Jubiläumsjahr
Erasmus auf Abwegen

Der «Urban Erasmus Trail» ist ein sinnentleerter Rundgang durch die Stadt.

Andreas Fahrländer
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Überall diese Eselsköpfe: Der Rundgang beginnt im Historischen Museum in der Barfüsserkirche.

Überall diese Eselsköpfe: Der Rundgang beginnt im Historischen Museum in der Barfüsserkirche.

Nicole Nars-Zimmer niz

Ein Esel schreit uns in die Ohren. Der «Urban Erasmus Trail» beginnt im Eingang des Historischen Museums. Der Audio-Rundgang ergänzt die Ausstellung zum Jubiläumsjahr Erasmus MMXVI. Mit dem Smartphone oder einem Audioguide führt er durch das Basel des Erasmus von Rotterdam – verpflanzt ins 21. Jahrhundert.

Das Hörspiel braucht viel Vorstellungskraft. Die Stimme aus dem Smartphone behauptet, wir würden im Seminarraum der städtischen Zivilschutzanlage stehen, in der Ecke liege ein Haufen atemloser Gummipuppen herum, es rieche nach Filterkaffee und Desinfektionsmittel. Wir sehen und riechen nichts von all dem – und sind ein erstes Mal verwirrt. Nur ein Eselskopf und eine lateinische Inschrift sind zu sehen.

Guten Mutes machen wir uns auf und folgen den Anweisungen. Die Protagonistin namens Wilma von der Hoikelai erzählt von ihrem Beruf als Menschenfängerin. Das Netz zum Menschenfang habe sie bei Ebay erstanden. Damit könne sie zum Beispiel eine ganze geisteskranke Damenriege auf einmal fangen. Das ganze Unterfangen sei eine «einbalsamierte Fallstudie». Jetzt sind wir vollends verwirrt.

Pseudointellektuelle Groteske

Der Wiener Medienkünstler Oliver Hangl und der Basler Theatermacher Lukas Linder haben den Audiowalk inszeniert. Die Musik stammt von der österreichischen Band Sofa Surfers. Eine philosophisch-parodistische Wissenschaftsgroteske soll es sein, die allerdings eher pseudointellektuell daherkommt. Auf feine Ironie und humorvolle Satire wie bei Erasmus wartet man vergebens. Die Stimme schickt uns mit dem Tram ins Kleinbasel.

Am Marktplatz kommt die Smartphone-App ein erstes Mal durcheinander. Dank Standorterkennung und Bluetooth sollte die App eigentlich immer wissen, wo man gerade ist. Weil aber der «Urban Erasmus Trail» kreuz und quer durch die Stadt führt, funktioniert das nicht. Man fragt sich, wieso der Rundgang nicht den Wirkungsstätten des Humanisten folgt. Johann Frobens Druckerei am Totengässlein oder das Erasmushaus an der Bäumleingasse werden ausgelassen.

Wir gehen ratlos durch die Utengasse und das Schäfergässlein. Es stinkt nach Urin und der Lateinlehrer vom Band sagt: «Am nächsten Freitag wird an mir eine Gehirnteilamputation vorgenommen. Ich freue mich sehr.» Das Stück handelt vom verschwundenen Hochstapler und Rahmenmacher Johan Nosoponus, von Eselsköpfen, Latein und von Erasmus’ Lebensmotto «concedo nulli» («Ich weiche keinem»). Die Tonspur schickt uns am Hotel Krafft und am Café Spitz vorbei und wieder zurück über die Mittlere Brücke ins Grossbasel. Auf der Brücke sagt die Stimme: «Ich sehe einen Rahmen, doch ich sehe keinen Inhalt.» Wir sehen auch keinen Inhalt – und noch immer keine Zusammenhänge.

Nachdem wir das Elftausendjungferngässlein hochgestiegen sind, werden wir durch das Warenhaus Globus gelotst. Ist das jetzt Kapitalismuskritik oder einfach billige Schleichwerbung? Wir wissen es nicht. Vor dem Globus sitzt ein echter Randständiger mit der Rotweinflasche in der Hand und ruft: «Ewige Liebe und neues Geld.» Die Szene passt erstaunlich gut zum Hörspiel. Die Stimme vom Band sagt als Antwort darauf: «Blumenkohl ist die Vorhölle des Lebens.» Später wird sie sagen: «Gott ist ein Kürbis.»

Ein erstes Mal schmunzeln müssen wir erst vor dem Hoosesaggmuseum im Imbergässlein. Eine kleine, aber feine Installation mit echten Erasmus-Zitaten schafft etwas Klarheit in dem ganzen Unsinn. Dann gehen die flachen Witze weiter. Es geht um Kürbisse, Bücherverbrennung, Verstopfung und Grahambrot.

Die Freiheit, diese dumme Nuss

Statt der 60 Minuten, die der Rundgang dauern sollte, haben wir mehr als eineinhalb Stunden gebraucht. Immerhin: Für die brütende Augusthitze, die uns quält, können die Künstler nichts. Sätze wie der folgende lassen einen aber endgültig verzweifeln: «Die Freiheit, diese dumme Nuss, wurde in die Schranken verwiesen. Geschieht ihr recht. Was ist die Freiheit denn anderes, als ein Grahambrot, das sich für einen Sonntagszopf hält?» Aha.

Am Ende, auf der Klingentalfähre, sagt die Menschenfängerin: «Niemand kann Latein». Man möchte ihr zuschreien: «Lern es doch einfach, du dumme Nuss!» Die eineinhalb Stunden hätte man lieber ins Lateinstudium investiert, anstatt sich diese sinnentleerte Geschichte anzuhören.

Urban Erasmus Trail: Noch bis zum 25. September 2016.