«Bahnhofbuffet Olten»: So wird gelegentlich die Dialekt-Mischform «Schweizerdeutsch» beschrieben. Eine Sprache, die geografisch einzugrenzen ist und aus allen Schweizer Dialekten besteht. Die Basler IG Dialekt wollte es genauer wissen: «Dialekt ist Identität», erklärt Martina Heer vom Institut für Germanistik der Uni Bern. Ihr Kollege Luzius Thöny, der auch Präsident des «Verein Schweizerdeutsch» ist, redet von Prestige: «In Deutschland gilt man als rückständig oder ländlich, wenn man Dialekt spricht.» Alle seien überzeugt, dass im Kanton Bern Berndeutsch gesprochen werde. Tatsächlich gebe es jedoch grosse Unterschiede zwischen den einzelnen Tälern und Ortschaften.

Auch Solothurner Dialekt sei so ein Beispiel. Der Dialektologe Sandro Bachmann erklärt in breitestem «Wallissertitsch»: «Für Walliser tönt der Solothurner wie der Basler Dialekt.» Er kassiert ein Raunen des Publikums. Für die «Glarner Dialeggt» redende Journalistin Anne-Regula Keller ist daher eher die Topografie massgebender als die Kantonsgrenzen. «Auf dem Münsterhügel redet man auch anders als in der Rhygass», warf Moderator Felix Rudolf von Rohr ein.

Dank Handy boomt die Mundart

Als Vorstandsmitglied der Basler IG Dialekt und ehemaliger Obmann des Basler Fasnachts-Comité kitzelt Rudolf von Rohr ein erstaunliches Eingeständnis aus der Expertenrunde: Die Kurznachrichten auf den Mobiltelefonen sorgen für einen regelrechten «Mundart-Boom». Dann einfach drauflosschreiben?

«Viele meinen, es gäbe keine Regeln, die gibt es aber», schmunzelt Keller. Man sei froh, dass wieder mehr Mundart geschrieben und gesprochen wird. Verschiedene Schreibweisen werde es immer geben, sind sich die Dialekt-Kenner einig. «Man hatte schon vor hundert Jahren Angst, dass das Dialekt mit dem Aufkommen der Eisenbahn verschwindet», wirft Heer ein. «Der Wortschatz ändert sich, Wörter kommen und gehen, das ist völlig normal», ergänzt die Journalistin Keller. «Ich habe schon gehört, dass jemand Kartoffel als Mundart-Ausdruck verwendet», berichtet Thöny von einer Art «Horrorerlebnis».

Im Gegensatz zum Wortschatz bleibt die Grammatik von grösseren Veränderungen verschont. «Unterschiede im Satzbau bemerkt man weniger», erklärt Dialektologe Bachmann. Dialekt spiele auch eine Rolle bei der Integration von Migranten, ist Germanistin Heer überzeugt. «Auf dem Pausenplatz und bei der Arbeit wird Dialekt geredet, das ist wichtig, dass sie das verstehen», fügt sie an. «Wenn man Dialekt redet, kommt man gut an», ergänzt Bachmann und berichtet von gut besuchten Mundart-Kursen.

«Im Zweiten Weltkrieg wurde bewusst Dialekt gesprochen, um sich von den Deutschen abzugrenzen», erzählt Rudolf von Rohr und fragt: «Gibt es Handlungsbedarf, um den Dialekt zu schützen?». Thöny sieht dringenden Handlungsbedarf dort, wo Dialekt marginalisiert werden soll. Er rät, politische Entscheidungen gegen den Dialekt zu hinterfragen – etwa bei der Einführung von Schriftsprache im Kindergarten. «Kinder nehmen schnell viel auf», erklärt Keller und möchte die Lehrerschaft auf den Reichtum des Dialektes sensibilisieren. Konkret: «Die Lehrer sollen vermehrt Guggummere statt Gurke sagen!»

«Zeedel» auf Schriftdeutsch

«Dialekt soll Spass machen, und das sollen wir zeigen!», muntert Bachmann das Publikum auf. «Der Erfolg der Mundart-Musik ist gut für das Dialekt», meint Heer. Dies unterstreiche, dass die Leute Dialekt hören wollen. Die Wahl der Basler Fasnacht zum Weltkulturerbe kam auch deshalb zustande, weil die Fasnacht den Dialekt fördere. Dabei wurden vor hundert Jahren die «Zeedel» noch auf Schriftdeutsch verfasst.

Bedauert wurde, dass sich die Basler Medien beim gesprochenen Wort zu wenig Mühe geben würden. «Zmitzt in Basel, nid mitte in Basel», sei ein Beispiel. «Es isch e Useforderig!», resümiert Rudolf von Rohr und keine «Herusforderig». Fazit: Schweizer- und Schriftdeutsch sind zwei verschiedene Sprachen.