Basel
«Es war krass: überall Blut»: Zwei Unfälle mit sechs Verletzten überschatten Mäss-Start

Die grösste Attraktion der Basler Herbstmesse, die «Rock & Roller Coaster»- Bahn bleibt nach den Unfällen am Samstagabend geschlossen. Was genau passierte und wie es nun weitergeht.

Olivia Meier und Benjamin Rosch
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Auf dieser Achterbahn an der Herbstmesse in Basel kam es zum verhängnisvollen Unfall.
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Die Achterbahn auf dem Basler Kasernenareal blieb nach dem Unfall vom Samstagabend zunächst geschlossen.
Achterbahn Basler Herbstmesse
Die Messebesucher liessen sich nicht vom Unfall einschüchtern.
Die Rock & Roll Coaster ist dieses Jahr das erste Mal an der Basler Herbstmesse.
Sie ist Deutschlands grösste mobile Achterbahn mit Einzelwagen.
Die Achterbahn stammt aus den 1980er Jahren.

Auf dieser Achterbahn an der Herbstmesse in Basel kam es zum verhängnisvollen Unfall.

Martin Heutschi, sda

Auf den ersten Blick sieht es nicht so aus, als wäre hier irgendetwas anders. Über das Kasernenareal schallt schon ab Sonntagmittag das an der Mäss übliche Soundgemisch aus Hitparaden-Songs, dem Röhren der Standbetreiber und überdrehten Toneffekten. Auch die «Rock & Roller Coaster» fällt zumindest optisch nicht auf: Die Lichter um Marylin Monroe und Elvis blinken in allen Farben, das Kassenhäuschen scheint offen.

Doch Tickets verkauft heute niemand, die kleinen Wagen stehen allesamt aufgereiht am Start. Seit dem Unfall am Samstagabend mit mehreren Verletzten ist die grösste Attraktion der diesjährigen Herbschtmäss stillgelegt. Weil zwei Wagen aufeinandergeprallt sind, musste eine Frau ins Spital gebracht werden, vier weitere Personen wurden ambulant behandelt. Wie die Basler Staatsanwaltschaft mitteilte, war es aus noch nicht geklärten Gründen zu einer Störung des Bremssystems gekommen.

Polizei und Sanität waren schnell vor Ort, berichten Augenzeugen. Viel haben die Betreiber der umliegenden Attraktionen nicht mitbekommen. Nach dem Zwischenfall gegen halb zehn habe sich die Lage dann auch bald wieder beruhigt.

Während Fahrt fallengelassen

Nur wenige Minuten später ereignete sich auf der Rosentalanlage ein zweites Unglück, in diesem Fall wurde eine Person schwer verletzt. Die «Round up Rounder» ist eine Art Karussell, bei der die Fliehkraft die Passagiere an die Wand drückt. Die Fahrgäste stehen dabei in kleinen, vergitterten Kabinen. Betreiber Thomas Peter schildert den Unfall: «Es war eine kleine Gruppe junger Männer, sie waren ziemlich angetrunken. Einer davon hat während der Fahrt versucht, in die Kabine nebenan zu gelangen und auf seinen Kollegen draufzuspringen.»

Dazu habe er sich zur Mitte fallengelassen, wobei er sich heftig den Kopf anschlug. «Es war krass: überall Blut. Der Mann war im ersten Moment bewusstlos. So etwas habe ich in meinen 25 Jahren als Schausteller noch nie erlebt. Und ich will es auch nie mehr erleben müssen», sagt Peter.

Vorfreude am Mittag

Dabei hatte alles schön begonnen, das Wetter bescherte der Mäss einen trockenen Auftakt am Samstagnachmittag. Schon im vollgestopften Bus auf dem Weg zur Schifflände hört man quengelnde Kinder fragen: «Mami wann läutet es eigentlich?», «Mami gehen wir nachher direkt aufs Riesenrad?», «Mami darf ich dann eine Zuckerwatte haben?». Wer aus dem Bus aussteigt, muss nicht nach dem Weg fragen. Man läuft einfach mit der Menschenmenge mit und schon steht man mit ungefähr 300 anderen freudigen Besuchern auf dem Martinskirchplatz.

Alle halten pinke Luftballons in den Händen, ein paar kleine Kinder lassen sie aus Versehen los und fangen an zu heulen. Nachdem die Mutter ihnen einen neuen Ballon gegeben hat, ist alles wieder gut. Die Basler Regierungspräsidentin Elisabeth Ackermann tritt um Viertel vor Zwölf ans Rednerpult. Sie erzählt von ihrer Kindheit. Als sie mit ihren Eltern an der Herbstmesse war und immer weiter gehen wollte, wenn der Papi oder die Mami wiedermal an einem langweiligen Stand stehen blieben.

Als die Regierungspräsidentin die Kinder fragt, wem es gleich geht, bekommt sie viel Zustimmung. Überall hört man die Kleinen laut «Ich au» sagen.

Am Puls der Zeit

Ackermann erzählt, dass man mit den Messbesuchern 34 mal das Joggeli füllen könnte. «Die Basler Herbstmesse hält einerseits fest an Bewährtem, wie zum Beispiel dem traditionellen Einläuten. Andererseits sind wir aber auch bemüht darum, am Puls der Zeit zu sein und für die jüngeren Generationen ein breites Angebot bereitzustellen.» Immer wieder bezieht sie die vielen Kinder mit ein, die alle gerne ihren Luftballon steigen lassen möchten. «Na, wer getraut sich, auf das hohe Riesenrad zu gehen?», fragt die Regierungspräsidentin.

Kurz vor zwölf Uhr erläutert sie den Brauch des Einläutens. Der Mässglöckner, in diesem Fall Franz Baur, bekommt als Lohn Handschuhe. Jedoch nicht beide auf einmal. Beim Einläuten erhält er den linken schwarzen Handschuh, beim Ausläuten zwei Wochen später dann den rechten. «Das hat dazu gedient, dass der Glöckner in der Zwischenzeit nicht davonlief», erklärt Ackermann den geschichtlichen Hintergrund.

Kurz vor 12 Uhr schaut Baur dann endlich aus der Turmspitze der Martinskirche heraus und schwenkt seinen Handschuh. Die Leute klatschen, die Kinder freuen sich. Einige lassen jetzt schon ihre Luftballons fliegen. Als das «Mässglöggli» schliesslich erklingt, steigt ein Heer aus pinken Ballons in die Höhe. Jetzt kann die ganze Region sehen, dass die 547. Herbstmesse begonnen hat. Nach dem Ritual strömen die Leute in Richtung Münster- oder Barfüsserplatz. Die erste Viertelstunde gratis Fahrzeit muss schliesslich ausgenutzt werden.

Dass nur wenige Stunden später ein Unglück, sogar zwei, geschehen werden, daran dachte in diesem Moment niemand. Und am Sonntagnachmittag schienen die Vorfälle bereits wieder vergessen. Zumindest wollen sich die Besucherinnen und Besucher die Mäss-Freude nicht trüben lassen. Nur die längste mobile Achterbahn Europas steht weiter still.