Lindi will eine Lehrstelle. Die Zusage von Coop oder Migros soll bis spätestens Weihnachten im Briefkasten liegen, hat er sich vorgenommen. Lindi, 14 Jahre alt, schwarzes Polo, Gel in den Haaren und spitzbübisches Gesicht, möchte Detailhandelsfachmann werden. Endlich arbeiten. «Nicht des Geldes wegen», sagt er. «Ich bin Einzelkind und kriege eh alles.» Auch wenn er mit ernstem Gesicht sagt, es gehe ihm schon um mehr finanzielle Unabhängigkeit von den Eltern. Lindi will vor allem aus einem Grund in die Lehre: Er hat die Schule satt.

Die Schule, das ist für Lindi – eigentlich heisst er Larind – die Klasse 3d der Sekundarstufe St. Alban in Basel. Eine Integrationsklasse im mittleren Niveau. Die 3d besteht aus 11 Schülern und 8 Schülerinnen, davon zwei mit einem IQ unter 70. Zudem sind vier Schüler Flüchtlinge.

«Es ist eine ruhige Klasse mit einigen Farbtupfern», analysiert Lehrer Samuel Stirnimann. Ein junger Mann, der mit seinem breiten Oberkörper, Bart und langen Haaren besser auf ein Wikingerschiff passen würde als in ein Schulzimmer. Zusammen mit seinem Lehrerteam fällt ihm die Aufgabe zu, seine pubertierende Mannschaft sicher durch das letzte obligatorische Schuljahr zu steuern, damit 19 junge Menschen zu neuen Ufern aufbrechen können. Ein Jahr bleibt ihnen noch, um die vielleicht grösste Entscheidung ihres bisherigen Lebens zu treffen, nur noch ein letztes Jahr im Schulkokon, bis sie AHV-Abzüge zahlen und ihre wenigen Ferien einteilen müssen. Dies erwartet zumindest diejenigen, die es schaffen.

Schaffen werden es nicht alle. Das steht bereits fest. Neben der unbekannten Reise in die Zukunft lauern die üblichen Wirrungen im Mikrokosmos Schulklasse: Freundschaften und Streit, Liebeskummer und ausgelassene Klassenlager, Prüfungsstress und Angst vor Zeugnissen. Die «Schweiz am Wochenende» wird die 3d das ganze Schuljahr hindurch im Rahmen einer Serie begleiten.

Rote und grüne Zettel für die Zukunft

Montagmorgen, erster Schultag. Das Lehrerteam – neben Stirnimann gehören noch Co-Klassenlehrerin Bettina Rechberger und Heilpädagogin Kerstin Schmidt dazu – hat sich eine besondere Aufgabe ausgedacht. Die Schülerinnen und Schüler erhalten zwei Zettel, auf denen sie ihre schulischen und persönlichen Ziele notieren müssen. Es ist ruhig im Klassenzimmer, das aussieht wie wohl fast alle Klassenzimmer in der Schweiz: Drehstühle stehen vor Lineoleum-Tischplatten und neben der Wandtafel gilbt eine Weltkarte vor sich hin.

Die roten und grünen Zettel widerspiegeln die Vielfältigkeit der Klasse. Eine Schülerin ist besonders streng mit sich. Fein säuberlich hat sie sich sieben Ziele statt der verlangten drei aufgeschrieben. Jemand will abnehmen, ein Kilo. Für ein Schüler wäre es bereits ein Erfolg, bis Weihnachten in der Klasse zu bleiben. Immer wieder steht in krakeliger Schrift: Deutsch verbessern. Wer die Sprache beherrscht, schreibt nicht nur die besseren Noten sondern auch die besseren Bewerbungen für eine Schnupperlehrstelle. Eine solche mussten sich die jungen Leute alle organisieren im vergangenen Schuljahr. Bei einigen habe das super geklappt, sagen die Lehrer. Andere reagierten nur auf grossen Druck.

In der Pause unterhält sich Lindi mit Ruben über ihre Berufsaussichten.

«Du wolltest doch Grafiker werden», sagt Lindi.

«Ja, aber eigentlich weiss ich es nicht so recht», entgegnet Ruben. «Eine weiterführende Schule wäre gut.»

«Dann hast Du am Ende auch nicht mehr als ein KV», wirft Lindi ein.

«Doch, mehr Möglichkeiten.» Vielleicht liege sogar ein Studium drin, rechnet Ruben vor. «Und ich habe mehr Ferien!»

Das letzte Argument muss auch Lindi anerkennen.

«... und schon sind wir fertig.»

In der nächsten Stunde müssen die Schülerinnen und Schüler Regeln für das Schuljahr aufstellen. Wie sollen sie miteinander umgehen? Wie sollen sie Sorge zum Material tragen? Lindi mag gar nicht abwarten, bis die Heilpädagogin die Gruppenarbeit erklärt hat, in der die Jugendlichen sich zuerst still Gedanken machen und dann diskutieren sollen. Er greift sofort zum Stift. «Es ist ganz einfach: Jeder schreibt einfach zwei Regeln auf und wir sind fertig.»

Er gehöre nicht zu den tonangebenden Schülern sagt Lehrer Stirnimann über Lindi. Doch er sei sehr gut integriert und verstehe es ausgezeichnet, das Verhalten anderer zu übernehmen. «Das ist sein Trick», sagt Stirnimann. Man merkt dem Mann mit den wilden Haaren und der ruhigen Stimme an, dass er seine Schüler gut kennt und ihre Muster durchschaut. Er ist jener Typ Lehrer, der abends gerne mal länger in der Schule bleibt und der eine Klasse nicht einfach über einen Kamm schert.

Steht eine Prüfung an, fertigt Stirnimann bis zu vier Versionen davon an, denn nicht alle Schüler haben die gleichen Ziele und nicht bei allen kommt die Note anschliessend ins Zeugnis. So ist das in einer Integrationsklasse. Dennoch ist auch ihm klar, dass einigen Schülern ein ganz harter Kampf bevorsteht. Im stillen Kämmerchen weiss Stirnimann wahrscheinlich trotz seiner jungen Lehrerlaufbahn recht genau, wer am Ende des Schuljahres eine Stelle antreten darf, wer eine höhere Schule besucht, und auf wen der Gang ins ungeliebte zehnte Schuljahr wartet.

Die Vierergruppe mit Lindi arbeitet unkonzentriert. Die beiden Mädchen liefern sich ein Wortgefecht, wer den arroganteren Blick besitze. Die beiden Jungs sitzen daneben und feixen dazwischen, heizen den Disput grinsend an. Kinder, heisst es, können ganz schön gemein sein. Für Pubertierende hat der Satz nicht minder Gültigkeit. Ein falsches Wort oder eine Handbewegung genügen, und schon ergiessen sich Häme und Spott über den Mitschüler.

Eine Schulklasse ist ein sehr unstabiles, elektrisches System, das sich jeweils dort knisternd entlädt, wo aktuell die grösste Unsicherheit herrscht. Das können kurz aufblitzende Gemeinheiten sein, aber auch die fast gutmütigen Klassiker, wie ein unbemerkt angeheftetes Post-it, auf dem «Kick me» steht. Sechs lange Wochen waren die Schülerinnen und Schüler getrennt. Jetzt müssen sie die Hackordnung sicher stellen.

Hänseleien ja, aber kein gezieltes Mobbing

Trotz aller Hänseleien: So etwas wie Daueropfer der Klasse lassen sich in den ersten beiden Tagen nicht ausmachen. Ein Eindruck, den Stirnimann bestätigt. «Manchmal müssen die IK-Schüler sich etwas anhören», sagt er. Aber gezieltes Mobbing gebe es nicht. Linda etwa weiss sich prima zu behaupten im Klassengefüge. Die Lehrpersonen sind ebenfalls nicht gefeit von den Profilierungsversuchen der Heranwachsenden. Besonders die Jungs in der Klasse imitieren gerne den geduldig-bestimmten Lehrerton, mit dem sie sich gegenseitig ermahnen.

So locker es im Unterricht zu und hergeht: Auch die Schüler haben die Selektion zum Ende ihrer Schulkarriere im Hinterkopf. Besonders verdeutlichen das die Pausengespräche. Verständlich: Der E-Zug ist nicht wie das Gymnasium, wo die Schüler sehr lange für die nächsten Prüfungen lernen und nach der Matur gerne noch ein Zwischenjahr einlegen, um den Entscheid über die Zukunft zu vertagen. Im mittleren Niveau stellen sehr junge Menschen ihre Weichen sehr früh. Der Start dazu war am Montag.