Ehrenvoll

Es isch sy letschti Fasnacht gsi...

«Dä, liebe Fründ, isch fyr di»: Und dann laufen die Tränen unter der Larve übers schweissnasse Gesicht.

«Dä, liebe Fründ, isch fyr di»: Und dann laufen die Tränen unter der Larve übers schweissnasse Gesicht.

So gedenkt die Fasnacht derer, die nicht mehr sind.

Der Tod begleitet die Fasnacht immer wieder. Als schaurig-schwarzes Sujet, doch leider nicht nur als Leitmotiv – er rafft auch jene dahin, die jahrzehntelang Fasnacht machten. Das tragische Unglück von vorletzter Woche in Liesberg sorgte im Vorfeld der «drey scheenschte Dääg» unter den «Wäägelern» für Betroffenheit.

Auch in Cliquen fehlt in den Reihen beinahe jede Fasnacht irgendwo einer, der da eigentlich noch hingehören würde. So trauern unter anderem die Pub-Rueche um einen ihrer Waggis, der mitten im Wagenbau und den Vorbereitungen zur Fasnacht verstorben ist. «Das Sujet stand schon fest», erzählt Hanspeter Lüdin. Der Obmaa ergänzt mit leicht melancholischer Stimme: «Sein Platz bleibt frei».

Er macht eine Handbewegung zum Heck des Wagens, auf dessen Seite mit schwungvoller Schrift «R.I.P. Peter» geschrieben steht. Jedes Aktivmitglied trägt einen Button mit dem Konterfei des verstorbenen Kollegen. «Wir haben 30 Jahre zusammen Fasnacht gemacht», sagt Lüdin und ergänzt still: «Und so viel zusammen erlebt!»

Wir hatten einen Kameraden

So kämpfte manch ein Waggis an der Wagentaufe gegen die Tränen an, als die Gastgugge die nachdenklichen Lieder anstimmte. Tränen in den Augen hatte auch manch einer, der die alljährliche Zeremonie der Basler Mittwoch Gesellschaft BMG am Dienstagabend verfolgte. Für das «Zyschdigs-Ziigli» lässt die Clique jeweils eine kleine Laterne malen. «Der Künstler ist frei, aber meist hat es mit dem Tod zu tun», erklärt Alain Grimm.

Der Präsident der BMG führt mit seinen Tambouren und Pfeifern das Ritual weiter, das seit den 1920er Jahren besteht. Die Clique überführt die kleine Laterne auf den Petersplatz und zündet sie an. Im Kreis rund um das Feuer stehen die BMGler und viele Verwandte, Freunde, aber auch wildfremde Menschen. «Truurmarsch, vorwärts, marsch!», befiehlt der Tambourmajor, und schon bei den ersten Klängen läuft es jedem kalt den Rücken herunter. Anschliessend verliest einer der Gesellschaftsbrüder das «Zyschdigsvärsli»: «Drum wänn mir uns im Innere jetzt au an die erinnere, wo nie meh Fasnacht mache kenne».

Mit dr Daagwach ins Lääbe

Spätestens bei diesem Satz hat man das Gefühl, dass Larven auch weinen können. Zumindest unter der Larve glänzen die Augen. Es ist ein ruhiger stiller Rahmen. Die BMG setzt damit einen Kontrapunkt zur Masse, die gleichzeitig zu den Rhythmen der Guggen in der Altstadt tobt. Dort das Lebendige, hier das Besinnliche. Mit der «Tagwacht» holen die Pfeifer die Anwesenden aus ihren Gedanken, und die BMG marschiert wieder ab. «Es ist das Ritual einer Abdankungsfeier», bestätigt Grimm. So gehe die Clique anschliessend an die Zeremonie etwas essen, was einem Lyychemähli ähnlich sei. «Wieder zurück ins Leben, ins Fasnachtsgetümmel», ergänzt der Obmaa.

Zurück bleiben feuchte Augen und die Gedanken an die Verstorbenen. «Wenn die Hinterbliebenen das wünschen, spielen wir den Trauermarsch auch an Beerdigungen von Mitgliedern», sagt Grimm, wie die Clique verstorbene Kollegen ehrt. Am Mittwochabend stirbt auch Frau Fasnacht wieder – die Zeremonie endet mit dem Ändstraich. Es geht eben immer alles «bis zletscht». Das Leben, die Freude und auch die Fasnacht.

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