Permi Jhooti

«Es war ein Teil meines Lebens, aber diese Zeiten sind vorbei»

Permi Jhooti ist in London geboren, in Preston aufgewachsen und bezeichnet heute Basel als ihr Zuhause.

Permi Jhooti ist in London geboren, in Preston aufgewachsen und bezeichnet heute Basel als ihr Zuhause.

Die ehemalige Profifussballerin feiert morgen ihre Vernissage – und neu entdeckte Freude. Bevor sie nach Basel kam, machte sie sich einen Namen als erste asiatische Profifussballerin und als Inspiration für den Film «Bend it like Beckham».

Es ist ein Abend vor viereinhalb Jahren. Ein Charity Event an einer Ballett-Vorführung im Theater Basel. Permi Jhootis Mann hat zwei Tickets besorgt. Auf der Bühne werden Reden gehalten. «Ich habe kein Wort verstanden, die Reden waren alle auf Deutsch», erklärt Jhooti. Doch als Ballettdirektor Richard Wherlock seine Rede hält, realisiert Jhooti, mit welch unbändiger Leidenschaft er spricht. «Ich weiss bis heute nicht, was er gesagt hat, aber diese Leidenschaft hat mich fasziniert.» Sekunden später betreten zwei Tänzer die Bühne und präsentieren ein Stück aus «Carmen». «Als ich das sah, hatte ich plötzlich einen Flashback.»

Jhooti ist Engländerin mit indischen Wurzeln. Als Kind litten sie und ihre Familie stark unter Rassismus. Und Jhooti selbst hatte noch mit anderem zu kämpfen. Sie musste sich kulturell begründeten Strukturen anpassen und sich an Grenzen halten, die ihr auferlegt wurden. Eine dieser Einschränkungen war das Verbot zu tanzen. «Meine Eltern haben mir gesagt, dass nur schamlose indische Frauen tanzen würden und Tanzen eine Aneinanderreihung von robotischen Bewegungen sei.»

An diesem Abend im Ballett erinnerte sich Jhooti an all dies. «Ich habe mich gefragt, wie ich all das in meinem Leben missen konnte? Wieso hat mir niemand gesagt, was Tanzen wirklich ist?» Noch nie zuvor habe sie etwas so Wunderschönes gesehen. «Ich habe realisiert, dass man mit dem Tanz alles ausdrücken kann, und es der beste Weg ist, um zu kommunizieren.»

Jhooti, eine IT-Expertin, kam vor neun Jahren mit ihrem Mann nach Basel und arbeitete als Computerwissenschafterin in der Herzforschung. «Vor zwei Jahren habe ich meinen Job aufgegeben.» Jhooti wollte neu anfangen. «Ich musste endlich etwas tun, das ich liebe – und mich von sämtlichen mir auferlegten Einschränkungen befreien.»

Das Streben nach Korrektheit

Bevor sie nach Basel kam, machte sie sich einen Namen als erste asiatische Profifussballerin und als Inspiration für den Film «Bend it like Beckham». «Aber ich hatte schon immer eine künstlerische Ader in mir.» Doch ihr kultureller Hintergrund, geprägt von Regeln und der ständigen Suche nach Korrektheit, hielt sie davon ab, sich als Künstlerin zu betätigen. «Ich hatte immer Angst zu malen. Ich fragte mich, ob es korrekt ist oder nicht, aber in der Kunst geht es nicht um richtig oder falsch. Und mit diesem nicht vorhandenen Streben nach Korrektheit konnte ich nicht umgehen.» Doch dieses Problem verschwand, als Jhooti die Kinetic Camera entdeckte. Mit dieser speziellen Kamera kann der Filmende Daten sammeln, Nummern im Koordinatensystem, die das Objekt vor ihm darstellen. «Dadurch fand ich Korrektheit in meiner Kunst. Ich konnte mich an die Zahlen halten.» Also entschied sie sich, mit dieser Methode ein Video zu kreieren. Sie verwandelte die Objekte, die sie filmte – ihre Katzen, Tänzer, Boxer, Musiker, ihren Neffen, ihre Mutter oder Fussballerinnen – in weisse Punkte. «Ich habe die Menschen und Tiere auf Zahlen reduziert, und gleichzeitig habe ich sie von ihrer Rasse, ihrem Geschlecht und ihrem Alter befreit.» Jhooti wollte das einfangen, was wirklich zählt: die Schönheit der Bewegung. «Als ich noch Fussballerin war, wurde ich stets darauf reduziert, eine indische Frau zu sein, die Fussball spielt, aber das war nicht der Punkt. Der Punkt war, dass ich das, was ich gemacht habe, liebte.»

Seit sie ein Kind war, träumte sie nur davon, sie selbst zu sein. «Von mir wurde erwartet, dass ich Ärztin werde und dass ich eine arrangierte Hochzeit habe. Aber ich wollte nichts davon.» Das ist der Grund, wieso ihr Video von sämtlicher Oberflächlichkeit losgelöst ist. Niemand sollte fragen, ob die tanzende Person ein Mann oder eine Frau, europäisch oder asiatisch ist. «Es ging darum, die Leidenschaft zu zeigen.»

Etwa drei Jahre hat sie an ihrem Video gearbeitet. Hinzu kommen Bilder, die den einen Moment zeigen, der gleichzeitig die Schönheit des Moments und der Person zeigen. Morgen wird sie diese Bilder an ihrer – bereits zweiten – Vernissage präsentieren. Die erste, welche sie letzten September in Liestal feiern durfte, bezeichnet sie heute als Graduierung ihres Lebens. Mit ihrer erneuten Ausstellung will sie die pure Freude teilen, die die abgebildeten Personen ausstrahlen. In der Kunst geht es für sie nämlich – im Gegensatz zu dem, was man ihr einreden wollte – nicht um Schmerz. Ihr Leben lang wurde sie vom Schmerz angetrieben, und er habe ihr zu Höchstleistungen und allem, was sie heute erreicht hat, verholfen. «Aber ich hatte genug Schmerz in meinem Leben. Damit bin ich durch.» Es soll nur noch um Freude gehen. Die Freude, die ihr der Fussball nicht mehr gibt. Deshalb hat sie das Spielen aufgegeben. «Es war ein Teil meines Lebens, aber diese Zeiten sind vorbei.»

Morgen Abend, viereinhalb Jahre, nachdem Jhooti den Charity Event besucht hat, wird sie ihre Ausstellung mit dem Namen «Motive Emotive» präsentieren. Special Guest wird Jorge Garcia Perez sein, der Tänzer, der ihr mit seiner Darbietung aus «Carmen» zeigte, wie wunderschön der Tanz ist. Er ist heute ein enger Freund Jhootis und die Bilder von ihm und seiner Tanzpartnerin sind das Herz der Ausstellung. Der Zufall will es so, dass Jhooti morgen auch noch ihren 44. Geburtstag feiert. «Das hat solch eine grosse Bedeutung. Ich kann meine Kunst in der Stadt zeigen, die ich als mein Zuhause betrachte. In der Stadt, die von mir nicht erwartet, englisch oder indisch zu sein, sondern mich einfach mich selbst sein lässt – ohne jegliche Einschränkungen. Das muss Schicksal sein.»

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