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«Es ist schwierig, in Basel Freunde zu finden»

«Das private Leben ist in der Schweiz stark getrennt von der öffentlichen Sphäre. Das ist in Amerika völlig anders»: Kathy Hartmann-Campbell bei sich zu Hause auf dem Bruderholz.

«Das private Leben ist in der Schweiz stark getrennt von der öffentlichen Sphäre. Das ist in Amerika völlig anders»: Kathy Hartmann-Campbell bei sich zu Hause auf dem Bruderholz.

Sie kommen aus England, den USA oder Kanada und leben für ein paar Jahre in Basel. Sie schwärmen von unserer Region: Schöne Landschaft, guter Lohn. Nur die Menschen kommen nicht so gut weg. Expat-Fachfrau Kathy Hartmann-Campbell sagt, warum.

Die Schweiz schneidet im HSBC-Rating hervorragend ab: gute Arbeitsplätze, gute Bezahlung, hohe Lebensqualität. Die Schweiz belegt deshalb im Rating Platz 1 der Länder, wo Expats arbeiten, vor Singapur, China und Deutschland. Bloss in einem Punkt schneidet die Schweiz in der Studie ganz schlecht ab: Im Bereich «Freunde finden» belegt sie den letzten Platz.

Frau Hartmann-Campbell, ist es wirklich so schwierig, in der Schweiz Freunde zu finden?

Kathy Hartmann-Campbell: Ja. (Atmet tief durch.) Das ist nichts Neues, es war schon immer so und war schon immer ein Thema für Expats und Neuankömmlinge jeglicher Art. Es ist schwierig, mit der Schweizer Bevölkerung in Kontakt zu kommen. Vor allem ist es schwierig, näher in Kontakt zu kommen mit den Schweizern.

In der Studie schneidet das Sozialleben generell schlecht ab. Sind die Schweizerinnen und Schweizer kalt?

Als ich die Studie gelesen habe, ist mir der Film «Das kalte Paradies» in den Sinn gekommen. Das ist ein Film, der in den 80er-Jahren in Basel gedreht worden ist. Er handelt nicht von Expats, sondern von Asylanten. Unter anderem spielt Trudy Gerster im Film eine wunderbare Szene. Aber der Titel des Films hat auch damals meine Erfahrung zusammengefasst. Wobei ich von der Paradies-Seite nicht viel hatte: Wir hatten kein Geld, und in der Schweiz kostet die Paradies-Seite viel Geld. Schon in die Berge zu gehen, kostet viel Geld.

Und das Sozialleben?

Was ich immer wieder höre von Expats aus der ganzen Welt, die hier leben: dass in Basel einfach zu wenig läuft. Es hat zu wenig Leben in der Stadt. Speziell Südamerikaner sagen: Es ist zu ruhig hier. Wo ist das Leben? An einem Sonntag fällt es besonders stark auf. An einem Sonntag ist die Stadt leer. Nach bald 33 Jahren finde ich, dass heute wahnsinnig viel mehr läuft als damals. Ich war gestern in der Steinenvorstadt um Mitternacht, nach einem Film, da war es sehr voll da. Es ist nicht gerade meine Szene, aber es läuft doch viel mehr. Es gibt Möglichkeiten, informell Kontakte zu knüpfen.

Hängen das Freunde-Finden und das Sozialleben miteinander zusammen?

Ja, wobei es in der Schweiz eine klare Grenze gibt zwischen dem öffentlichen und also sozialen Leben und der privaten Sphäre. Wenn ich arbeiten gehe, ist das meine öffentliche Sphäre, und die ist klar getrennt von meiner privaten Sphäre. Das private Leben ist in der Schweiz stark getrennt von der öffentlichen Sphäre. Ich vermute, dass der Grund dafür die geringe Mobilität der Schweizer Bevölkerung ist. Ich habe eine Statistik gesehen, laut der 80 Prozent der Schweizer innerhalb von 20 Kilometern ihres Geburtsorts leben. Es erklärt, warum die Dialekte sich so gut erhalten. Der Kantönligeist unterstützt diese Immobilität: Es ist schwierig, innerhalb der Schweiz umzuziehen. Das Verständnis von Freundschaften ist: Ein Freund ist etwas fürs Leben. Nach der Uni ist das Freundekonto voll. Man braucht keine neuen Freunde mehr.

Haben Sie das selber so erlebt?

Ich habe mich zehn Jahre lang um schweizerische Freunde und vor allem Freundinnen echt bemüht. Ich habe es als grösste Herausforderung in der Schweiz erlebt. Nach den ersten Wochen in Basel habe ich gemerkt: Hochdeutsch reicht nicht. Also habe ich Schweizerdeutsch gelernt und gedacht: Wenn ich Schweizerdeutsch kann, werde ich integriert sein. Es hat aber nichts genützt. Damals gründete Anita Fetz Femmedia, und da gab es eine Entrepreneurs-Gruppe. Ich dachte: Da hat es Frauen, die sind auch Unternehmerinnen, da werde ich Freunde finden. Ich ging zu einem Abend der Gruppe, habe eine Frau angesprochen und sie gefragt: Ich lebe jetzt fast zehn Jahre hier, habe viele Freundinnen, aber keine Schweizerinnen. Warum? Sie fragte mich, wie alt ich gewesen sei, als ich in die Schweiz kam. Ich war mit 27 in die Schweiz gekommen. Da sagte sie mir: In diesem Alter hat eine Schweizerin ihre Freundinnen.

Wie ist es denn möglich, als Expat oder auch als Schweizer Zuzüger Kontakte zu knüpfen?

Ich empfehle allen, einen Apéro zu machen und die Nachbarn einzuladen. In Amerika kommen die Nachbarn auf einen zu, wenn man zügelt. Sie bringen etwas zu essen, bieten ihre Hilfe an, und man wird sofort eingeladen. Hier warten die Nachbarn skeptisch, wer denn da kommt. Das «Default Setting» ist: Fremde sind eine Bedrohung. Man wartet, bis die Fremden sich vorstellen.

Also muss der Ankömmling aktiv werden?

Das muss er sowieso. Meine Lebensphilosophie ist die 50-Prozent-Regel: Ich habe 50 Prozent Anteil an meinem Glück. Nicht viel mehr, aber auch nicht viel weniger. Solange ich mich darauf fokussiert habe, was ich an der Schweiz nicht gut fand, war ich zum einen sehr unglücklich und hatte zum anderen keinen glücklichen Einfluss.

Ist das in Amerika anders?

Alle interkulturellen Experten sagen: Die wichtigste Kompetenz ist, sich selbst zu kennen und die eigenen Erwartungen, Wünsche und Annahmen. Je besser man sich selber kennt, desto besser kann man die andere Kultur kennen und verstehen und desto besser geht es uns allen. Das gilt im Kleinen, für uns Expats, es gilt auch im Grossen, wenn es um den Weltfrieden geht.

Bleiben wir noch etwas bei den Expats. Ein Vorwurf, den man viel hört: In der Schweiz arbeitet man einfach zu viel.

Mein Mann und ich haben heute Morgen darüber gesprochen. Er sagte: Die Expats sind ja zum Arbeiten da. Das ist die urschweizerische Perspektive: Die Expats sind nicht zum Freunde- machen da, sondern, um zu arbeiten. Das war in den 60er-Jahren bei den Bauarbeitern so, bei den Saisonniers. Das war ganz klar: Die waren zum Arbeiten da, die gehören nicht dazu. Diese Haltung ist in den Köpfen von einigen Schweizern immer noch vorhanden. Wenn man die Schweiz verstehen will, muss man eine topografische Karte der Schweiz anschauen und sehen, wie viele Berge es in der Schweiz hat und verstehen, dass die Schweiz ein reiches Land geworden ist, obwohl die Schweiz immer noch ein Agrarland ist. Wenn man sieht, wie in der Schweiz auf einer Alpwiese gearbeitet wird, dann versteht man, dass das Leben eine ernsthafte Sache ist, dass man hart arbeiten muss.

Ausländer sind immer schockiert, wie kleine Kindergärtner hierzulande früh alleine ihren Schulweg machen müssen. Es wird in der Schweiz sehr früh gelehrt, dass man selbstverantwortlich ist und selbst für sich sorgen können muss. Es gibt eine schöne Definition von Kultur: Kultur ist die Antwort, welche eine Gruppe von Menschen auf die Frage findet, wie man überleben kann. Ein Bauer muss grundsätzlich selbst überleben, das Leben ist ernst und hart, man kann sich helfen, aber jeder muss für sich selbst sorgen. Das ist in der Schweiz überall zu spüren.

Ist in der Schweiz also die Arbeit das Leben?

Nicht ganz. Es gibt in der Schweiz eine extrem starke Trennung zwischen Arbeit und übrigem Leben: Wenn man arbeitet, dann arbeitet man, über Mittag stempelt man aus und arbeitet nicht, am Wochenende arbeitet man ebenfalls nicht. So, wie die Zeiten strikt getrennt sind, sind auch die Sphären von Arbeit und Freizeit getrennt. Das macht es für Expats schwierig.

Ein Vorwurf, den man häufig hört: Expats wollen sich gar nicht integrieren, weil sie nur kurz da sind?

Also erstens ist es sehr oft so, dass sie eben nicht kurz da sind. Viele bleiben länger. Es gibt heute weniger zeitlich begrenzte Assignments und mehr lokale Anstellungen. Meine Erfahrung ist: Die meisten Expats wollen sich integrieren. Sie kommen voller Hoffnung und voller Erwartungen und Pläne, dass das eine bereichernde Erfahrung sein wird für sie und ihre Familien. Das Erste, was sie merken: Es ist schwierig, Deutsch zu lernen. Das Zweite: Wenn man Deutsch lernt, kann man es nicht brauchen, weil man Dialekt redet. Das Dritte: Schweizer wechseln sofort die Sprache, wenn sie mit einem Fremdsprachigen sprechen. Das ist der Grund, warum wir von Basel Connect ein «Language Coffee» gegründet haben: Damit Leute Deutsch üben können in einem Kontext, indem sie niemand auslacht.

Das Wichtigste ist aber: Es ist für einen Expat nicht einfach, mit Einheimischen, den Nachbarn, den Menschen im Quartier in Kontakt zu kommen. Klar kommt es auf beide Seiten an, aber ich habe es von so vielen Tausenden von Expats gehört, dass man diesen Fakt nicht abstreiten kann. Es fehlt einfach die Lockerheit. Übrigens nicht nur gegenüber uns englischsprechenden Expats, sondern auch gegenüber Deutschen. Deutsche sind eher bereit, mal ein Bier zu trinken und einen Kontakt ohne Erwartungen und Verpflichtungen zu pflegen. Ich sehe das auch bei Basel Connect: Es kommen nicht viele Schweizer, die sich auf einen Kontakt einlassen. Die Schweizer kennen kaum etwas zwischen der Arbeit und ihrer Privatsphäre. Es gibt hier keine Happy-Hour-Kultur. Schweizer haben sehr oft keine Zeit.

Ist es denn bei den Schweizern wie bei einer Auster: Wenn man sie mal geknackt hat, ist sie offen?

Ich habe es nicht so erlebt. Es ist heute noch so, dass ich sehr wenige Schweizer Freunde habe. Es ist nicht so, dass man die Schweiz knacken kann und dann ist man drin. Jeder einzelne Schweizer ist eine Auster für sich.

Wir schauen amerikanische Filme und hören amerikanische Musik. Trotzdem: Unterscheiden sich gerade Amerikaner mehr von uns Schweizern, als wir Schweizer meinen?

Ich glaube schon. Als ich in die Schweiz kam, habe ich, vor allem von Linken, einen ganz starken Antiamerikanismus erlebt. Meine Tochter ist als Amerikanerin beschimpft worden. Umgekehrt habe ich auch totale Amerikafans erlebt. Man kann aber sicher sagen: Wir unterschätzen gegenseitig die Unterschiede. Genau deshalb machen die kulturellen Unterschiede Probleme. Wenn wir nach Japan oder nach China gehen, sind wir auf Unterschiede und Schwierigkeiten gefasst. Wenn ich als Amerikanerin in die Schweiz komme, werden beide Seiten von den Unterschieden überrascht.

Welche Rolle spielt der Arbeitsplatz bei der Integration?

Da kommt wieder die klare Trennung: Wenn man arbeitet, dann arbeitet man, man ist in der Schweiz nicht bei der Arbeit, um zu smalltalken. Dazu kommt: Gerade Expats arbeiten oft global und virtuell, sie sind zwar hier auf dem Campus, arbeiten aber mit Spezialisten auf der ganzen Welt zusammen. Ich ermuntere die Leute immer, dass sie zum Lunch mit anderen Menschen abmachen. Da kann man auch auf Leute zugehen, die man nicht so gut kennt. Ein Mittagessen oder ein Kaffee am Arbeitsplatz sind die besten Möglichkeiten. Bei Novartis hier in Basel gibt es ein Netzwerk von Leuten, die im Rhein schwimmen gehen und nachher einen Apéro nehmen. Das ist eine Möglichkeit. Die meisten Expat Groups sind zudem offen für Schweizer. Basel Connect ist die einzige Gruppe, die im Grundsatz eine gleiche Beteiligung von lokalen Gruppen und Expats haben möchte.

Was kann eine Schweizerin, ein Schweizer konkret tun, um Expats bei der Integration zu helfen?

In eine solche Gruppe gehen, vor allem Basel Connect natürlich. Es kommt drauf an, wie explizit man Unterstützung leisten will. Für lockeres Networking gibt es viele Möglichkeiten. Am meisten helfen würde sicher ein bisschen mehr Willkommenskultur. Es wäre schön, die Schweizer würden auf Neuankömmlinge im Quartier mehr zugehen, nicht nur auf Expats. Darüber hinaus gibt es in den Expat-Organisationen einige Möglichkeiten, direkt zu unterstützen, und die GGG bietet mit Benevol ein Programm an, wo Expats in Begegnungen mit Einheimischen Deutsch lernen können.

Und Sie selbst? Würden Sie wieder in die Schweiz kommen?

Ja. Die Lebensqualität hier ist sehr gut. Wenn ich «hier» sage, meine ich aber explizit Basel. Basel is a wonderful cosmopolitan village, it’s my home.

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