Zwei Ertrunkene, ein Verschwundener und insgesamt acht Notfälle. Das ist die traurige Bilanz der bisherigen Rheinschwimm-Saison. Im Drang nach Abkühlung bei über 30 Grad Aussentemperatur unterschätzen die Rheinschwimmer allzu oft die Kraft des Flusses und ignorieren polizeiliche Regeln. So kommt es immer wieder zu prekären Situationen.

Was aber passiert beim Eingang eines Notrufes? Die bz zeichnet den Ablauf einer hypothetischen Rheinrettung nach. Bei den Namen handelt sich nicht um real existierende Personen.

Schwimmer in Not

Martin K. hat sich entschlossen, am Abend direkt nach der Arbeit im Rhein schwimmen zu gehen. Er musste lange arbeiten und hat einen anstrengenden Tag hinter sich. Er ist alleine unterwegs und hat zuletzt am Mittag gegessen. Dementsprechend fühlt er sich etwas hungrig, die Abkühlung ist ihm im Moment jedoch wichtiger. Mit dem Fahrrad fährt er bis zur Dreirosenbrücke. Er stellt das Velo dort ab und joggt den ganzen Weg bis zum Tinguely-Museum hoch. Er kann es kaum erwarten. Nur noch kurz Kleider und Schuhe in den Wickelfisch und ab die Post.

Zur Freude von K. ist nicht mehr so viel los. Dies liegt höchst wahrscheinlich an der Uhrzeit. Inzwischen ist es schon kurz vor 22 Uhr, die Sonne ist schon weg, es dämmert über der Stadt. Er springt Kopf voran in den kalten Fluss und taucht tief ein. Seine Freude vergeht ihm schlagartig. Er spürt einen starken Krampf in seinem linken Bein. Der Schmerz ist so stark, dass er unter Wasser nach Luft schnappt und sich verschluckt. Nur mit Mühe gelingt es ihm, wieder aufzutauchen. Er ist stark am Husten und kann sich nur schwer über Wasser halten.

Wo ist sein Wickelfisch? Dieser treibt ein paar Meter entfernt von ihm. Er versucht, ihn zu erreichen. Sein Bein schmerzt unerträglich fest. Jetzt merkt er auch, wie sein Kreislauf schwächelt. Er bekommt fast keine Luft mehr und spürt, wie sein Herz pocht. Er hält Ausschau nach anderen Schwimmern. Fehlanzeige. Niemand ist in seiner Nähe. Vom Ufer aus hört er Musik und junge Menschen singen. Er versucht, um Hilfe zu rufen.

Sarah L. sieht einen unbemannten Schwimmsack im Rhein treiben. Ein beängstigendes Bild um diese Uhrzeit. Sie schaut weiter auf die schwarze Fläche, da entdeckt sie eine Person, die hilflos im Wasser treibt. Die Person strampelt, taucht aber immer wieder ab. Es ist schwierig, den Schwimmer im Auge zu behalten. Sarah L. wählt sofort den Notruf der Polizei.

Komplexer Einsatz

Die Meldung «Person in Not» geht bei der Notrufzentrale der Polizei Basel-Stadt ein. Sofort wird die Durchsage: «Wasserrettung Ereignis» durchgegeben. Eine Rheinrettung wird eingeleitet. Jetzt übernimmt die Feuerwehr, die mit Booten im Fluss präsent ist. Die Einsatzleitung liegt immer beim diensthabenden Offizier der Berufsfeuerwehr. Er selbst bleibt an Land und koordiniert von da aus den Einsatz.

Der Rhein ist in verschiedene Abschnitte eingeteilt. Basel liegt im Abschnitt drei. Dieser endet bei der Dreirosenbrücke. Da der Notruf in diesem Abschnitt einging, werden neben der Berufsfeuerwehr auch die Kantonspolizei, die Sanität, das Grenzwachtkorps und gegebenenfalls die Rega aufgeboten. Wäre der Notruf weiter flussabwärts eingegangen, wäre zusätzlich die Revierzentrale der Schweizerischen Rheinhäfen, die Leitstelle in Lörrach (D) und in Colmar (F) informiert worden. Des Weiteren wird auf dem Kanal des Rheinfunks eine entsprechende Meldung abgesetzt.

Bis zu 6 Boote stehen bei einer Rheinrettung im Einsatz. Die Feuerwehr rückt mit drei Booten aus. Das grosse Feuerwehrboot «Christophorus», dessen Beiboot und ein weiteres Mehrzweckboot kommen zum Einsatz. Zudem sind Polizeiboote sowie ein Boot des Grenzwachtkorps der Region Basel im Einsatz. Das Grenzwachtkorps bietet oft eine Hilfeleistung bei Rettungseinsätzen mit dem Mehrzweckboot «Basilisk». Dieses vielseitig nutzbare Boot hat unter anderem ein «Echolot» an Bord, ein elektroakustisches Messgerät zur Messung von Wassertiefen. Weitere Rettungsgeräte sind Rettungsringe, Wurfsack, Bergungsnetz und Defibrillator.

Nun versucht der Einsatzleiter, die diversen Einsatzkräfte zu koordinieren. Ihm steht ein sogenannter «Fliessplan» zur Verfügung. Dies ist eine Tabelle, auf der der Rheinpegel und die Zeit in 5-Minuten-Abständen aufgeführt sind. Mit dem «Fliessplan» lässt sich eruieren, wo im Rhein die verunglückte Person gerade sein könnte.

Massgebend ist, dass der Einstiegspunkt in den Rhein sowie die Uhrzeit des Notfalls bekannt sind. Die unterschiedliche Strömung beim Gross- und Kleinbasler Ufer hat ebenfalls einen entscheidenden Einfluss darauf, wo der Verunglückte gesucht wird. Zudem bleibt die Einsatzstelle mit L. verbunden. Sie wird aufgefordert, mit dem Schwimmer mitzulaufen. Diesen hat sie jedoch seit der Alarmierung der Polizei nicht mehr gesehen. Der Wickelfisch allerdings ist sichtbar und treibt gerade unter der Wettsteinbrücke hindurch. L. läuft am Ufer mit dem Wickelfisch mit. Da sieht sie schon die ersten Boote eintreffen. Sie macht die Einsatzkräfte mittels Handzeichen auf den Wickelfisch aufmerksam. Das Helikopterlicht des Grenzwachtschiffes «Basilisk» erleuchtet den Rhein. Jetzt wird mit allen Mitteln systematisch nach K. gesucht. Dabei folgen Feuerwehr, Polizei und Grenzwacht einem eingeübten taktischen Schema.

Schwimmer K. in Not

Die Chance für eine erfolgreiche Rettung ist höher, wenn ein Schwimmer zwischen Schwarzwaldbrücke und Dreirosenbrücke in Not gerät. Da ist einfach mehr los als weiter rheinabwärts. Schwimmer K. hatte Glück, dass ihn jemand gesehen hat. Denn er hat falsch reagiert. Anstatt ruhig zu bleiben und sich so über Wasser zu halten, hat er versucht, mit aller Kraft seinen Wickelfisch zu erreichen. Dies ist ihm nicht gelungen.

Bald wäre der Wickelfisch auf Höhe Mittlere Brücke. Der Einsatzleiter wechselt seinen Standort. Noch kein Zeichen von K. Es wird zielgerichtet weitergesucht. Nach fast einer halben Stunde ist die Suche nach dem Schwimmer noch immer erfolglos, inzwischen wäre er laut Fliessplan auf Höhe Johanniterbrücke. Nun muss der Einsatzleiter entscheiden, ob und wann er die Suche abbricht. Er alleine trägt die Last dieser Entscheidung. Ab einem gewissen Zeitpunkt kann man davon ausgehen, dass die Person nicht mehr gefunden wird.

Wo aber ist K.? Diese Frage kann niemand beantworten. Es ist nicht auszuschliessen, dass er mit letzter Kraft das Ufer erreicht hat. Vielleicht wurde er aber auch von der Kraft des Rheins verschluckt und wird nie mehr gefunden. Eine Frage, auf die es keine Antwort gibt.

Nach der erfolglosen Suche kehren alle Einsatzkräfte zu ihren Standorten zurück, wo sie ein kurzes Debriefing durchführen.

Oft ist es der Fall, dass die gesuchte Person nach rund 48 Stunden beim 20 Kilometer entfernten elsässischen Flusskraftwerk Kembs gefunden wird. Die ertrunkene Person bleibt in den grossen Rechen hängen, welche die Turbinen schützen. Wurde eine Leiche angeschwemmt, informiert die französische Gendarmerie über die Einsatzzentrale der Basler Polizei den Fahndungsdienst. Mitarbeiter der Fahndung fahren anschliessend nach Kembs, um die Leiche zu identifizieren.

Weitere Massnahmen werden eingeleitet. Dazu gehören unter anderem die Information der Angehörigen und der Transport der Leiche nach Basel. Je nach Fall wird in Absprache mit der Basler Staatsanwaltschaft eine Obduktion durch das Institut für Rechtsmedizin angeordnet.

Mehr Einsätze

Oft können Personen in Not aber auch aus dem Rhein gerettet und von den Rettungskräften an Bord genommen werden. Je nach Situation wird die Person vor Ort versorgt oder für weitere Abklärungen ins Spital gebracht.

Ab und zu kommt es auch vor, dass Menschen sich nicht retten lassen wollen, weil sie in Suizidabsicht in den Rhein gesprungen sind. Diese Situation stellt für die Einsatzkräfte eine besondere Herausforderung dar. Deswegen wird sie auch mit Diskretion behandelt.

Generell lässt sich eine massive Erhöhung der Rettungseinsätze auf dem Rhein beobachten. Seit 1973 fanden 326 durch die Berufsfeuerwehr Basel koordinierte Rheinrettungen statt. Davon ereigneten sich allein 168 in den letzten 10 Jahren. Deshalb finden seit 2013 koordinierte Patrouillen durch die Polizei, die Berufsfeuerwehr, das Grenzwachtkorps und die Schweizerischen Rheinhäfen statt. Dadurch sollen Schwimmer in Not frühzeitig entdeckt werden.