Basler Musiker

Er wollte sein eigenes Ding durchziehen: George Hennig erfüllt sich mit seinem neuen Album einen Traum

George Hennig verstand sich immer als Musiker, widmete sich aber auch der Jugendarbeit. Nun hat der 67-Jährige mit «Hillside» sein neues Album veröffentlicht. Dieses dreht sich voll und ganz um die Liebe und Sterblichkeit.

Vor sechs Jahren hat sich George Hennig pensionieren lassen, was für ihn keineswegs Anlass zum Kürzertreten war. Im Gegenteil. Der langjährige Leiter des Sommercasinos hat im Mai mit «Hillside» ein neues Soloalbum veröffentlicht.

«Eine Plattentaufe gibt es aber nicht», hält das frühere Mitglied sowohl von Circus als auch der Zodiacs fest. Nicht etwa, weil das Coronavirus irgendwelche Pläne durchkreuzt hätte, sondern weil ihm an einem derartigen Event nichts liege. «Mag sein, dass ich mit dem Material in abgespeckter Form mal im kleinen Rahmen auftrete», mutmasst der heute 67-Jährige. Und kommt im Folgesatz lieber gleich auf seine vielfältigen Projekte zu sprechen.

George Hennig - Hillside

Ein künstlerisches Projekt nach dem anderen

Aktuell beschäftigt sich Hennig damit, Gedichte des US-amerikanischen Poeten Richard Cambridge – dessen Werke mit Vorliebe am Establishment rütteln– zu vertonen. «Wir haben schon sieben Songs beisammen», erzählt er. Und mit den noch lebenden Bandkollegen von Wishing Well, einer seiner Formationen aus den 1970er-Jahren, will er demnächst die damals nie aufgezeichneten Lieder einspielen. Für sich, für alle Interessierten und für die Nachwelt. In der Pipeline befindet sich zudem ein Album mit Zodiacs-Sänger Peter Rusch.

En passant verrät Hennig auch noch Pläne für eine Zusammenarbeit mit einem Comiczeichner. Eine Ideenfülle, die anklingen lässt, dass er ein Getriebener ist. Was wohl zutrifft, aber nicht in Betracht zieht, dass Hennig in erster Linie liegen gebliebene Zeit aufholen möchte. Jene 25 Jahre nämlich, die er hauptberuflich als Jugendarbeiter zugebracht hat.

Seine Teenagerzeit in den Sixties habe ihn zweifelsohne geprägt, räumt der nach wie vor jugendlich wirkende und schlank-ranke George Hennig ein. Während seine Mutter damals den Orchestersounds von Bert Kaempfert oder Mantovani lauschte, habe er sich für die Musik englischer Bands wie den Kinks oder den Small Faces interessiert.

«Diese weckten in mir den Wunsch, Gitarre zu spielen», erinnert er sich. Gesagt, autodidaktisch getan. «Mit dem Kassettengerät zeichnete ich am Radio Lieder auf und versuchte anschliessend herauszutüfteln, wie die Riffs funktionieren.» Zufall oder nicht: Hennigs schulische Leistungen wurden derweil zunehmend schlechter. Er brach das Gymnasium ab und versuchte sich auf Anraten seines Vaters am KV. Allerdings ohne wirkliches Engagement und folgerichtig auch ohne Erfolg.

Also schmiss Hennig auch diese Ausbildung hin und begann zu jobben – auf der Bahnpost, als Magaziner, Staplerfahrer, Gerüstbauer sowie quer durchs Gastgewerbe. «Allerdings selten für lange.» Denn sobald er einen Studiotermin in Aussicht hatte, gab es für ihn jeweils kein Halten mehr. Zum Beweis öffnet der Musiker einen fetten Ordner, vollgepackt mit Schwarz-Weiss-Bildern von Formationen, bei denen er mitunter nur für eine kurze Zeit mitwirkte – von Breach über The Excelsiors bis hin zu The Pills.

«First Snow» ist heute eine gesuchte Rarität

In den späten 1970er-Jahren fand eine Demokassette ihren Weg nach Hamburg, und wenig später flatterte bei ihm ein Angebot für eine erste Solo-LP herein. Das Ergebnis, «First Snow» (1978), ist heute eine gesuchte Rarität und erzielt bei Onlineauktionen gut und gerne 80 Franken. «Die erste Auflage von 800 Stück ging damals im Nu weg. Auf der Nachpressung von 500 weiteren Exemplaren blieb das Label jedoch sitzen», weiss Hennig.

First Snow

Aus seiner Sicht ein klares Indiz dafür, dass sich das musikalische Interesse der Öffentlichkeit in jenen Jahren quasi über Nacht verlagern konnte. «First Snow» ist Hennig nicht zuletzt auch deshalb in bester Erinnerung geblieben, weil der an der Entstehung des Sinatra-Welthits «Strangers In The Night» mitbeteiligte und auf dem Bruderholz wohnhafte Komponist Herbert Rehbein zwei Streicher-Arrangements für sein Debütalbum geschrieben hatte. «Leider starb er dann kurz vor den Aufnahmen für ein symphonisch-poppiges Album an Lungenkrebs», bedauert Hennig bis heute. Obschon er für «First Snow» wie auch für sein Folgewerk «Jewels In The Gutter» (1980) jede Menge Kritikerlob einheimste, blieben die Verkaufszahlen überschaubar.

George Hennig, der in jungen Jahren von hiesigen Medien als Basler Antwort auf Gitarrengrössen wie Jeff Beck oder Michael Bloomfield gepriesen wurde, war in den 1970er-Jahren bei den deutschen Progressive-Rockern Hoelderlin als möglicher Gitarrist im Gespräch. Er verzichtete. Auch, weil er nie von Basel weg und ohnehin lieber sein eigenes Ding durchziehen wollte, stets seiner Neugier und seinen musikalischen Interessen folgend.

Dass ihm der grosse Erfolg bislang versagt geblieben ist, nimmt der Künstler gelassen: «Ehrgeiz und Selbstmarketing gehören halt nicht zu meinen Stärken.» Dass er sich nach seiner Pensionierung zuhause in Oberwil ein Studio eingerichtet hat, sei für ihn Luxus, betont Hennig. Schaue er auf die vergangenen Jahrzehnte zurück, dann habe er bisweilen das Gefühl, Erfahrungen für drei bis vier Leben gesammelt zu haben.

Jugendarbeit hat ihn stärker gefordert als erwartet

Ende der 1980er-Jahre wurden die Studioanfragen seltener. Weshalb sich Hennig dazu entschloss, ein Jobangebot im Bereich der Jugendarbeit anzunehmen. «Diese Tätigkeit hat mich stärker gefordert als erwartet. Wodurch mir in jenen Jahren nicht mehr viel Zeit blieb, mich mit der Musik auseinanderzusetzen.»

1999 stieg Hennig gleichwohl bei den Zodiacs ein, wo er alte Weggefährten wieder traf und auch für FCB-Hymnen wie «Für immer und e Daag» verantwortlich zeichnete. Zugleich war es ihm wichtig, nicht auf Fussballlieder festgelegt oder gar reduziert zu werden. Davon zeugen unter anderem vier Gitarrenpop-Platten mit den Zodiacs, das folkige Soloalbum «Ghosts» (2010) oder «Of Piers & Repose» von 2017, mit der sich der Künstler auf die Gralssuche nach dem perfekten Popsong begab.

Mit seinem neuesten Werk, dem sich um Liebe und Sterblichkeit drehenden «Hillside», vermochte er sogar einen Traum zu verwirklichen: Für seine 14 von Melancholie umwobenen und vom Basler Olivier Truan arrangierten Lieder liess er sich von einem veritablen Symphonieorchester aus Mazedonien begleiten.

Im versonnenen Titelsong singt George Hennig mit leicht nasaler Stimme von seinem letzten Tag auf Erden, für den er sich ein sanftes Wegdriften erhofft. Das Stück ist opulent, getragen und bei aller Schwermut nicht ohne Aufflackern von Optimismus. Schliesslich gibt es im Hier und Jetzt noch vieles anzupacken. «In der Rückschau erkenne ich, wie viel mir die Musik über die Jahrzehnte gegeben hat», betont George Hennig. Es ist eine wesentliche Einsicht, die ihn heute stärker denn je antreibt.

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