Herr Morger, es ist ungewöhnlich, dass sich ein Architekt in einen Abstimmungskampf einmischt. Sind Sie erleichtert, dass er vorbei ist?

Meinrad Morger: Ja, sehr. Wir Architekten sind uns das nicht wirklich gewohnt. Das Projekt hat seit dem gewonnenen Wettbewerb 2007 eine äusserst lange, seriöse und erfolgreiche Entwicklung hinter sich. Der unerklärlich heftige Widerstand kam plötzlich und erst ganz zum Schluss, nachdem der Grosse Rat mit überwältigendem Mehr den Gestaltungsplan gutgeheissen hatte.

Fast wären Sie gescheitert. 47 Prozent stimmten gegen den Claraturm. Worauf führen Sie das Misstrauen zurück?

Die Gegner um Andreas Bernauer haben den Abstimmungskampf auf eine sehr emotionale, unsachliche Ebene gehoben. Der Investor, der UBS-Immobilienfonds Sima, wurde als Spekulant bezeichnet, der Claraturm durch bewusst gefälschte Bilder als Monster dargestellt. Basel befindet sich städtebaulich in einem Veränderungsprozess. Grossprojekte von Roche, Novartis und der Messe – den Träger unseres Wohlstands – wurden akzeptiert. Der Claraturm hatte für viele sicherlich eine Ventilfunktion: jetzt reichts!

Viele Basler scheinen ihrem generellen Unmut über neue Hochhausprojekte Luft verschafft zu haben.

Das ist durchaus so. Es muss uns deshalb unbedingt gelingen, der Bevölkerung die Angst vor Hochhäusern zu nehmen und die Vorteile besser darzulegen. Hochhäuser leisten einen nachhaltigen Beitrag zum verdichteten Bauen. Es ist wunderschön, darin zu wohnen. Neuere Untersuchungen zeigen, dass Bewohner von Hochhäusern sehr gerne dort leben und Fluktuationen gering sind. Wohnen im Hochhaus heisst gute Aussicht, viel Sonne und optimale Erschliessung. Die Bevölkerung sollte die Veränderung vor allem als Chance und nicht in erster Linie als Bedrohung begreifen. Und so verstehe ich zum Beispiel nicht, weshalb bereits vorsorglich Kritik an der Stadtrandentwicklung Ost angemeldet wird.

In diesem Gebiet beim Rankhof sollen Grünflächen mit Hochhäusern verbaut werden. Das kritisierten die Grünen diese Woche in der «bz Basel».

Dabei sind Hochhäuser dort die einzige Möglichkeit, um neuen Wohnraum zu schaffen und gleichzeitig maximal wenig Grünflächen zu verbauen.

Ist es nicht einfach so, dass in Basel zu viele Hochhäuser in Planung sind?

Ich denke nicht, dass Hochhäuser das Hauptproblem sind, sondern die damit einhergehende Veränderung. Ich verstehe die Sorge, Vertrautes zu verlieren. Sicherlich sind Hochhäuser für viele auch Symbole für grössenwahnsinnige Ideen. Denken Sie etwa an die Geschlechtertürme in San Gimignano aus dem 12. Jahrhundert oder an die neusten Höhenrekorde. Diese Vorurteile müssen entkräftet werden. Das ist eine Riesenaufgabe.

Andreas Bernauer hat in der «Schweiz am Sonntag» bereits den Kampf gegen das Baloise-Hochhaus angekündigt.

Er spielt sich weiter als eine Art Robin Hood auf. Hier hört mein Verständnis definitiv auf. Das ganze Bahnhofsgebiet hat städteräumlich eine schwierige Entwicklung hinter sich. Ich finde es ausserordentlich wichtig, dass dieser bedeutende Ort eine qualitative Aufwertung erfährt. Das neue Projekt der Baloise leistet einen wesentlichen Beitrag dazu.

Manchmal sind sich selbst die Architekten nicht einig. Ihr Kollege Jacques Herzog kritisierte das Siegerprojekt für das neue Klinikum 2 des Unispitals.

Wir Architekten müssen wieder eine Streitkultur entwickeln und Debatten führen können. Ich habe auch grosse Mühe damit, dass in Architekturkreisen Kritik kaum mehr möglich ist. Die Kritik von Jacques Herzog beim Klinikum 2 wäre bei einer etablierten Streitkultur viel weniger ein Problem. Als neuer Obmann des Bunds Schweizer Architekten habe ich mir vorgenommen, Stadtentwicklung und Architekturprojekte auf einer kritischen, konstruktiven, aber fairen Ebene vermehrt zu diskutieren. Solche Debatten könnten dazu führen, dass die Bevölkerung mehr Einblicke und ein besseres Verständnis erhält.

Ist eine Referendumsabstimmung nicht eine gute Gelegenheit dafür?

Das Referendum darf nicht inflationär angewendet werden. Stellen Sie sich vor, was das kostet: finanziell und emotional. Ein Referendum sollte immer nur das letztmögliche demokratische Mittel sein. Und ich möchte Folgendes festhalten: Wenn wir heute eine Umfrage über den Messeturm machen würden, wäre die Akzeptanz mit Sicherheit viel grösser als 2003 bei der Fertigstellung. Der Messeturm wirkt nicht monoton wie befürchtet, sondern er entpuppt sich als Chamäleon. Je nach Tageszeit schimmert er in anderen Farben, wirkt lebendig. Er ist inzwischen sehr beliebt in Basel und gehört zum Stadtbild.

Auch die Fassade des Claraturms wird entscheidend sein, ob dieser den Leuten bei der Eröffnung 2017 gefallen wird. Wissen Sie inzwischen, ob die Fassade hell oder dunkel sein wird?

Nein, das wir wissen noch nicht ganz genau. Ursprünglich planten wir eine helle, weisse Fassade. Dann entstand eine interessante Diskussion mit der Bauherrschaft und der Stadtbildkommission über die Frage, ob sich die Fassade des Claraturms nicht stärker vom Roche-Turm unterscheiden sollte. Wegen der Referendumsabstimmung haben wir uns dann nicht weiter um die Farbe der Fassade gekümmert. Wir werden diese Frage nun neu diskutieren und auch den veränderten Kontext einbeziehen, denn das Messezentrum ist inzwischen realisiert. Der von den Medien kolportierte Vorwurf, der Claraturm sei eine Kopie des Roche-Turms, ist übrigens falsch: Unser Entwurf wurde zwei Jahre vor jenem des Roche-Turms erstmals öffentlich präsentiert. Der Roche-Turm wird nun aber zuerst gebaut.

Persönlich wohnen Sie in einem denkmalgeschützten Haus. Weshalb nicht in einem modernen Hochhaus?

Das würde ich wahnsinnig gerne. In meiner familiären Situation ist dies jedoch nicht möglich.