Die geladenen Gäste stehen Schlange am Schifflände-Landesteg. Unterhalten von Pfeifern und Tambouren der E.E. Zunft zu Schiffleuten warten sie, bis vorne alle Hände geschüttelt, Schultern umfasst und Glückwünsche ausgetauscht sind. Und ein Verspäteter kann für sich sogar einen James Bond-Auftritt rausholen: Anfahrt mit Chauffeur im Motorboot, Griff an das Steggeländer, mit Schwung zum Ufer hoch, schnell den Sitz seiner weissen Mähne kontrolliert und dann als Letzter auf die MS Christoph Merian. Dort, und nicht auf dem neuen Schiff, beginnt nämlich das Programm für die Geladenen: Politprominenz, Vertreter der Basler Personenschifffahrt BPG, Gäste der Linzer Werft und eben die Zünftler.

Die erste Taufe seit 25 Jahren

Mehrere dieser Rollen auf sich vereint René Häfliger, Moderator des Abends, aber auch LDP-Grossrat und Schiffleuten-Mitglied. Häfligers Begrüssung setzt den Pathos-Pegel hoch: «Ein Schiff wird kommen – und es wird uns glücklich machen.» Tatsächlich ist es ein geschichtsträchtiger Abend, denn es ist die erste solche Schiffstaufe seit 25 Jahren, die Basel feiern darf. Fünf Jahre Projektphase und ein Jahr Fertigung finden an diesem Abend ihr feierliches Ende.

Die Reden: Schiffleuten-Zunftmeister Stephan Schindler freut sich, dass seine Zunft wieder auf dem Wasser ist, denn davon habe man sich seit der Gründung 1354 entfernt. Reinhard Suppan, Geschäftsführer der Linzer Werft, freut sich, dass das Schiff trotz Verzögerung seinen Bestimmungsort erreicht hat. Und Regierungsrat Christoph Brutschin freut sich, dass hier wieder beieinander steht, wer an der Grossratssitzung kurz zuvor über das Lysbüchel gestritten hat. BPG-Verwaltungsratspräsident Daniel Thiriet freut sich, dass ihm eine Idee eingefallen ist, wie er sich bei allen, wirklich allen Beteiligten bedanken kann: Während seiner Rede hat er Jackett, Hemd und Krawatte ausgezogen und ein T-Shirt mit der riesigen Aufschrift «Dangge» offenbart.

Alle Redner wünschen «Immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel» – ein Seemannsgruss, der der Redewendung «Hals- und Beinbruch» entspricht. Ja: Freude herrscht.

1777 Vorschläge für den Namen

Vom Grossbasler Rheinufer verfolgen Baslerinnen und Basler die eigentliche Taufe auf dem Deck des neuen Schiffs. Auch die Geladenen erleben sie nur aus der Ferne. Das neue Schiff fährt an, begleitet von anderen Schiffen: Grenzwacht, Polizei, Feuerwehr. Auch ein Rhytaxi dreht zur Ehrerbietung seine Runden um das Taufkind inmitten des Rheins. Erst singt die Knabenkantorei das Lied vom Anggewegglimaitli, dann diskutiert Florian Sulzer, Kapitän des neuen Schiffs, mit Häfliger über dessen Passagierkapazität. Bisher wurde eine Zahl von 600 Passagieren genannt; der Schriftzug «700 pass.» an der Schiffsfassade wirkt aber eindeutig.

Die Schifferseelsorger Walter Schär und Xaver Pfister sprechen ein Vater Unser und segnen das Schiff in Gottes Namen – nach langem Ausführungen. Insbesondere Pfister sorgt für Belustigung: Der Theologe spricht lange über Stil, Stillosigkeit, zerrissene Hosen und wünscht sich, einmal pro Jahr eine Freifahrt für Mittellose auf dem «Schiff ohne Namen», bei welcher «ausnahmsweise die Reichen servieren».

Dann – nach acht männlichen Rednern, einer Zunft und einem Knabenchor – kommt der Moment der einzigen Frau des Abends. Taufpatin Katrin Renggli, Leiterin des europäischen Jugendchorfestivals, berichtet von der imposanten Höhe des Schiffsaals, bevor sie das rote Band durchschneidet und so die Mechanik auslöst, die den Champagner entkorkt. Endlich spricht sie den Taufsatz – und verkündet damit gleichzeitig erstmals den Namen: Das Schiff heisst «Rhystärn», ausgewählt unter 1777 Vorschlägen aus der Bevölkerung.

Der Taufchampagner ist der einzige Alkohol, der an diesem Abend dem Rhein überlassen wird. Die Geladenen trinken reichlich blau gefärbte Gin Tonics und Weisswein. Es ist nach 22 Uhr, als die Zünftler trommelnd und pfeifend über die Mittlere Brücke ziehen. Erstmals in Augenschein nehmen dürfen die Basler das neue Schiff am Tag der Offenen Tür am 16. Juni.