Mäzenatentum
Ernst Ludwig Kirchner: Ein «Traumgeschenk» fürs Basler Kunstmuseum

Eberhard Kornfeld vermacht dem Kunstmuseum ein Bild von Ernst Ludwig Kirchner. Damit soll eine Lücke in der Sammlung geschlossen werden.

Marc Krebs
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Schenkung Kunstmuseum
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Museumsdirektor Josef Helfenstein(r.) nimmt dieses erfreut entgegen.
Neu im Kunstmuseum Basel: «Stafelalp, Rückkehr der Tiere» (1919). 120,5 x 168 cm; Öl auf Leinwand.

Schenkung Kunstmuseum

Martin Toengi

Es ist ein guter Tag für das Kunstmuseum Basel. Direktor Josef Helfenstein spricht gar von einem glücklichen Tag. Denn das von Geldsorgen geplagte Haus kann Good News verkünden. Es hat ein Geschenk bekommen, ein besonders grosszügiges: «Stafelalp, Rückkehr der Tiere», vor fast 100 Jahren entstanden. Der Künstler: Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938), einer der bedeutendsten Vertreter des deutschen Expressionismus.

Der Spender: Eberhard Kornfeld (*1923), einer der bedeutendsten Kunsthändler der Schweiz. Kornfeld ist ein profunder Kenner von Werk und Leben dieses Expressionisten. Er hat 1964 das erste Kirchner Museum in Davos ins Leben gerufen und 1979 die erste Biografie verfasst.

Kirchners Sommer in der Alphütte

Eine verrückte Biografie: Kirchner lebte in Dresden und Berlin, meldete sich zu Beginn des Ersten Weltkriegs zum Dienst, erlitt einen Nervenzusammenbruch, wurde abhängig von Medikamenten, war verzweifelt, am Ende. Er suchte Hilfe, doch Sanatoriumsaufenthalte brachten nichts, er musste weg. Auf Empfehlung eines Freunds, Eberhard Grisebach, reiste er 1917 in die Schweiz, nach Davos, zur Genesung. Kirchner liess sich fest nieder, verbrachte die Sommer in einer Alphütte. So entstand 1919 diese Darstellung der Bündner Bergwelt. Grisebach erwarb das Gemälde, das fortan dessen Wohnzimmer in Jena schmückte. Es blieb im Besitz dieser Familie, bis Grisebachs Sohn 1978 Die «Rückkehr der Tiere» den deutschen Museen zum Verkauf anbot. Es stiess nicht auf Interesse, was sich Eberhard Kornfeld damit erklärt, dass die Museen damals nach Strassenszenen suchten, nicht nach Alphütten. Also griff Kornfeld zu und wurde zum zweiten Besitzer. Bis gestern.

Neu im Kunstmuseum Basel: «Stafelalp, Rückkehr der Tiere» (1919). 120,5 x 168 cm; Öl auf Leinwand.

Neu im Kunstmuseum Basel: «Stafelalp, Rückkehr der Tiere» (1919). 120,5 x 168 cm; Öl auf Leinwand.

Martin Toengi

Der Wert: im Millionenbereich

Für das Kunstmuseum ist diese Schenkung allein aus finanziellen Gründen ein Glücksfall: 800 000 Franken stellt der Kanton jedes Jahr für Neuankäufe zur Verfügung. Selbst wenn das Museum 2017 nur ein einziges Werk anschaffen würde, könnte es sich diesen Kirchner nicht leisten. Zwar ist das Bild nicht offiziell geschätzt worden: Der Marktwert aber, so ist zu vernehmen, bewegt sich in sieben- bis achtstelliger Höhe. Wir reden also von mehreren Millionen Franken.

Noch höher aber sei der immaterielle Wert einzustufen, heisst es seitens Kunstmuseum. Direktor Josef Helfenstein spricht von einem «Traumgeschenk für unsere Sammlung: Es ist das bedeutendste Gemälde in unserer immer noch kleinen, aber nun wesentlich aufgewerteten Kirchner-Gruppe.» Zu dieser gehörten bisher die beiden Davos-Gemälde «Amselfluh» (1922) und «Davos im Winter. Davos im Schnee» (1923).

Kirchners Basel-Connection

Mit der Stafelalp, einem Hauptwerk aus Kirchners frühen Davoser Jahren, werde eine Lücke geschlossen. Das sieht auch der Spender so: Für Eberhard Kornfeld ist das Werk, «dieser Helge», wie er unverblümt sagt, in Basel am richtigen Platz. Warum nicht Davos, wo das Kirchner Museum lockt? «Meine Verbindung dorthin ist nicht mehr so eng wie am Anfang», sagt Kornfeld. Und: «Dass ich es Basel mal schenken werde, stand schon vor Jahrzehnten fest.» Denn hier sei Kirchners Kunst schon zu dessen Lebzeiten geschätzt worden. «Der Basler Kunsthalle unter dem Leiter Wilhelm Barth war es zu verdanken, dass es 1923 zur ersten grossen Kirchner-Ausstellung in der Schweiz kam. Die Ausstellung war ein grosser Erfolg», sagt Kornfeld. Während Kirchners Stil in anderen Städten wie Winterthur, abgelehnt wurde, war man in Basel begeistert. Der Anfang einer «Anhänglichkeit», so der Biograf und Kenner.

Auch danach sei Kirchner Basel sehr verbunden geblieben, wie Kornfeld schildert: «Er besuchte die Stadt immer wieder, wohnte in den Hotels Jura und Krafft, pflegte in späteren Jahren freundschaftliche Kontakte mit Sammlern (Im Obersteg, Hess und Bosshard), Künstlern (Gruppe «Rot Blau») und den Direktoren des Kunstmuseums, Otto Fischer und Georg Schmidt.

Schmidt blieb mit Kirchner bis zu dessen Freitod 1938 verbunden und wurde 1946 Betreuer des ganzen Nachlasses. «Leider hat er es unterlassen», so der leise Vorwurf Kornfelds, «für das Kunstmuseum eine repräsentative Gruppe von Kirchners Werken zu sichern.»

Das will er nun ein bisschen korrigieren. Warum jetzt?
«Ich muss an meine 94 Jahre denken und überlegen, wo einzelne Werke aus meiner Sammlung eine neue Heimat finden», sagt der Mäzen.

Von den 94 Jahren hat Kornfeld zwar 72 Jahre in Bern gelebt, «aber die ersten 22 in Basel, diese Jahre waren doch prägend», so der Kunstliebhaber. «1936 durfte ich bei der Einweihung des neuen Museums als Zaungast dabei sein, seither ist die Liebe zu diesem Haus immer wach geblieben. Es falle ihm schwer, sich von diesem Bild zu trennen. «Mit der Übergabe dieses Bildes möchte ich die Unterlassungssünde von Georg Schmidt, dem ich freundschaftlich verbunden war und dessen Wirken ich immer hoch geschätzt habe, etwas ausbügeln und eine Lücke schliessen.»

Das Kunstmuseum Basel zeigt die Schenkung in einem eigens eingerichteten Raum, im 2. Stock des Hauptbaus, zusammen mit dem komplementären Bild «Auftrieb der Tiere» (1918/19), einer Leihgabe des Kunstmuseums St. Gallen.