Herr Jermann, ich nehme an, als Kurator des Basler Vivariums verbringen Sie viel Zeit darin. Was für ein Gefühl empfinden Sie, wenn Sie das Vivarium betreten?

Thomas Jermann: Absolutes Wohlbefinden. Das Vivarium wurde eröffnet, als ich elf Jahre alt war. Bereits damals war ich so angetan von dem Haus. Diese Faszination hat sich während des Biologiestudiums und später der Meeresbiologie intensiviert. Es ist ein wunderschöner Ort, um die faszinierende Welt des Meeres zu beobachten und darüber zu lernen. Hier drin erlebe ich immer wieder unzählige Überraschungen.

Was für Überraschungen?

Jede Woche entdecke ich etwas Neues. Beispiel Seesterne: Normalerweise stossen sie zur Fortpflanzung Spermien ins Wasser aus. Nun habe ich aber in unserem Aquarium beobachtet, dass der Polsterseestern die Eier im Untergrund legt, aus denen ganze Seesterne schlüpfen. Als Taucher hat man keine Chance, solche Entdeckungen im offenen Meer zu machen, weil die Verweildauer für diese ja nur ungefähr eine Stunde beträgt.

Mögen Sie die Seesterne speziell?

Ich finde bei diesen Tieren interessant, dass ihr Körper kein vorne, hinten, rechts oder links hat. Alle Würmer oder Muscheln haben ein Vorne. Mit ihren fünf Armen sind die Seesterne zudem asymmetrisch. Und sie beweisen, dass es zum Leben nicht zwingend einen Kopf braucht. Wenn sie essen wollen, bewegen sie sich langsam auf ihre Nahrung zu, setzen sich auf sie und saugen sie aus. Machen sie sich über Muscheln her, kann das Essen Stunden dauern.

Meistens sieht man Seesterne im Aquarium an einem Felsen kleben. Wie bewegen sie sich denn?

Sie haben hunderte von Beinen, die wie Saugnäpfe funktionieren. Mit ihnen reissen sie zum Beispiel Muscheln auf. Eigentlich müsste der Mensch die Technik der Seesterne für die Herstellung von Produkten nachmachen. Die Funktionalität der Seesterne ist perfekt.

Das Basler Vivarium ist also eine tolle Ausbildungsstätte. Denken Sie, die Zolli-Besucher in Basel realisieren, was es alles zu bieten hat?

Ich glaube, sie können die Bedeutung des Vivariums nicht in Worte fassen, spüren aber, dass es eine Besonderheit ist. Für Kinder ist das Vivarium perfekt. Sie finden die Lebewesen und Organismen in den Aquarien, die uns am Herzen liegen und deren Lebensweise und Schönheit wir vermitteln wollen. Erwachsene übersehen aber vieles. Kleine Garnellen öffnen Kindern eine grosse Welt zum Staunen. Kinder können zudem aufgrund ihrer Grösse den Wasserspiegel sehen. Deswegen gehen wir immer in die Knie, wenn wir ein Aquarium neu einrichten.

Wenn man in Basel ans Vivarium denkt, fällt einem schnell mal die Diskussion um das geplante Ozeanium ein. Warum ist dieser Monolith, der auf der Heuwaage gebaut werden soll, unverzichtbar?

Das Ozeanium ist wichtig, um dem Meer die Bedeutung zu geben, die es verdient. Unsere Aufgabe ist eine mehrstufige Vermittlung von Informationen. Nicht alle Besucher haben dieselben Bedürfnisse. Primär können sie Fische anschauen. Wollen sie aber mehr wissen, können sie sogar Kurse besuchen. Das jetzige Vivarium ist perfekt. Wollte man es erneuern, würde man es zerstören. Das Ozeanium ist eine Ergänzung.

Die Idee des Ozeaniums wird von verschiedenen Seiten kritisiert.

In der Öffentlichkeit wird das Ozeanium seltsam behandelt. Dabei soll es nicht nur ein grosses Aquarium werden, sondern auch als Bildungszentrum benutzt werden. Das Meer ist der wichtigste Lebensraum. Die Menschen haben das Gefühl, sie wären die Einzigen auf der Welt, die Ressourcen benötigen. Aber es gibt Milliarden von Tieren, die auch auf diese angewiesen sind. Wir möchten den Leuten die Augen öffnen und ihnen zeigen, wie viel ein Liter Wasser ist. Es geht uns darum, authentisch die Geschichte des Meeres zu erzählen.

Können Sie nicht Videos zeigen?

Das ist keine Alternative. Das wäre, als würde man in einem Restaurant sitzen und sich ein Foto eines Tellers mit gutem Essen drauf anschauen. Wir wollen, dass die Zolli-Besucher die Tiere sehen, hören, schmecken, spüren. Das Hauptproblem heute ist, dass die Leute von der Natur entfremdet sind.

Tierschützer haben natürlich ein Problem mit dem Ozeanium.

Für mich ist der Tischschutz das Wichtigste überhaupt. Wir können im Ozeanium kein Tier brauchen, das sich nicht so verhält wie in der Natur. Natürlich ist der Platz für die Meerestiere beschränkt, aber kein Tier wird eine psychische Beeinträchtigung erleben. Und der Natur wird kein Schaden zugeführt. Es werden keine Riffe zerstört. Dahinter stehe ich.

Kann es sein, dass das Thema Ozeanium in Basel auch auf Widerstand stösst, weil die Schweiz ein Binnenland ist – also keinen Bezug zum Meer hat?

Das ist möglich. In Frankreich trifft man an der Küste alle 200 Kilometer auf ein Aquarium. Diese bieten pädagogische Programme an. Es ist also geradezu abstrus, in der Schweiz die Bildung, die das Ozeanium ermöglicht, nicht anzubieten. Aber ich finde es gut, wenn das Thema kontrovers diskutiert wird.

Wie sieht der aktuelle Stand um das Projekt aus?

Das Baudepartement arbeitet eine Grundlage für den Bebauungsplan aus. Danach muss es vom Grossen Rat und vom Regierungsrat bewilligt werden. Das wird nächstes Jahr über die Bühne gehen. Klappt das, wird der Bauplan erstellt. Wir sind optimistisch.

Kommen wir noch einmal auf das Vivarium zurück. Haben Sie einen Lieblingsort zum Verweilen?

Nein, für mich ist es immer dort interessant, wo etwas passiert. Zum Beispiel Geburten. Das geschieht oft. Aber es gibt immer wieder solche, die ich zum ersten Mal mitbekomme. Oder wenn Tintenfische Eier legen. Oder wenn junge Seepferdchen schlüpfen. Daran kann ich mich noch immer nicht sattsehen. Negative Situationen entstehen, wenn ein Fisch krank ist. Das passiert zum Glück sehr selten. Die Pfleger erkennen, ob sich ihre Fische normal verhalten oder ob sie zum Beispiel ihre Farbe geändert haben. Dann gehen wir auf die Suche nach der Ursache. Möglicherweise ist die Wassertemperatur zu warm, oder ein anderer Fisch stört den Erkrankten. Aber unser Tierbestand ist gesund. Und heilen können wir fast immer.

Kennen Sie jede Art hier drin?

Nein, es schwimmen rund 500 Arten an Meerestieren in unseren Aquarien. Aquaristik ist innerhalb der Meeresbiologie ein Fachgebiet. Wenn Aquaristik und Biologie aufeinandertreffen, wird es spannend. Viel Wissen wurde in den Aquarien generiert.

Können Sie ein Beispiel geben?

An einem Aquaristik-Treffen in Genua in diesem Jahr hat ein Kurator aus Barcelona folgende Geschichte erzählt: Sie erhielten von einem Fischer einen neuen Hai. Die Pfleger wollten ihm Nahrung geben, er hat sie aber verweigert. Und dies über Monate. Zufällig hat sich dann ein Rochen-Ei in das Hai-Aquarium verirrt und die Pfleger konnten beobachten, dass der Hai dieses innert Sekunden ausgesaugt hat. Also wurde ihm ein zweites angeboten, das er wieder verschlang. Seither weiss man, dass es offenbar eine Haiart gibt, die ausschliesslich Rochen-Eier frisst.