Öffentliche Vorlesungsreihe

«Es ist auffällig, wie viel Sorgen wir uns heute schon um die Zukunft machen»

Viele Krisen beginnen an den internationalen Börsen.

Viele Krisen beginnen an den internationalen Börsen.

Der Theologe Georg Pfleiderer versucht, Religion mit der Moderne zu versöhnen. Heute beginnt er an der Universität Basel eine öffentliche Vorlesungsreihe zum Thema «Die Krise der Zukunft»

Georg Pfleiderer, Professor für Theologische Ethik an der Universität Basel beginnt heute Donnerstag an der Universität Basel eine öffentliche Vorlesungsreihe zum Thema «Die Krise der Zukunft».

Herr Pfleiderer, diese Woche werden Sie den Auftakt zur Ringvorlesung «Die Krise der Zukunft» geben. Hat die Gegenwart nicht genügend Krisen?

Georg Pfleiderer: Alle Zukunftsfragen entstehen letztlich aus den Bedürfnissen und Ängsten unserer Zeit. Bekanntlich können wir über die Zukunft nicht mehr als spekulieren, das liegt in ihrer Natur. Umgekehrt liegt es aber auch in der Natur unserer Zeit, sich zukünftige Ereignisse und Krisen errechnen zu wollen. Denkt man an politische Massnahmen zur Klimawende, dann müssen wir heute im Hinblick auf die nächsten 50 bis 100 Jahre handeln. Es ist auffällig, wie präsent die Zukunft in der Gegenwart ist und wie viel Sorgen wir uns heute schon um sie machen.

Sie sprechen von Ängsten und Sorgen: Muss eine Krise per se negativ sein?

Ursprünglich meint das Wort Krise, ähnlich wie auch «Katastrophe», lediglich einen dramatischen Wendepunkt, an dem sich eine Geschichte zum Negativen oder zum Positiven verändert. Auch der Begriff der Apokalypse bezeichnet eigentlich nur die Offenbarung von jetzt noch Verborgenem. In der christlichen Vorstellung ist das unheilvolle Gericht der Durchgang zum Heil. Heute ist meist nur noch vom Gericht die Rede, und «Krise», «Katastrophe» oder «Apokalypse» sind klar negativ besetzt; vielleicht gar mit der Vorstellung des nahenden Weltuntergangs verbunden.

Das klingt ziemlich düster. Ist der Mensch heute einfach besonders pessimistisch?

Den Hintergrund bilden neuzeitliche Kollektiverfahrungen und die Erwartung, dass Zukunft vom Menschen her positiv gestaltbar ist. Sie kann ihm aber auch entgleiten. An der Französischen Revolution und ihrem Fortgang ist beides erstmals allgemein erfahren geworden. Der bedrohliche Aspekt kommt etwa in Goethes kurz danach entstandener Ballade «Zauberlehrling» zum Ausdruck: «Die ich rief, die Geister, werd’ ich nun nicht los.» In der Neuzeit wird der Mensch, also die Gesellschaft, zur eigenmächtigen und eigenverantwortlichen Trägerin dieser Zukunft und löste so die Vorstellung eines zukunftsmächtigen Gottes zunehmend ab.

Damit wurde der Religion aber auch ein anti-moderner Anstrich gegeben. Ist dieser Vorwurf heute noch zu rechtfertigen?

Religion ist in der Neuzeit tatsächlich sehr oft von anti-modernen Bewegungen religiöser, aber auch politischer Art eingesetzt worden, etwa vom Nationalismus. Interessanter ist aber die Frage, wie Religion mit der Moderne kompatibel werden könnte. So bietet sie beispielsweise eine grosse Hilfe im Umgang mit Ängsten und Sinnkrisen, die dem modernen Menschen eigen sind. Wer im Leben keinen Sinn sieht, kann nicht zukunftsorientiert denken und handeln. Hier ist Religion auf persönlicher, aber auch auf globalpolitischer Ebene sehr wichtig.

Diese Zusammenhänge versucht man am Zentrum für Religion, Wirtschaft und Politik (ZRWP) nun zu verstehen?

Genau. Das ZRWP ist ein Verbund der Universitäten Basel, Zürich, Luzern, Lausanne und Fribourg. Zum einen bieten diese einen gemeinsamen Studiengang an, zum anderen findet in Basel ein Forschungskolleg statt, bei welchem Wissenschaftler aus verschiedenen Fachbereichen über zwei Jahre an einer gemeinsamen Publikation arbeiten, aktuell zum Thema «Die Krise der Zukunft». Diese Forschungsarbeit wird in der Ringvorlesung der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Was erhoffen Sie sich von der Vorlesungsreihe?

Es ist gewissermassen ein Stück Aufklärung. Wir wissen alle, dass das persönliche Schicksal oder Probleme der näheren Zukunft manchmal den Blick auf weitergreifende, globale Zukunftsfragen verstellen können. Die Vorlesung will diesen Blick wieder schärfen und auf die Zukunft als Handlungsraum aufmerksam machen.

Welche Krise der Zukunft beunruhigt Sie persönlich am meisten?

Wenn ich an die Generation meiner Kinder und vielleicht späteren Enkel denke, sind das aktuell vor allem die Fragen nach der Abhängigkeit von fossilen Energien und in diesem Zusammenhang auch Klimaprobleme. Am unsichersten bin ich allerdings, was die Zukunft der Finanzmärkte angeht.

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