein grosser Fan des Blues- und Hardrock. Und selber ein Fels von einem Mann - aber einer mit weichem Kern. «Ich hab immer Glück gehabt. Ich gehörte meistens zu denen, die gewollt waren», sagte er bescheiden und dankbar für seine Karriere.

Unverständlich und unfair, dass eine Identifikationsfigur wie er in der Intendanz von Georges Delnon über das schwarze Brett erfahren musste, dass er ausgemustert worden war.

Denn auch wenn er ein bescheidener Mensch war: Er hätte sich gerne richtig verabschiedet vom Basler Publikum.

Jetzt müssen wir uns von ihm verabschieden. Adieu, Jörg. Du wirst fehlen.

Öffentliche Trauerfeier:
Freitag, 15. Februar um 13.30 Uhr auf dem Friedhof Hörnli in Basel.