Der vergangene Sonntag war für viele in der Reformierten Kirche Basel-Stadt kein besinnlicher Tag. Die Enthüllungen, dass die neu in den Kirchenrat gewählte Kleinbasler Pfarrerin Christine Dietrich eine der einflussreichsten rechtsextremen Hass-Seiten im deutschsprachigen Raum mitaufgebaut hatte, sorgten landesweit für Schlagzeilen. Besonders die in der bz aufgeworfene Frage, wie ernst es Dietrich mit der Distanzierung ihrer Vergangenheit beim Blog «Politically Incorrect» ist, sorgte für Diskussionen.

So postete Dietrich auf Facebook ein Foto, das als Bekenntnis zu einer christlich-fundamentalistischen Anti-Islam-Bewegung gedeutet werden muss. Zu ihrem Online-Freundeskreis gehört ausserdem der wegen Rassendiskriminierung verurteilte Anti-Islam-Aktivist Dennis «Avi» Lipkin, dem sie auf Facebook auch zum Geburtstag gratulierte. Auch in Dietrichs Predigten als Pfarrerin der Dorfkirche Kleinhüningen dringt immer wieder ein stark pauschalisierendes Bild des Islam durch.

Enthaltungen, aber keine Gegenkandidaten

Als die Synode, also das Kirchenparlament, vergangenen Mittwoch erstmals in der neuen Zusammensetzung tagte, war die Vergangenheit von Dietrich kein Thema mehr, ihre Wahl in den Kirchenrat nur noch Formsache. Zwar dürfte es den einen oder anderen gegeben haben, dem bei der Sache nicht ganz wohl war – Dietrich wurde mit dem schlechtesten Resultat aller Kirchenräte gewählt – aber Fragen oder gar Widerspruch wurden nicht geäussert.

In der Wahlvorbereitungskommission dagegen war Dietrichs Vorgeschichte ein Thema. Besonders viele Interessenten für den Kirchenrat gibt es indes nicht. Dem Vernehmen nach wurde sogar noch erfolglos versucht, einen Gegenkandidaten zu Dietrich zu finden.
Viele in der Kirche möchten sich nur anonym äussern. Gespräche mit einer Reihe von Synodenmitgliedern zeigen: Es gibt zwei Gruppen. Die einen, denen die problematische Vergangenheit des neues Exekutivmitglieds nicht bewusst war. Die anderen hatten Kenntnis davon, glaubten aber Dietrich, als sie sich davon distanzierte. Beide Gruppen teilen aber die Ansicht, dass nun Klarheit geschaffen werden muss.

Dietrich lässt viele Fragen unbeantwortet

Daniel Frei vom Pfarramt für weltweite Kirche BL/BS sagt: «Die Verunglimpfung Andersgläubiger und die Pauschalisierung des Islams ist indiskutabel. So habe ich immer auch Christine Dietrich verstanden.» Er glaube ihr, dass sie mit ihrer Vergangenheit abgeschlossen habe, sagt Frei. «Ich habe sie als faire und professionell arbeitende Kollegin erlebt.» Er nehme das Thema sehr ernst: «Wir müssen das Gespräch weiter führen, nicht auf eine Person begrenzt, sondern in der Verantwortung als tolerante Kirche» sagt Frei.

Die gleiche Einschätzung vertritt Ruedi Spöndlin vom Forum für Zeitfrage, welches auch ein Projekt mit der Muslimkommission lanciert hat. «Sie hat erklärt, sie sei da so reingerutscht. Es hat alles ziemlich unproblematisch getönt.» Auch Spöndlin will nun Klarheit: «Wenn da so stimmt, goutiere ich das nicht.»

Nach dem Erscheinen des Artikels hat Dietrich eine zweiseitige Erklärung verfasst, die kirchenintern verschickt wurde. Dabei hält sie fest, dass ihr Antrieb die Menschenrechte seien, vor allem die Gleichbehandlung von Frau und Mann. Von «Politically Incorrect» habe sie sich endgültig distanziert: «Nicht, weil ich nicht zu meinen damals vertretenen Meinungen stehen würde, sondern weil der dortige Kontext falsch war.» Auf weitere im Artikel thematisierte problematische Punkte geht Dietrich im Schreiben nicht ein.