Es waren noch lockere Zeiten, zumindest, was die Grenzen betrifft. Vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 hatten die Grenzen für die Bevölkerung im Raum Basel keine Bedeutung. «Die Staaten hatten ihre Territorien noch nicht so im Griff, um die Bewegungsfreiheit konkret zu behindern», kommentiert Markus Möhring, Leiter des Lörracher Dreiländermuseums. So konnte man sich frei in Basel niederlassen oder auch umgekehrt im Deutschen Reich. Die Gemüsefrauen aus dem elsässischen Village-Neuf, damals Neudorf, oder Haltingen brachten ohne Probleme ihre Produkte auf den Basler Markt.

Bis zum Ersten Weltkrieg betrug der Anteil der Ausländer in Basel rund ein Drittel der Wohnbevölkerung; war also ungewöhnlich hoch. Viele stammen aus den benachbarten Regionen Süddeutschlands und des Elsass. «Ihre Zuwanderung stellte eine Nahwanderung vom Land in die Stadt dar und damit ein Element der vielfältigen wirtschaftlichen und sozialen Austauschbeziehung über die nationalen Grenzen hinweg», schreibt Josef Mooser im Standardwerk «Basel, Geschichte einer städtischen Gesellschaft» (Hg. Georg Kreis/Beat von Wartburg).

Fremdenpolizei erst ab 1917

Die Fremdenpolizei wurde in der Schweiz erst 1917 eingeführt, die ersten Pässe gab es dort ab 1915. Mit dem Ersten Weltkrieg endete auch die liberale Passpolitik des Deutschen Reichs. Die Region Basel war vor dem Krieg bi- und nicht trinational, weil Elsass-Lothringen seit 1871 zum Deutschen Reich gehörte. Da die meisten Leute vor dem Krieg die Grenzen zu Fuss oder mit dem Velo passierten, gab es sehr viel mehr Übergänge als heute. Einen Pass hatte niemand. «Pässe gab es zwar schon zur Zeit Goethes, aber in der Region brauchte die Bevölkerung keinen. Es gab auch gar kein System für die Ausstellung», so Möhring.

Mit dem Ausbruch des Krieges änderte sich das. Die Grenzen wurden geschlossen, kontrolliert und es gab nur noch wenige Übergänge. Der damalige Lörracher Museumsdirektor brauchte einen provisorischen Ausweis, um nach Basel fahren zu können. «Während des Kriegs professionalisierte sich das Pass- und Ausweiswesen. Die recht provisorisch wirkenden Passagierscheine des Jahres 1914 wichen im Lauf der Zeit den für Massenbetrieb vereinheitlichten Formularen», heisst es in den Lörracher Heften 5 zum Thema «Halt Landesgrenze».

Mit der Schliessung der Grenzen brach in Lörrach die Milchversorgung zusammen, hatte die Stadt doch bisher ihre Milch aus dem Bauerndorf Riehen bezogen. 1915 wurden die Lieferungen zumindest teilweise, wenn auch nicht im gleichen Umfang, wieder aufgenommen. Der langjährige Lörracher Oberbürgermeister Erwin Gugelmeier, der sein Amt von 1906 bis 1927 innehatte, suchte den Kontakt zur Schweiz und setzte sich für die Verlängerung der Tramlinie von Riehen nach Lörrach ein. Der Bau bis zur Grenze und ein Stückchen darüber hinaus wurde noch vor 1914 fertiggestellt, mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde das Projekt aber unterbrochen.

Zollgrenze für Warenströme

Während die Personen beim Grenzverkehr von Freizügigkeit profitierten, sah dies bei grossen Warenlieferungen anders aus. Das Grossherzogtum Baden war schon 1835 dem Deutschen Zollverein beigetreten. Seine Hauptzollstelle befand sich auf der Leopoldshöhe in Weil am Rhein, oberhalb des heutigen Bahnhofs. Ab 1871 gehörte Baden zum Deutschen Reich. «Für Warenströme gab es nationale Zollschranken», so Möhring.

Um die Zölle zu umgehen und freien Zugang zum grossen Markt des Deutschen Reichs zu erhalten, liessen sich viele Schweizer Textilfabrikanten in Lörrach, Weil am Rhein oder auch im Wiesental nieder. Suchard aus der Region von Neuchâtel produzierte seine Milka-Schokolade neu in Lörrach und im damals deutschen Saint-Louis (Sankt-Ludwig) stellte eine Schweizer Firma Zigarren her. Gaba produzierte ebenfalls dort Wybert Pastillen und zog 1919 mit ihrer Fabrik nach Lörrach um. «Die wirtschaftliche Abgrenzung hat durch Investitionen zu einer anderen Form der Verbindung geführt», analysiert Markus Möhring.

Grenzgänger aus der Schweiz

Das führte auch dazu, dass die Grenzgängerströme damals nicht wie heute einseitig in Richtung Schweiz verliefen. «Es gab viele Riehener, die einen Job in Lörrach wie in Basel fanden. Dabei war Lörrach für sie näher», sagt Möhring. In den Lörracher Heften zum Thema Grenzen wird für das Jahr 1910 die Zahl von 4500 Schweizern genannt, die im nördlichen Nachbarland gearbeitet haben. Weiter steht dort: «Die Zahl der beschäftigten Deutschen in der Schweiz war damals noch wesentlich geringer und wurde erst nach dem Ersten Weltkrieg zu einem Massenphänomen.»