Housing First

Erster Basler Obdachloser ist weg von der Strasse – aber nicht alle wollen überhaupt eine eigene Wohnung

In Basel haben dank «Housing First» selbst die Ärmsten Aussicht auf eine eigene Wohnung.

In Basel haben dank «Housing First» selbst die Ärmsten Aussicht auf eine eigene Wohnung.

«Housing First» ermöglicht Randständigen ein Zuhause. Nun zeigt sich: Nicht alle Wohnungslosen wollen ihre eigenen vier Wände.

Obdachlosigkeit gibt es auch in der reichen Schweiz. Allein in Basel waren bei der jüngsten Erhebung vor zwei Jahren hundert Menschen ohne festes Zuhause. Rund fünfzig Männer und Frauen schlafen regelmässig draussen, weitere fünfzig nächtigen in den Notschlafstellen. Der Kanton Basel-Stadt will nun im Rahmen des Pilotprojekts «Housing First» Obdachlosen ermöglichen, die eigenen vier Wände zu beziehen.

Die Heilsarmee hat den Zuschlag für die Umsetzung bekommen, jetzt beginnt die Rekrutierungsphase unter den Randständigen. In einer Anzeige verspricht die Heilsarmee «ein menschenwürdiges und selbstbestimmtes Leben» sowie die «Wiedereingliederung in die Gesellschaft». Finanziert wird die Wohnung über die Ergänzungsleistungen oder die Sozialhilfe.

Interessenten müssen dabei einige Aufnahmekriterien erfüllen. So müssen diese schon seit vielen Jahren obdachlos oder wohnungslos sein, psychische Probleme haben und/oder unter einer Suchterkrankung leiden. Sie sollen gleichzeitig den «geäusserten Willen» zum Ausdruck gebracht haben, eine eigene Wohnung zu führen.

«Rough Sleepers» haben sich an ihr Leben gewöhnt

Es sind dies Ansprüche, die für den einen oder anderen Obdachlosen etwas zu hoch sein dürften. Denn wie sich nun herausstellt, hat die Heilsarmee Probleme, Kandidaten für das Housing-First-Projekt zu finden. Bisher haben zwei Obdachlose ein eigenes Zuhause bezogen, «die dritte Person ist in Vorbereitung und wird in Kürze eine Wohnung beziehen», wie Rudolf Illes, der Basler Sozialamtsvorsteher, sagt. Insgesamt 15 Randständige hätten ihr Interesse angemeldet.

Der Ansturm ist ausgeblieben, was selbst die Verantwortlichen überrascht. Auffallend ist, dass besonders die sogenannten «Rough Sleepers» offenbar noch kein grosses Interesse an einem eigenen Zuhause bekunden. Es handelt sich hierbei um die Obdachlosen, die schon seit vielen Jahren draussen übernachten – selbst in den Wintermonaten.

Thomas Baumgartner, Gesamtleiter «Heilsarmee Wohnen», sagt, dass die Rough Sleepers auf ein autarkes Leben eingestellt seien und möglicherweise die Veränderung scheuten. «Es ist ja nicht so, dass alle Obdachlosen keine andere Wahl hätten. Von demjenigen, der bei der Manor liegt, weiss ich, dass er schon mehrere Angebote für eine Wohnung abgelehnt hat», sagt er.

Jeder vierte Obdachlose mit Gesundheitsproblemen

Baumgartner ist der Meinung, dass die Obdachlosen aus gesundheitlichen Gründen durchaus zu ihrem Glück, in einer eigenen Wohnung zu hausen, gezwungen werden sollten. Dies legen auch die Zahlen wissenschaftlicher Studien nahe, welche sich mit Obdachlosigkeit auseinandersetzen. Die grösste in Deutschland durchgeführte Erhebung zum Thema zeigte, dass zwei Drittel der Obdachlosen unter psychischen Problemen leiden. Und eine Befragung unter knapp 400 aktuellen und ehemaligen Basler Obdachlosen, die 2018 durchgeführt wurde, förderte zutage, dass jeder vierte mit Gesundheitsproblemen zu kämpfen hatte.

Gleichwohl ist es kein Selbstläufer, die Leute von der Strasse zu holen – auch wenn die Wohnung wie in Basel vom Staat übernommen wird. Bestes Beispiel für die innere Zerrissenheit der Klientel ist derjenige Obdachlose, der als erster im Rahmen der Housing-First-Kampagne eine Wohnung beziehen durfte.

Schon nach kurzer Zeit habe der 43-Jährige an seiner Entscheidung gezweifelt und damit geliebäugelt, wieder auszuziehen. «Als wir ihm dann zur Seite gestanden sind und geholfen haben, Möbel einzukaufen und sich einzuleben, hat er sich schliesslich doch zurechtgefunden», sagt Baumgartner.

Erfahrungen aus dem Ausland sind positiv

Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen, dass Housing First mehrere Vorteile mit sich bringt. In Wien beispielsweise leben rund 600 Menschen nach diesem Konzept. Bei einem Grossteil der Klientel hat sich die Gesundheit verbessert, ein beträchtlicher Teil hat sogar einen Job gefunden. Nur in sechs Prozent der Fälle habe eine «Delogierung» stattgefunden, weil beispielsweise die Vermieter mit dem neuen Mieter nicht zurechtkamen – diese Zahlen gehen aus einer jüngst publizierten Auswertung hervor.

Die Österreicher blicken bereits auf zehnjährige Erfahrung mit Housing First zurück, derweil Basel erst in die Pilotphase eintaucht. In drei Jahren wird der Stadtkanton ein Fazit ziehen – und darüber entscheiden, ob er der erste Kanton wird, der Wohnungen für seine Obdachlosen sucht.

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