Der Jungvater im Blumenhemd wiegt sachte das Kleinkind in seinen Armen, während der Chor aufsingt: «Was macht, dass ich so fröhlich bin in meinem kleinen Reich?» Die mehrheitlich ergraute Kirchgemeinde stimmt in den Refrain mit ein: «Ich bin vergnügt, erlöst, befreit ...» Rund 300 Menschen haben sich versammelt, um gemeinsam gegen den Abschiedsschmerz anzusingen: Es ist der letzte Sonntagsgottesdienst, der in der Pauluskirche abgehalten wird – 2021 soll das Gotteshaus ganz geschlossen werden.

Schon morgens um zehn steht die Hitze unverrückbar wie eine Backsteinmauer vor der Pauluskirche. «Dein Reich komme», heisst es über dem Eingang, durch den die Menschen in sommerlich luftiger Kleidung, mit Strohhut und Handfächer eintreten. Eine Heimat sei die Pauluskirche für viele gewesen, sagt Pfarrerin Dorothee Dieterich in ihrer letzten Predigt, «ein Ort der Zuversicht». Doch jetzt sei die Zeit gekommen, gemeinsam «ein Stück weiter zu ziehen», was das Geschenk eines Neuanfangs bedeute. Und immerhin: «Was sich bewegt, das lebt.»

Nichts falsch gemacht

«Vernünftig», sagt Pfarrerin Dieterich, wenn sie vom Entscheid der Evangelisch-reformierten Kantonalkirche spricht, den Standort Paulus zu schliessen. Ihre Hand fällt dazu dumpf auf die Tischplatte, als sie zwei Tage vor dem letzten Gottesdienst von ihrer Arbeit erzählt: Es klingt, als würde eine Tür zuschlagen. «Aber auch wenn ich das so sage, tut es mir doch furchtbar weh, die Kirche aufzugeben.»

Dieterich wusste, worauf sie sich einliess, als sie nach 20 Jahren Vertretungen 2017 das Pfarramt von ihrem Vorgänger übernahm. 800 Menschen finden in der Pauluskirche Platz, zuletzt waren es bei regulären Gottesdiensten ohne Taufe nicht einmal mehr 50 Personen gewesen. «Ich glaube, dass nur noch wenige Menschen eine feste Gemeindebindung haben», sagt Dieterich dazu . «Als Kind ist man noch dabei und findet das auch nett. Aber dann kommt die Arbeit, man verliebt sich, und weg ist man.»

Noch in den Siebzigerjahren zählte die Evangelisch-reformierte Kirche in Basel-Stadt 170'000 Mitglieder, heute sind es 23'000. Ein Wandel, der sich im Stadtkanton umso rasanter vollzog, weil das konservativere Hinterland fehlte. Es ist eine Entwicklung, über die manche von Dieterichs Berufskollegen ins Zweifeln geraten: Was hat man falsch gemacht? «Vielleicht gar nichts», sagt die Pfarrerin, «es ist einfach so.» Was aber zur Folge hat, dass die verbliebenen Mitglieder nun dieselbe Gebäudelast tragen müssen wie zuvor 170'000. «Und man kann sich ausrechnen, dass das nicht aufgeht.»

Unklare Nutzung

Die Pauluskirche sei ganz Kirche, sagt Dieterich während der Predigt, «kein Mehrzweckort». Das Argument der flexiblen Bespielbarkeit war denn auch ausschlaggebend beim Entscheid, von den beiden benachbarten Kirchen Peter und Paulus die Letztere zu schliessen. Von der golden strahlenden Kanzel über den Taufstein bis zum Messgeschirr sei die gesamte Kirche auf das «reformierte Zentrum der Verkündigung» ausgerichtet, erklärt Dieterich. Und auf die Worte der Bergpredigt, die sie ausdrücklich in ihrer letzten Kanzelrede aufgreift.

Denn von welchem Reich wird da gesprochen? Vielleicht ist es der «Ort, an dem keine Renditen zusammengerechnet werden», wie sie ein Gedicht ihres Vorgängers zitiert. Die Bergpredigt, sagt sie, «verführt zum Leben» – kein perfektes Leben, aber eines mit Neuanfängen.

Sie sei hier getauft worden, sagt eine Frau, die sich mittlerweile dem Gemeindehaus Stephanus angeschlossen hat. Der Abschied falle nicht leicht, vor allem weil man ja nicht wisse, wie es mit dem Gebäude selber weitergehe. Kirchennah soll die Nutzung bleiben, verlautbarte der Kirchenrat, eventuell kulturell-musikalisch oder museal neu ausgerichtet. «Aber entschieden ist gar nichts, es hängt in der Schwebe», verrät Dieterich. Aktuell laufe eine Studie, wie die grossen ehemaligen Gemeindekirchen überhaupt noch genutzt werden können: «Vier riesige Kirchen, bei denen das Denkmalamt nicht erlaubt, auch nur einen Stein zu bewegen.»

Glocken läuten weiter

Bis entschieden wird, laufen zumindest die Hochzeiten in der Pauluskirche weiter. Wer heiraten wolle, komme rasch auf die Pauluskirche. «Erstens, weil Bekannte auch schon dort geheiratet haben und ausserdem, weil sie sehr sichtbar ist.» Auch musikalisch-literarische Gottesdienste zu kirchlichen Festtagen soll es neu geben. Dass die Glocken weiterhin läuten, war den Quartierbewohnern ebenfalls wichtig. «Das gehört dazu, das strukturiert.» Nur wird es künftig am Sonntagmorgen fehlen. Wohin soll sich die Gemeinde jetzt also wenden?

Vieles sei strukturell mit der Peterskirche aufgegleist worden, sagt Dieterich, ihre Kollegen waren schon vielfach zu Besuch. «Das war ein expliziter Wunsch dieser Gemeinde: Wenn wir schon wechseln sollen, dann sollen die Prediger zuerst auch zu uns kommen.»
Der Gottesdienst ist vorbei, das Publikum wirkt gefasst und verabschiedet Dieterich mit warmem Applaus. Was hält der Mann im Blumenhemd vom Aus?

«Ich denke, die Erschütterungen der vergangenen Jahre haben uns noch stärker zusammengebracht», sagt Sozialdiakon Jamin Deutscher, der das gleichzeitig stattfindende Freiluft-Festival 2019 auf dem Kirchenvorplatz mitorganisiert hat. Es gehe ihm weniger um Standortfragen, sondern um die Gemeinschaft als Ganzes. «Wir wollen keinen riesigen Apparat unterhalten müssen, nur um eine grosse Kirche zu sein. Wir wollen zurück zum Menschen.» Spricht’s und eilt los, um seinen Nachwuchs zu versorgen.