Essay
Durch Nichtstun zur Weltkulturstadt

Worin genau könnte die Zukunft der Kulturstadt Basel liegen? Ein Versuch, Antworten jenseits von leeren Marketing-Worthülsen zu finden.

Mathias Balzer
Mathias Balzer
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Basler Nachtpanorama.

Basler Nachtpanorama.

Juri Junkov

Basel ist eine «Weltkulturstadt im Taschenformat». So die stolze Selbstdefinition, so steht es auch im neuen Kulturleitbild der Stadt. Nicht weniger als «herausragende Exzellenz und breite, innovative kulturelle Vielfalt» sollen Basel zu «noch mehr Ausstrahlung» verhelfen, heisst es dort.

Exzellenz und Innovation, ein Begriffspaar, das jede x-beliebige Kommunikationsfirma jeder x-beliebigen Firma andichtet. Meist dann, wenn das Produkt im Grunde profan ist. Beispielsweise ein Stuhl. Ein Stuhl darf heute nicht mehr einfach Stuhl sein. Mindestens das Etikett «Innovation» muss an ihm kleben, will er denn herausragen oder eben «ausstrahlen». Natürlich sind das alles Verkaufstricks. Am Ende soll es klimpern in der Kasse des Schreiners.

Abschied von der bz

Wechsel im Ressort

Mathias Balzer hat von 2017 bis jetzt als Kulturredaktor bei der bz gearbeitet. Er hat sich in der Theaterszene der Region Basel in dieser Zeit einen Namen gemacht als scharfsinniger Rezensent, sei es am Stadttheater, sei es bei der freien Theaterszene, die er seit Jahren mit besonderer Hingabe verfolgt und weiterverfolgen wird. Nun verlässt er die bz, um sich eigenen Verlagsprojekten zu widmen, wird der Zeitung aber sporadisch als Gastautor treu bleiben. Seine Nachfolge wird Mitte September Mélanie Honegger antreten. (map)

Aber wie ist das nun bei Städten? Oft ähnlich wie bei Stühlen. Zumindest dann, wenn sie sich touristisch vermarkten wollen. Dann braucht es Claims wie «die Weltkulturstadt im Taschenformat», weil man sich ja herausheben und unterscheiden will. Nur ist auch das mit der touristischen Ausstrahlung so eine Sache. Spricht man mit Bewohnerinnen und Bewohnern von Berlin oder Barcelona, so wären sie mittlerweile froh, hätte ihre Stadt nie Ausstrahlung erhalten. Ein millionenfaches Instagram-Motiv zu sein, nützt nichts, wenn bezahlbarer Wohnraum knapp und der Dichtestress gross wird. Eine Stadt sollte vor allem für ihre Bewohnerinnen und Bewohner da sein. Und eine Kulturstadt vor allem für Künstlerinnen und Künstler. Aber dazu später mehr.

«Innovation» und «Ausstrahlung»

Nun stehen die Begriffe «Innovation» und «Ausstrahlung» nicht im Tourismusprospekt der Stadt, sondern in deren Kulturleitbild. Natürlich steht in dem 82-seitigen Papier noch einiges mehr. Als Präambel jedoch ist von diesen beiden Schwerpunkten die Rede, die der Stadt zu Profil verhelfen sollen.

Jedoch: Wozu genau braucht eine Stadt Profil und Ausstrahlung? Wenn nicht der Tourismus, dann wird an dieser Stelle gerne das Standortmarketing ins Feld geführt. Eine Stadt, die gute Forscher, Führungskräfte und neue Firmen anziehen möchte, ist mit einem regen Kulturleben im Vorteil gegenüber Schlafstädten.

Wäre das Standortmarketing die Triebfeder für die Kulturstrategie, hätten wir es in Basel mit einer raffinierten Umwälzpumpe zu tun. Das «herausragende» Kulturleben spült Fachkräfte und Kapital in die Stadt, was wiederum mehr Steuereinnahmen bedeutet, ergo mehr Kulturausgaben ermöglicht und – in Basel nicht zuletzt – mehr Geld für die Kulturstiftungen der Hauptaktionärinnen der Grossfirmen.

Auf Augenhöhe mit London und New York

Und so ist es ja auch: Die Geldströme, die von den Stiftungen, aus Privatschatullen und aus dem Steuersubstrat der vermögenden Basler Familien fliessen, machen Basel zur Kulturstadt von Welt. Die weltweiten Beziehungsnetze tun ihr Übriges. Dass das Museum des 200'000-Seelen-Städtchens mit denjenigen in London und New York auf Augenhöhe kooperiert, spricht Bände.

Basel sollte mit seiner Kulturstrategie jedoch beim Leisten bleiben. Die Stärke der Stadt liegt nicht im katholischen Schein, sondern in protestantischem Understatement. Das könnte bedeuten, dass die Zukunft eben gerade nicht in der «Ausstrahlung» gesucht wird. Basel kann es sich leisten, auf Etiketten wie «Weltkulturstadt» vorerst einmal zu verzichten.

Vielleicht führt ja gerade der scheinbar aussichtslose Umweg am Ende zum Ziel. Basel hat das Potenzial und die Finanzen, um nicht nur ein bedeutendes Chemielabor, sondern auch ein Kulturlabor zu sein. Das hiesse: Nicht der fertige Event, die Publikumszahlen, die Blockbuster-Ausstellungen stehen im Vordergrund, sondern Experiment und Forschung. Institutionen wie das Schaulager, das Haus der elektronischen Künste oder das HyperWerk weisen bereits einen Weg in diese Richtung.

Theater der Zukunft

In einem guten Labor geht es um die richtigen Fragestellungen. Die könnten lauten: Wie sieht das Museum der Zukunft aus? Ist es nicht mehr bloss ein begehbarer Ort, sondern einer, wo sich die Menschen aufhalten? Können sie dort unter dem Sol Lewitt Weisswein trinken oder sich neben der «Toteninsel» Co-Working-Spaces teilen? Wäre Kunst nicht der richtige Hintergrund für durchfeierte Nächte? Was tun mit den ständig wachsenden Sammlungen? In zwanzig Jahren wieder einen Erweiterungsbau erstellen? Oder die Kunstwerke an die Bevölkerung ausleihen? Gibt es einen Modigliani auf Zeit für zu Hause?

Oder wie sieht das Theater der Zukunft aus? Gelingt es irgendwann wirklich, den Ruf des Elitären abzustreifen und ein Haus für alle Bevölkerungsschichten zu werden? Stehen dort immer noch fixe Stuhlreihen, die zum stillen Sitzen zwingen? Oder wird im Theater wieder gegessen und getrunken wie zu Shakespeares Zeiten? Wird sich die Reichweite durch das Streaming vervielfachen, oder wird das Theater zum letzten Ort, wo wir gerne offline sind? Wird der Kanon aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert immer noch rauf- und runtergespielt, auch wenn diese Stoffe selbst in der Schule niemand mehr liest? Wie holt das Theater dann die Jugend in seine Aufführungen? Mit Serien oder Stars aus denselben?

Mekka der Kreativen

Und um auf die «Kulturstadt» zurückzukommen: Wäre eine solche nicht vor allem ein Ort, wo Künstlerinnen und Künstler aus der ganzen Welt leben und arbeiten, die Kaffees, Bars und Clubs beleben? Was müsste Basel dafür tun, dass es zum Mekka der Kreativen wird? Am besten wohl nicht zu viel. All die Brachen und noch nicht gentrifizierten Ecken und Quartiere belassen. Der Schick des Heruntergekommenen war immer schon der beste Nährboden für Menschen, die Neues versuchen wollen.

Vielleicht entsteht so irgendwann die gefragte «Ausstrahlung» – durch Nichtstun, durch die Hintertüre sozusagen. Bedeutende kulturelle Ereignisse beginnen immer im Kleinen. Bei meiner letzten Reise nach Israel antwortete ein Mann auf meine Auskunft, dass ich in Basel arbeite: «Oh, the city, where our state and LSD come from.»

Ob Theodor Herzl davon geträumt hat, damals, beim Zionistenkongress, als er auf dem Balkon des «Trois Rois» stand? Vielleicht schon. Im Fall von Albert Hofmann war es wohl anders. Der Erfinder des LSD hat kaum an eine kommende Kulturrevolution gedacht, als er nach seiner berühmten Velofahrt von seinem ersten Trip herunterkam.