Öffentlicher Verkehr
Es gibt immer mehr Schwarzfahrer – das könnte die BVB bald Millionen kosten

Den Basler Verkehrs-Betrieben drohen wegen steigenden Schwarzfahrerzahlen Einbussen in Millionenhöhe. Grund ist ein neues Passagierzählsystem, welches der Tarifverbund Nordwestschweiz einführt.

Leif Simonsen und Jonas Hoskyn
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Fast 20’000 Passagiere ohne gültigen Fahrausweis erwischen die BVB-Kontrolleure jedes Jahr – Tendenz steigend.

Fast 20’000 Passagiere ohne gültigen Fahrausweis erwischen die BVB-Kontrolleure jedes Jahr – Tendenz steigend.

barfi.ch

Die Zahlungsmoral der Basler Trampassagiere lässt seit Jahren nach. 2013 erwischten die Kontrolleure der BVB 15’103 Fahrgäste (2 Prozent) ohne gültigen Fahrausweis. Bis im vergangenen Jahr stieg die Zahl kontinuierlich auf 19’829 beziehungsweise 2,66 Prozent an. Im gleichen Stil geht es 2017 weiter. Die BVB wirken ratlos. «Die Gründe dafür sind vielfältig und schwierig zu eruieren», sagt Sprecher Benjamin Schmid. Um herauszufinden, warum die Leute schwarz fahren, müsse man eine repräsentative Befragung durchführen.

Doch statt die Stichproben auszubauen, soll die Sparschraube bei den Kontrolleuren angesetzt werden. Internen Dokumenten zufolge sollen in den nächsten fünf Jahren im Bereich «Markt und Netze», wo die Kontrolleure angesiedelt sind, durch Effizienzsteigerungen über ein Dutzend Vollzeitstellen gestrichen werden. Von einem Abbau will BVB-Direktor Erich Lagler aber nichts wissen: «Im Gegenteil, die Kontrollen werden erhöht.»

Doch faktisch werden die Kontrollen bei den BVB bereits jetzt zurückgefahren, da das Personal in den Führerkabinen der Trams benötigt wird. Seit Monaten ist der Fahrdienst am Anschlag. Dass das Kontrollwesen darbt, ist mittlerweile ein offenes Geheimnis. Stillschweigend hat sich das Unternehmen wieder vom System verabschiedet, wonach lediglich Uniformierte Kontrollen durchführen. Das Pilotprojekt mit der Einheitskleidung endete im vergangenen Frühling. Die BVB-Führung musste sich schwere Vorwürfe der Kontrolleure gefallen lassen. In den Uniformen würden sie viel früher erkannt. Unzählige Schwarzfahrer würden entkommen.

Offiziell stellten sich die BVB auf den Standpunkt, wonach man ja gar nicht auf der «Jagd nach Schwarzfahrer» sei, sondern lediglich Präsenz markieren wolle. Tatsächlich kam man aber dem eigenen Personal entgegen. Die Kontrolleure sind seit April auch immer wieder zivil unterwegs. Da den BVB für zusätzliche Kontrolleure das Geld fehlt, setzen sie auf günstigere Mittel. In Kampagnen soll an die Ehrlichkeit der Fahrgäste appelliert werden.

Millioneneinbussen drohen

Deren Nutzen lässt sich nur schwer beziffern. Klar ist aber: «Präsenz ist eindeutig das beste Mittel, um die Schwarzfahrerquote senken zu können», sagt der stellvertretende BLT-Direktor Fredi Schödler. «Wenn wir weniger kontrollieren, merken wir das ein, zwei Monate später, wenn die Zahlen wieder steigen.» Bei den BLT habe sich die Quote in den letzten Jahren zwischen 1,5 bis 1,9 Prozent eingependelt. Viel tiefer dürfte diese kaum sinken. «Einen gewissen Anteil Schwarzfahrer wird es immer geben. Irgendwann muss man einen unverhältnismässigen Aufwand betreiben, um die Zahl weiter senken zu können», so Schödler.

Das Thema Schwarzfahren wird nun aber nochmals deutlich wichtiger für die öV-Unternehmen. Denn durch die blinden Passagiere entgehen ihnen zukünftig nicht einfach die Billetteinnahmen. Wer eine zu hohe Schwarzfahrerquote hat, dem drohen Abzüge bei der Verteilung der TNW-Gelder. Über 265 Millionen Franken Einnahmen konnte der Tarifverbund Nordwestschweiz vergangenes Jahr an die beteiligten öV-Unternehmen verteilen. Fast die Hälfte aus dem Topf erhalten die BVB. 2016 waren es 118,2 Millionen Franken. Einen weiteren Viertel, 58,2 Millionen, floss an die BLT.

Dafür gibt der TNW klare Richtlinien vor, wie oft kontrolliert werden muss. Punkto Schwarzfahrer gilt ein Schwellenwert von fünf Prozent. Wer darüber liegt, dem werden die Gelder entsprechend gekürzt. Als Transportunternehmen hat man also ein Interesse daran, möglichst viele Kontrollen durchzuführen. Im Falle der BVB bedeutet dies: Jedes Prozent mehr Schwarzfahrer bedeutet über eine Million weniger Einnahmen. Bisher konnten die TNW-Unternehmen aber jeweils die Höchstgrenze
einhalten.

Künftig verschärft sich die Ausgangslage für die öV-Unternehmen nochmals. Bisher werden die Passagierzahlen separat gezählt und die Schwarzfahrerquote via Kontrollen erhoben. Neu stellt der TNW auf das schweizweit bereits stark verbreitete System der sogenannten Fahrausweisstrukturerhebung um. Konkret wird für die Verteilung der öV-Gelder neu erhoben, wer mit welchem Billett unterwegs ist. Im Rahmen dieser Umstellung wird auch der Schwellenwert für Schwarzfahrer gestrichen. Ab dem ersten blinden Passagier wird gekürzt.

«Das Interesse an einer niedrigen Quote wird für die Unternehmen nochmals deutlich grösser», sagt TNW-Geschäftsführer Adrian Brodbeck. Die BVB stecken im Kampf gegen die Schwarzfahrer im Teufelskreis. Dabei ist nicht jedes Problem hausgemacht. Ein besonderer Nachteil ist das engmaschige Streckennetz. Für die Kontrollen steht zwischen zwei Stationen deutlich weniger Zeit zur Verfügung als beispielsweise bei der BLT, den Postautos oder der SBB. Entsprechend müssen die BVB-Kontrolleure meist in Gruppen von vier bis sechs Personen arbeiten.