Eine Entscheidung wird fällig. Für alle, die sich auch nur minimal mit den Dingen heute befassen und mit deren Verlauf morgen. Eine Entscheidung, die wir nicht für die Lösung halten und dennoch gefällt werden muss. Auch ein Entscheid über die Ecopop-Initiative wird nicht wirklich die Lösung bringen, unbesehen, ob wir Ja oder Nein stimmen. Die Tragweite grundsätzlicher Entscheidungen geht darüber hinaus – bzw. führt längst darüber hinaus.

Ilija Trojanow hat das Dilemma so formuliert: «Die entscheidende Frage bei real oder vermeintlich existierender Überbevölkerung lautet: Auf wen können wir verzichten?» Trojanow, namhafter deutscher Schriftsteller mit bulgarischer Abstammung, gibt gleich die Antwort – in Form einer unmissverständlichen Demaskierung: «Diese Frage wird niemals im Sinne der Gemeinschaft reflektiert, sondern von der Evidenz der Machtverhältnisse beantwortet – die Schwächsten gehen über Bord oder werden aufgefressen.»

Auf wen wollen wir verzichten?

«Über Bord gehen» – das ist kein blosses Bild, sondern beinahe wöchentlich Realität im Mittelmeer. Leute auffischen und in die Heimat «rückführen» ist darum nicht weiter interpretationsbedürftiger Ausdruck davon, auf wen wir verzichten. Geht das hart auf hart, werden wir die Tore kaum öffnen, sondern den Zaun höher ziehen wie in den spanischen Enklaven in Marokko. «Der Ansturm auf ihre Grenzen», schrieb Jürgen Dahlkamp kürzlich in einem «Spiegel»-Essay, «zwingt die Europäer, sich eine Entscheidung, die sie längst gefällt haben, auch vor Augen zu führen. (...) Wir sind so, wie wir nicht sein wollen. Aber so sind wir nun mal.»

In anderen Worten: Schon bei der Diskussion, wen wir hier wollen und wen nicht, müsste die Maske der Unschuld fallen. Es gilt nicht länger die Pose: Böse «Abschotter» sind immer die anderen. Jeder steckt da drin. Bereits da, wo er sich kleinere Alltagsannehmlichkeiten gönnt, unerschwinglicher Luxus für Millionen andere. «Asylpolitik ist ein schmutziger Kompromiss», schreibt Dahlkamp, «irgendwo zwischen heilig und herzlos.»

Ilija Trojanow beleuchtet das von anderer Seite so: «Was könnte künftig als Ventil für den Dampf des Bevölkerungsdrucks dienen? Das herauszufinden, gilt den Eliten als vordergründige Aufgabe. Diese vermeintlich offene und unschuldige Diskussion erlaubt es, ‹unangenehme Fragen› zu stellen und gleichzeitig auf der Rhetorik der Menschenrechte, der Erhabenheit der eigenen Aufgeklärtheit, der Humanität der eigenen Bestrebungen zu beharren.»

Die Sätze stammen aus Trojanows Buch «Der überflüssige Mensch». Letztes Jahr erschienen, ist es im Licht der Ecopop-Initiative von brisanter Aktualität. Die Initiative will die Zuwanderung deutlich beschränken und koppelt das an Ökologie. Trojanow macht klar, dass längst eine andere, umfassendere Abschottung im Gang ist. Sie macht auch Leute unserer Kultursphäre zu überflüssigen Zeitgenossen. Dort, wo Leute nicht mehr mithalten können bei der «Konsum- und Leistungsdynamik», bei den Verlierern der «Globalisierung».

«Die meisten Menschen», schreibt Trojanow, «leben im Treibsand zwischen Erfolg und Überflüssigkeit. Sie kämpfen darum, nützlich zu bleiben – nicht abzustürzen in die spätkapitalistischen Müllhalden. Es geht um alles.» Das empfinden die Befürworter der Ecopop-Initiative genauso: «Es geht um alles». Ihnen bedeutet das indes «Natur», «Schöpfung», «Land». Die Haltung nennt man bio-zentristisch. Den Menschen als Gesamtheit halten Biozentristen – offen eingestanden oder insgeheim – für einen Virusbefall, woran der Planet ersticken werde. Überleben geht nur über das «Entmenschen», zum Beispiel das «Sterilisieren» anderswo.

Bisons im menschenleeren Eden

Trojanows Haltung, diametral entgegengesetzt, ist anthropo-zentrisch. Wie oligarchische Naturfreunde sich die Erde einrichten, schildert er am Beispiel von Ted Turner, dem Gründer von CNN. Turner befürwortet einen Bevölkerungsrückgang auf zwei Milliarden (heute sind es rund sieben Milliarden). Seine Riesen-Latifundien in mehreren Staaten hat er quasi entmenscht, dafür wieder Bisons angesiedelt. Gut betuchte Waidmänner können sie jagen. Die Erde als Privatparadies hier – und vollgepferchte Gettos der Besitzlosen dort.

Trojanow befindet sich gerade in Sri Lanka. Wir konnten uns gestern kurz mit ihm unterhalten über wohlgelittene Konsumenten und überflüssige Leute im Licht der Ecopop-Initiative.

Was hält Trojanow von der Forderung nach mehr Familienplanung? «Ein euphemistisches Wort», antwortet er, «das vieles umfassen kann, auch Unmenschliches. Wir wissen inzwischen, dass eine Gesellschaft das Bevölkerungswachstum am besten eindämmen kann, wenn sie in die Bildung der Frauen investiert. Kerala etwa hat innerhalb Indiens die höchste Alphabetisierungsrate (insgesamt 93,91%), auch unter Frauen, und ganz geringes Bevölkerungswachstum. Eine zweite Komponente ist die Gesundheitsversorgung. Wichtig wäre es aber auch, auf die Heuchelei in den Argumenten jener hinzuweisen, die immerzu wiederholen, die Menschen in Asien und Afrika würden zu viele Kinder in die Welt setzen. Ökologisch und sozial relevanter ist die Frage nach dem Verbrauch. Solange ein wohlhabender Schweizer so viel verbraucht wie ein kleines somalisches Dorf, kann das Problem wohl nicht allein darin bestehen, dass es zu viele Somalier gibt. Schuld an den Problemen tragen immer die anderen.»

Die Wirtschaft behauptet gebetsmühlenhaft, ohne Wachstum führe erst recht alles in den Kollaps. Was hält Trojanow davon? «Das ist ein fatales Negieren von evidenten Problemen, das Gesellschaften oft vor Katastrophen an den Tag legen. Diesen ideologischen Irrsinn müssen wir mit allen Mitteln des politischen Widerstands bekämpfen und überwinden, indem wir andere Sichtweisen propagieren, alternative Projekte (vor)leben.»

Warum sind «Überfremdungsängste» jetzt so akut? «Die soziale Ungleichheit nimmt zu, da ist es ‹normal›», sagt Trojanow, «dass viele die Schuld bei den Schwächsten suchen, zumal wenn solche niederen Instinkte von Medien und Politik angestachelt werden. Die finanzielle Belastung durch Flüchtlinge ist ein Klacks im Vergleich zu den Zerstörungen, die der letzte Finanzcrash samt seinen vielfältigen Folgen verursacht hat. Zudem gibt es ein Problem der Kausalität: Nehmen wir beispielhaft eines jener Dörfer an der ostafrikanischen Küste, die verseucht sind von europäischem Giftmüllexport. Nehmen wir an, dass einige Bewohner dieses Dorfes vor unserer Tür stehen und um Einlass bitten. Wenn wir uns der Frage verweigern, ob wir nicht Nutzniesser der Produktion waren, die zu dem Giftmüll geführt hat, ob wir nicht die Augen verschlossen haben vor diesem Verbrechen, wenn wir also so tun, als tangierten uns solche Zusammenhänge nicht, und die Flüchtlinge abweisen, sind wir selber Unmenschen.»

Ilija Trojanow «Der überflüssige Mensch». Aus der Reihe «Unruhe
bewahren». 90 Seiten. Residenz-Verlag. St. Pölten, Salzburg, Wien, 2013.