Museumsnacht 2020

«Es geht um einen Austausch und darum, die Menschen zu empowern, über Kunst zu sprechen»

In der Museumsnacht sieht Hannah Horst eine «wunderbare Chance».

In der Museumsnacht sieht Hannah Horst eine «wunderbare Chance».

Kunstvermittlerin Hannah Horst spricht vor der 20. Ausgabe der Museumsnacht über die Eventisierung der Kunst.

Hannah Horst (37) ist Leiterin des Bereiches «Bildung und Vermittlung» am Kunstmuseum Basel. Im Vorfeld der 20. Ausgabe der Museumsnacht, die am kommenden Freitag stattfindet, erzählt sie von den Aufgaben und Chancen der Kunstvermittlung. Und davon, wie Museen ihre Aufgabe selber immer hinterfragen sollen.

Mit fast 38'000 Besuchern stellte die letztjährige Museumsnacht einen neuen Rekord auf. Über 40 Prozent der Besucher war unter 26 Jahre alt, was auch darauf zurückzuführen ist, dass diese Altersgruppe neuerdings gratis an die Museumsnacht darf. Regulär kosten die Tickets, welche die Benützung des öV beinhalten, 24 Franken. Die europäische Stadt mit der grössten Museumsdichte lockt an der Jubiläumsausgabe mit über 200 Programmpunkten an die rund 40 Austragungsorte.

Die Museumsnacht ist so etwas wie die Mutter aller Vermittlungsangebote. Die Besucherzahlen sind beeindruckend, aber im restlichen Jahr lässt sich kaum ein Effekt erkennen. Ist das angesichts des Aufwands nicht vergebene Mühe?

Hannah Horst: Das glaube ich nicht. Die Museumsnacht ist in erster Linie ein Event. Auf der anderen Seite bietet sie natürlich eine wunderbare Chance, um zu zeigen, was man in einem Museum macht – und auch was man machen kann.

Was kann man denn alles machen?

Neben Ausstellungen und Führungen sind Workshops möglich, in denen es weniger um Kunstgeschichte geht als um die Bezüge zur Aktualität und zum Alltag. Hier kann beispielsweise ein junger Mensch erfahren, was eine Sammlung mit ihm zu tun hat. «Was können mir die alten Meister sagen» – das ist doch eine spannende Frage.

Das heisst, der Event ist auch ein Experimentierfeld für Museumspädagoginnen?

Der Begriff ist mir zu gross. Aber natürlich müssen wir an der Museumsnacht schneller und grösser denken als sonst. Es kommen ja viel mehr Leute mit tendenziell wenig Zeit. Die Frage ist, wie man die abholen und erreichen kann.

Wer lernt denn mehr an der Museumsnacht: die Besucher oder die Macher?

Ich hoffe, dass es eine win/win-Situation ist. Optimalerweise lernen die Besucher das Museum kennen, und wir lernen etwas darüber, was die Besucher interessiert.

Bei welchen Besuchern gibt es für Sie in dieser Hinsicht am meisten zu holen?

Gerade bei Jugendlichen möchten wir wissen, welche Fragen sie umtreiben. Diese Altersgruppe erreichen wir sonst schlecht. Abgesehen von Schulklassen-Besuchen.

Viele Besucher lieben die Museumsnacht. Andere mögen sie gar nicht, weil das Museum an diesem Abend zum Eventort wird.

Ich glaube, es gibt aber auch da durchaus Momente für Ruhe. Etwa die Shortcut-Führungen in allen unseren Häusern mit den Kuratorinnen. Hier wird zu Themen der Sammlung gemeinsam etwas erarbeitet.

Muss man Kunst – auch ausserhalb der Museumsnacht – stetig in neue Zusammenhänge setzen, damit sich die Leute damit befassen?

Hierzu möchte ich ein Projekt erwähnen, das wir letztes Jahr ins Leben gerufen haben: «Living Archive». Da geht es im Grunde darum, die reichhaltige Sammlung des Kunstmuseums Basel mit neuen Augen zu sehen. Ein Thema waren beispielsweise Blumen, und es kam ganz Spannendes zu Tage: Etwa, dass viele Maler in ihren Bildern gemogelt haben, was die Saison betrifft. Die haben oft Blumen gemalt zu einer Jahreszeit, in der diese gar nicht wachsen. So eine Erkenntnis kann mitunter dazu führen, dass die Besucherinnen nachher die Sammlung mit neuen Augen sehen.

Wandeln sich Museen insgesamt von Orten der stillen Betrachtung hin zum Diskursort?

Ersteres sollen sie unbedingt bleiben, aber zweites bitte auch werden. Angesichts der Lage unserer Welt müssen Debatten geführt und konservierte Geschichte auch kritisch be- oder hinterfragt werden: Warum hängen denn da viele Werke von Männern, zum Beispiel? Drängende Fragen zu erkennen und diese in einen Diskurs zu stellen, das ist durchaus eine neue Form der Vermittlung.

Also weg von der reinen Weitergabe von Wissen?

Ja. Es geht auch um einen Austausch und darum, Erfahrung zu vermitteln und die Menschen zu empowern, selber über Kunst zu sprechen.

Wie geht das konkret?

Wenn wir beispielsweise mit Schulklassen arbeiten, so können wir diese entweder mit Wissen abfüllen oder aber ein Gespräch mit ihnen führen. Die Schülerinnen sollen lernen: Da stecken ja Themen drin, die mich betreffen. Und ich bin ermächtigt und autorisiert, darüber zu sprechen.

Ihr Betätigungsfeld als Vermittlerin ist relativ jung. Wagen Sie einen Blick in die Zukunft?

In England kann man die Entwicklung sehr gut beobachten, dort sind die art education teams bereits deutlich grösser. Denn zum einen wachsen die Museen, zum anderen beschäftigt uns zunehmend die Frage, wo die Besucher herkommen. Ein Museum soll sich auch hinterfragen, was es ausser einem Raum mit Bildern noch ist.

An der Museumsnacht fällt auf, dass fast jedes Haus eine Bar und einen DJ oder eine Band hat. Findet da ein Event-Wettrüsten unter den Institutionen statt?

Das kann ich nicht beurteilen, weil das jetzt erst meine dritte Museumsnacht ist. Wir vom Kunstmuseum gehen stark von den Themen aus, die wir gerade in der Ausstellung haben. Dort knüpfen wir inhaltlich an. Aber natürlich ist es auch zwingend, dass wir eine Bar haben und dass man tanzen kann.

Die Bar verstehe ich, damit niemand Durst oder Hunger leidet. Aber wieso muss man in so einem Setting unbedingt tanzen?

(lacht) Ich gebe Ihnen recht, die Frage nach der Eventisierung darf man natürlich stellen. Aber es geht hier darum, das Museum auch als gesellschaftlichen Ort zu etablieren. Und eine Party schadet da nicht. Es ist ja auch so, dass wir alle viel gearbeitet haben für den Event und man das auch feiern darf.

Es wird auch den einen oder anderen Besucher geben, der sich nach der Museumsnacht nur an den Wurstgrill und die Musik erinnert.

Natürlich gibt es den auch. Aber dann hatte er eine gute Erfahrung in einem Museum und das macht ihn ja vielleicht auch insgesamt neugierig, das Haus zu besuchen.

Apropos Besuch: Was darf man in Ihren Augen an der Museumsnacht 2020 nicht verpassen?

Unser Speed-Dating «It’s ok not to be perfect» mit sieben Experten im Kunstmuseum Basel/ Gegenwart. Da kann man beispielsweise mit einem Sextherapeuten sprechen, seinen Lebenslauf optimieren lassen oder sich Schminktipps holen. Man hat jeweils fünf Minuten Zeit, um sein Karma fürs neue Jahr aufzupolieren – und ist danach womöglich ein neuer Mensch.

Museumsnacht 2020. Diverse Orte in Basel. Freitag, 17. Januar, 18 Uhr. www.museumsnacht.ch

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