Literatur
«Es ist vielmehr ein Buch über das Leben»: bz-Redaktorin veröffentlicht Roman über Sterbenfasten

Die bz-Redaktorin Martina Rutschmann hat einen lebensfrohen Roman über das Sterben geschrieben. Im Interview mit der bz erklärt die Autorin, wie sie auf das Thema für ihr Buch kam und warum sie es ihrem Grossvater gewidmet hat.

Susanna Petrin
Merken
Drucken
Teilen
Die Basler Autorin Martina Rutschmann hat ihren ersten Roman geschrieben – aber bestimmt nicht ihren letzten. Martin Töngi

Die Basler Autorin Martina Rutschmann hat ihren ersten Roman geschrieben – aber bestimmt nicht ihren letzten. Martin Töngi

Martin Toengi

Martina, Ich habe mich zuerst erschrocken, als du vor etwa zwei Jahren gesagt hast, du werdest dich ein Jahr zurückziehen um ein Buch zu schreiben, das vom Sterben handelt, vom Sterbenfasten.

Martina Rutschmann: Es ist vielmehr ein Buch über das Leben. Letztlich geht es nicht um das Sterben, sondern darum, ein möglichst erfülltes Leben zu führen vor dem Tod. Um dann, in diesem Fall selbstbestimmt, gehen zu können, ohne das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Die eine Hauptfigur ist ein alter Mann, die andere eine junge Frau. Die beiden finden zusammen, und er zeigt ihr durch seine ereignisreiche Vergangenheit, was es eigentlich bedeutet, zufrieden zu sein im Leben – und dass man zumindest hier im Westen meist selbst verantwortlich dafür ist. Er entscheidet sich aufgrund der reichhaltigen, selbstbestimmten Lebensform, die er hatte, zu gehen, bevor er fremdbestimmt würde.

Du bist jung und lebensfroh. Wie kommst du auf dieses Thema?

Ich werde 40 – von wegen jung. Der Tod hat mich schon immer beschäftigt. Ich habe Angst vor dem Tod, und für mein Alter habe ich schon ziemlich viele Freunde verloren. Die Angst, dass mir nahestehende Menschen sterben, ist immer da – es ist nicht mal mein eigener Tod, vor dem ich mich fürchte. Aber das war nicht der Grund für das Buch. Der Grund war, dass mein Grossvater sich entschieden hat, Sterbenfasten zu machen, also nicht mehr zu essen und zu trinken, und so zu gehen. Weil er in der Situation war, die ich vorher beschrieben habe: Er wollte verhindern, ein Pflegefall zu werden.

Du hast das Buch deinem Grossvater gewidmet.

Ja. Die Figur im Buch ist aber nicht mein Grossvater. Das haben wir zusammen am Sterbebett besprochen. Er hat es sehr begrüsst, dass ich das Buch schreibe, weil er das auch für ein sehr politisches Thema hält, um den Leuten aufzuzeigen, dass es diese Alternative gibt, um zu gehen. Aber er wollte nicht, dass er als mein Grossvater darin vorkommt, sondern dass ich es in Anlehnung an ihn mache. Darum habe ich aus mehreren älteren Herren eine Figur kreiert, die ihm in vielem nahe kommt. Es wäre verschenkt gewesen, ein solch spannendes Leben und einen so interessanten Menschen, wie er es war, für den Roman nicht zu nutzen.

Aber du hattest den Impuls über diese Form selbstbestimmten Sterbens zu schreiben, als du das erlebt hast?

Er hat drei Jahre mit uns, mit der Familie, über dieses Vorhaben gesprochen. Er stiess auf Widerstand, weil es brutal klingt: verdursten. Er hat dann aber am Ende alle für sein Anliegen auf seine Seite bringen können. Ich habe da realisiert: Das ist ein Thema, das aufgrund der Überalterung der Bevölkerung, immer mehr Leute betreffen wird. Aber erst an seinem Sterbebett ist mir bewusst geworden, welche Brisanz das hat. Und welchen Mut, welche Konsequenz es von diesen Menschen braucht, dieses Vorhaben durchzuziehen. Es wäre schade gewesen, darüber einfach einen Artikel zu schreiben, der am Tag darauf schon wieder vergessen ist. Dieses Thema gab viel mehr her. Ich habe darum beschlossen, ein Buch zu schreiben.

Wir sind es uns als Tagesjournalistinnen gewohnt, von einem Tag auf den nächsten etwas zu schreiben. Wie war für Dich die Umstellung, einen Roman zu schreiben?

Toll. Es war toll, mich mal so tief in ein Thema knien zu können. Es war auch toll, die Fantasie walten zu lassen: etwa bei der Ausgestaltung der Figuren und der Dialoge. Es ist ein klassischer Roman geworden. Der ist zwar natürlich sehr stark recherchiert mit historischen Begebenheiten. Ich habe also auch hier sehr journalistisch gearbeitet. Eine neue, schöne Erfahrung war es zudem, alleine etwas zu machen, die Verantwortung alleine zu tragen – nicht wie bei der Zeitung, an der Dutzende von Leuten mitarbeiten.

Konntest du zum Thema Sterben nach dieser langen Auseinandersetzung eine neue Haltung gewinnen?

Nein. Die Realität um mich herum hat sich nicht verändert. Viele Menschen um mich herum sind an Krebs erkrankt, der Tod ist allgegenwärtig. Angst ist vielleicht das falsche Wort: Aber ein unglaublicher Respekt und das Bewusstsein, dass es jeden von uns immer treffen kann. Das ist noch genau gleich stark da. Aber die wenigen Leute, die das Buch bereits gelesen haben – es ist ja noch nicht auf dem Markt – sagen alle, sie hätten sich pudelwohl gefühlt beim Lesen. Es ist keine Lektüre, die einen beelendet. Ganz im Gegenteil.

Würdest du wieder ein Buch schreiben?

Unbedingt. Ich habe sogar schon das Thema.

Was ist es?

Das sage ich nicht. Erst, wenn das Aufnahmegerät nicht mehr läuft.

Vernissage und Lesungen: Ab Montag im Buchhandel

Obwohl es ein Montag ist, an dem Martina Rutschmann zum ersten Mal aus ihrem Roman liest, ist der von Matthias Zehnder moderierte Anlass am 20. Februar um 19.30 Uhr in der Buchhandlung Bider & Tanner bereits ausverkauft.
Noch zu kaufen gibt es ihr Buch, das zeitgleich erhältlich sein wird: «Durstig» hat 272 Seiten, ist im Verlag Zytglogge erschienen und kostet 32 Franken. Und wer die Autorin doch noch lesen hören will: Am 1. März gibt’s im Apartix an der Jungstrasse 36 eine nächste Gelegenheit.

Martina Rutschmann ist für die bz Basel und als freie Moderatorin tätig. Sie hat zuvor bei diversen Medien gearbeitet und drei davon mit aufgebaut.