Literatur
«Es ist immens wichtig, dass man das Fremde im Anderen stehen lässt»

In seinem neuen Essayband vertieft der in Basel lebende Autor Martin R. Dean seine gesammelten Erfahrungen und Gedanken über das Eigene und das Fremde. Er fürchtet, uns geht die Kunst verloren, das Fremde als Fremdes zu schätzen und zu schützen.

Susanna Petrin
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Martin R. Dean feiert bald seinen 60. Geburtstag.

Martin R. Dean feiert bald seinen 60. Geburtstag.

Keystone

Martin R. Dean, wer wären Sie lieber gewesen als Sie selbst?

Martin R. Dean: Niemand anderer. Ich bin jetzt bald 60 Jahre alt und, welcher Zufall, ich habe gerade gestern zu jemandem gesagt: Ich bin froh, dass ich mehr oder weniger der geworden bin, der ich mit 19 werden wollte. Es sind natürlich viele Sachen nicht eingetroffen, aber, wie ich glaube, die wichtigen schon – mit oder ohne mein Zutun. Das ist ein schönes Gefühl.

Was sind diese wichtigen Sachen in Ihrem Leben?

Ich habe sehr darunter gelitten, in einem kleinen Schweizer Dorf aufzuwachsen; als einer, dem zu verstehen gegegeben wurde, nicht dazuzugehören. Den Wechsel von Menziken nach Aarau, habe ich als Jugendlicher bereits als grosse Befreiung empfunden. Danach bin ich konsequent rausgegangen aus der Schweiz, weil ich sehen wollte, wie andere Menschen leben. In einer Grossstadt wie Paris einfach unauffällig zu sein, gab mir ein immenses Glücksgefühl. Da konnte ich mich in eine kosmopolitischere Existenz hineinträumen. Die andere wichtige Sache ist, dass ich schon sehr früh schreiben wollte. Auch diesen Wunsch konnte ich mir erfüllen.

In Ihrem Essayband geht es auch um den Blick der Anderen und stereotype Festschreibungen. Offenbar haben Sie wegen Ihres Äusseren selbst Rassismus erleben müssen?

Martin R. Dean «Auch bei Menschen, auch in der Partnerbeziehung, finde ich es immens wichtig, dass man das Fremde im Anderen stehen lässt.»

Martin R. Dean «Auch bei Menschen, auch in der Partnerbeziehung, finde ich es immens wichtig, dass man das Fremde im Anderen stehen lässt.»

Keystone

Obwohl Sie in der Schweiz aufgewachsen sind, wurden Ihnen Stereotypen zugeschrieben, hat man Sie ein Machtgefälle spüren lassen.

Das hat nie aufgehört. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der man sich langsam von den schlimmsten rassistischen Auswüchsen – Sautschinggen fressen Vögel – erholt hat. Dann kam aber der Jugo-Raser. Und ich dachte: Hört das nie auf? Es gab eine Zeit, als man sagen musste: Es ist eine kleine Minderheit, die diese Ausgrenzungsmittel anwendet. Heute ist der Rassismus aber wieder auf dem Vormarsch.

In wieweit kann man wählen, wer man ist?

Meine Situation war immer die, dass ich mit Zuschreibungen gelebt habe. Man hat immer gewusst, wer ich bin. Einer hat gefragt: Wo kommst du her? Als ich «aus Menziken» geantwortet habe, da hat er gelacht und gesagt: «Das ist aber ein guter Witz.» Ich musste lernen, mich selber zu sein und mich zu entwerfen. Ich weiss nicht, ob man es kann. Je älter ich werde, desto demütiger werde ich auch gegenüber den Sachen, die einem mitgegeben werden.

Sie haben sich auf die Suche nach den eigenen Wurzeln gemacht und gemerkt, dass Sie in der Karibik und in Indien fremder sind als hier.

Ich habe entdeckt, dass die Religion und das Kastensystem die Leute sehr viel mehr prägen als zum Beispiel genetische Faktoren. Ich habe mich in Indien wahnsinnig fremd gefühlt. Ich kann mich hier irgendwo in einer Jazzkneipe, in der vielleicht Sonny Rollins läuft, unendlich viel mehr zu Hause fühlen als in Indien. Für mich waren diese Reisen spannend, aber ich war auch jedes Mal froh, irgendwie wieder entkommen zu sein. Aber interessant ist nicht die Antwort, die ich mir gebe, sondern dass ich mich in einem Spannungsfeld bewege, in dem Heimat und Fremdheit verschiebbare Begriffe sind. Das Fremdeste, das ich je erlebt habe, war Japan. Dort musste ich das Fremde wirklich lernen. Das Frösteln überwinden. Dass man nirgends durchs Glas durchkommt, dass man wie in diesem Film «Lost in Translation» immer vor dem Spiegel oder hinter der Scheibe steht, das ist ein verrücktes Gefühl.

Trotzdem wünschen Sie sich, es möge Fremdes geben, das fremd bleibt.

Ja, das fand ich immer toll, sonst hätte ich nicht reisen können. Ich musste die Dialektik begreifen. In der Karibik kam ich an einen Ort, an dem mir alle die ganze Zeit sagten, es sei meine eigene Heimat. Aber ich fühlte mich fremder als daheim. Städte wie London dagegen habe ich als richtiggehende Kunstwerke anzuschauen gelernt, die ich nur mit Neugier erleben kann. Das Fremde ist etwas, das man suchen und aushalten muss. «Toleranz» mag in der Politik ein gutes Wort sein, aber eigentlich möchte ich wie Elias Canetti nicht überall tolerant sein, sondern «spüren, wenn der Schauer kommt». Auch bei Menschen, auch in der Partnerbeziehung, finde ich es immens wichtig, dass man das Fremde im Anderen stehen lässt.

Damit ein Geheimnis bleibt?

Ja. Ich sehe im Moment eine gesellschaftliche Tendenz, alles gleichzumachen. Es wollen auch alle gleichsein, alle verhalten sich so, dass sie nicht mehr anders sind als die Anderen.

Ist es nicht etwas Gutes, wenn man aufhört, sich vor dem Fremden zu fürchten und es in den Griff bekommen zu wollen?

Wir haben in der Schweiz eine lange Tradition von Begegnungen mit dem Fremden. In den 50er Jahren kamen die sogenannten Tibeter, danach die Tamilen, vorher die Spanier, Italiener und Jugoslawen. Und immer sind sie zu Unmenschen gemacht worden. Wenn man nicht lernt, mit dem Fremden anders umzugehen, dann wird einem der eigene einheimische Nachbar fremd. Wir können lange über die Masseneinwanderung diskutieren, darüber, wieviele es hier erträgt. Es mag nichts vertragen, wenn die Leute keine Bereitschaft oder Fähigkeit haben, auf das Fremde einzugehen. An den Orten, an denen es fast keine Asylbewerber oder andere Fremde hat, ist denn auch die Ablehnung gegen sie am grössten.

Wenn man sich zu stark im Kontrast zum Fremden definiert, besteht dann nicht die Gefahr, es abzuwerten?

Was ich meine, ist im Fremden einfach etwas Anderes zu sehen, und nicht etwas Feindliches. Das ist ein Stück Arbeit. Wenn mein Begreifen nicht ganz an das Andere heranreicht, kann ich es auch so stehen lassen. Tiere haben mich auch immer fasziniert. Tiere sind für mich etwas vom Fremdesten auf dem Planeten und gleichzeitig natürlich ganz nah mit uns verwandt.

Kulturwissenschaftler wie Edward Said und Homi Bhabha suchen nach Wegen, diesem Machtkampf zwischen Eigenem und Fremden zu entkommen, versuchen einen dritten Raum zu öffnen, wo man sich neu begegnen kann.

Für mich sind der dritte Raum ganz klar die Gärten. In Paris bin ich jeden Morgen um sechs Uhr mit meinem Rilke, meinem Verlaine und meinem Baudelaire von Chateau Rouge mit dem Vierer bis zum Jardin Louxembourg gefahren. Dort habe ich gelesen und geschrieben. Und dort hatte ich die Idee für den Roman «Die verborgenen Gärten». Das war ein Stück Freiheit für mich. Die Gärten sind für mich der dritte Ort, was Foucault als Heterotopie beschrieb.

Ein Raum zwischen Natur und Zivilisation?

Im Garten wird etwas, das Natur ist, durch Kultur, durch soziale Wahrnehmung, geformt. Als Mensch war ich immer so ein Wesen, der als Natursäugling geboren und dann durch verschiedene Gesellschaften geformt worden ist. Wie jeder Mensch natürlich. Aber ich habe begonnen, anhand der Gärten mich selbst zu studieren.

Und der dritte Raum auf die Gesellschaft übersetzt, wo gibt es diese Möglichkeit?

Das Idealbild wäre für mich: Das Leben von einer grossen Diversität. Wir haben nicht nur Gänseblümchen und Löwenzahn, sondern wir haben ganz viele Blumen auf der Wiese. Aber um das zu erreichen, um eine verschleierte Muslimfrau mit einem brilliantenbesetzten Handy aus dem Tram aussteigen zu lassen und ihr nicht die Zunge rauszustrecken, dafür muss genau der Punkt der Fremdheit verändert werden. Wir müssen durch Erziehung, durch Schulmodelle, Menschen offen machen für mehr Fremdheit.

Nicht immer alle anpassen wollen.

«Eine Verbeugung vor Spiegeln. Über das Eigene und das Fremde.»

Die Vernissage und Feier des 60. Geburtstags des Autors findet am Mittwoch, 22. April, um 19 Uhr im Literaturhaus Basel statt.

Um diesen Weg zu finden, muss man aber das Ähnliche im Fremden suchen.

Absolut. Aber wenn ich nicht irgendwo im Anderen etwas wiedererkenne, dann hilf mir Gott, dann ist Hopfen und Malz verloren. Aber man kann das trainieren, kann lernen, sich hinauszuwagen. Das ist auch mit dem Körper so. Für mich ist es kein Zufall, dass Menschen einen Körperkult auf der Kontrollebene betreiben. All die jungen Menschen, die exzessiv Fitness- und Muskelbildung betreiben, versuchen etwas unter Kontrolle zu bringen, das ihnen genommen worden ist, nämlich den eigenen Körper. Das tiefe, nicht bewusste Gefühl, sich selbst nicht zu gehören, ist ein fatales Gefühl junger Menschen von heute.

Sie beschreiben einen Wandel vom Innerlichen zum Äusserlichen: Dass weniger am Charakter gearbeitet wird als am Aussehen.

Das hat auch mit der Verbildlichung von allem zu tun; wir brauchen mehr Bilder, weniger Text. Wir wollen auch uns selber immer wieder sehen, weil wir wissen, dass wir uns sonst abhanden kommen: Also bitte immer wieder ein Selfie machen, sonst bin ich weg; seht ihr, dass ich das bin, der hier vor dem Münster stehe? Ich glaube es mir eigentlich nicht.

Die virtuelle Identität wird immer wichtiger. Das gibt uns doch auch Möglichkeiten, mit der Identität zu spielen.

Aber das erlebe ich bei den Leuten, die das tun, nicht als wirklich befreiend. Es hat nicht den Effekt des Karnevals, bei dem der Sklave zum Herrscher aufsteigt und der Herrscher den Narr spielen kann. Weil der Körper nicht dabei ist. Der Körper ist das Grundmass der menschlichen Existenz. Ohne Haut, ohne Körper, ohne Liebe gibt es nichts. Es bleibt eine Übung, keine Verwandlung. Das klingt wieder wie Jesus, es tut mir leid.

Sind Sie rückblickend froh, zwischen zwei Welten aufgewachsen zu sein? Vielleicht sind Sie nur deshalb zum Schriftsteller geworden.

Sonst wäre ich wahrscheinlich Zahnarzt geworden. Doch, ich bin froh. Und ich bin froh, 60 zu werden, und dass ich einen Grossteil meines Lebens so leben konnte, wie ich es wollte. Das Schreiben, die Entfremdungserfahrung, hat damit zu tun. Und mein neustes Buch ist eine Würdigung des Fremden an sich.