Basler Lieferservice

Essen via Smartphone: Das sind die Gewinner und Verlierer des wachsenden Gastro-Zweigs

Zu Hause essen, ohne zu kochen: Das ist dank Kurierdiensten und einfacher Bestellung per Smartphone für viele Baslerinnen und Basler Alltag. Doch der harte Kampf um Margen und Preis hinterlässt auch Verlierer.

Der Markt ist so undurchsichtig wie eine Pizzaschachtel: Drei grosse, internationale Lieferdienste kämpfen derzeit in Basel um die Vormachtstellung beim bestellten Essen für zu Hause. «Es gilt ‹alles oder nichts›, die Firmen verbrennen Millionen an Kapital bei der Wette, künftig der alleinige Monopolist auf diesem Gebiet zu sein», sagt Joost Oerlemans.

Er ist Inhaber der Basler Kurierzentrale/Velogourmet.ch, die bereits seit 2005 mit Velokurieren auch warmes Essen bis vor die Haustüre bringt. Und er ist es, der als einziger lokaler Anbieter etwas Licht ins Dunkle der Pizzaschachtel bringt. «Wir führen rund 3000 Lieferungen pro Monat durch und machen damit einen Umsatz von 200 000 bis 250 000 Franken.» Seine Firma habe auch schon Übernahme-Angebote von ausländischen Grossanbietern erhalten, diese aber allesamt abgelehnt.

Mit 30 Restaurants im Angebot ist Velogourmet auf dem Basler Markt ein Zwerg: Bei eat.ch, dem nach eigenen Angaben grössten Anbieter der Schweiz, sind es 83 Restaurants, die in oder nach Basel liefern. Das 2007 von St. Galler Studenten gegründete Startup wurde 2015 an die englische Just-Eat-Group verkauft und gibt nur bekannt, dass im letzten Jahr über die Plattform 120 Millionen Franken an Schweizer Restaurants vermittelt wurden und dass diese Zahl im zweistelligen Bereich wachse.

Gemäss einer von eat.ch in Auftrag gegebenen Studie belief sich der Umsatz von Heimlieferservices in der Nordwestschweiz im vergangenen Jahr auf rund 168 Millionen Franken. «Bei uns können die Restaurants wählen, ob wir nur als Vermittler oder als Komplettdienstleister inklusive Kurier auftreten – entsprechend verändert sich die Marge, die wir verlangen: Von 11 bis 13 Prozent für Vermittlungen bis rund ein Drittel, wenn wir die Zustellung ebenfalls übernehmen», sagt Geschäftsführer Dominic Millioud.

Der nach eigenen Angaben zweitgrösste Anbieter in der Schweiz ist Foodarena. Basel sei für das Bieler Startup ein wichtiger Markt, noch in diesem Jahr sei der Aufbau einer eigenen Kurierflotte geplant, sagt Damien Wenger, der bei Foodarena für die Marktentwicklung zuständig ist. Ob in Basel Velos, E-Scooter oder Autos eingesetzt werden, sei derzeit noch in Abklärung.

«Wir stellen fest, dass immer mehr Restaurants nicht nur die Vermittlung, sondern einen Komplettservice inklusive Kuriere nachfragen – darauf wollen wir reagieren», sagt Wenger. Foodarena ist der einzige der drei grossen Anbieter, der die Software in der Schweiz entwickelt und bisher nur eine Minderheitsbeteiligung an die weltweit tätige Firma Delivery Hero abgetreten hat.

Mit viel Werbung zur Nummer 1

Der dritte internationale Anbieter auf dem Basler Markt ist lieferservice.ch. Die Firma ist ein reiner Ableger des holländischen Delivery-Giganten takeaway.com. Jörg Gerbig, verantwortlich für den Schweizer takeaway.com-Markt und Vorstand der niederländischen Holding, sagt unverblümt: «Im Moment investieren wir in der Schweiz mehr, als wir verdienen, insbesondere in Werbung, um richtig Fuss fassen zu können.»

Mit einem ähnlichen Vorgehen sei es der Firma gelungen, in Holland, Belgien, Österreich und Polen die Nummer 1 zu werden, in Deutschland sei man «auf gutem Weg dazu». «Nebst Fernseh- und Plakatwerbung bewerben wir unsere Einträge auch auf Google, damit Kunden, die nach einem spezifischen Restaurant suchen, auf unserer Plattform landen», sagt Gerbig.

Dieses Vorgehen nutzen auch die Konkurrenten: Sie erstellen für Wirte eigene Mini-Websites, die den Anschein erwecken, die Internetseite des jeweiligen Restaurants zu sein. Doch statt einer Telefonnummer zum Reservieren eines Tisches gibt es nur die Möglichkeit einer Online-Bestellung. Für Maurus Ebneter vom Basler Wirteverband ist das ein heikles Vorgehen: «Ich empfehle den Wirten, unbedingt auf eigene Websites zu setzen.»

Genaue Zahlen zum Basler Heimliefer-Markt kennt auch Ebneter nicht, aber er sagt, dass er die Thematik eng verfolge und der Markt so stark am Wachsen sei, dass man mittlerweile beinahe von einem eigenen Wirtschaftszweig sprechen könne. «Wir gehen schweizweit von Umsätzen von gegen einer Milliarde Franken aus. Jeder Wirt muss sich die Frage stellen, wie er damit umgeht: Entweder er macht mit und schafft sich dadurch einen Zusatzverdienst, oder er verzichtet darauf – aber dann aus guten Gründen.»

Einer der Gründe könnte sein, dass das zusätzliche Angebot zu Engpässen führen könnte, unter denen die Gäste im Restaurant leiden. «Wenn zur Hauptzeit das Restaurant voll ist und es gleichzeitig noch Bestellungen hagelt, dann bringt das zwar kurzfristig hohe Umsätze, aber es verärgert die Gäste – weil es zu längeren Wartezeiten führt», sagt Ebneter.

Einige Anbieter, etwa die Pasta-Kette Vapiano, haben darauf mit eigenen Kochstationen für den Lieferdienst reagiert, wie Area Manager Philipp Leuker gegenüber der Wirteverbandszeitschrift sagte. «Wir beliefern alle Kunden vom Vapiano am Claraplatz. Dort haben wir die nötige Infrastruktur: Eine Lieferservice-Station für die Koordination, eine eigene Pasta-Kochstation für den Lieferdienst sowie Parkplätze mit Steckdosen für die Heissluftöfen der Autos.»

Noch radikaler macht es Sami Koç von «Son Hundert Fünf Meze». Er setzt komplett auf Online-Bestellungen und verzichtet auf ein eigenes Restaurant. Auf eat.ch hat Koç derzeit mit durchschnittlich 4,9 von 5 Sternen die beste Bewertung aller Basler Restaurants. «Ich bin begeistert über die guten Rückmeldungen», freut sich der Koch, der erst seit vier Monaten auf Online-Bestellungen setzt und derzeit an sieben Tagen pro Wochen am Herd steht.

«Ich suche Mitarbeiter, aber es ist schwierig, geeignete Leute zu finden.» Er träumt von einem eigenen Lokal: «Wir nutzen derzeit eine ehemalige Bäckerei in einem Hinterhof, das ist einer der Vorteile, wenn man über Kuriere verkauft: Man kann am Anfang auch von eigentlich schlecht gelegenen, dafür günstiger zu mietenden Lokalen aus liefern, weil man nicht auf Laufkundschaft angewiesen ist.»

Platzhirsche sind unter Druck

Zu den Verlierern des Heimliefer-Booms gehören die traditionellen Pizzakurierdienste. Mehrere Anbieter wollten nicht mit der bz über ihr Geschäft reden, der Inhaber der Pizzeria Fresco in der Breite, Aydogdu Sibel, sagt: «Das Geschäft läuft nicht mehr so gut, weil es zu viel Konkurrenz gibt auf den Plattformen, zu viele Pizzerien, aber auch viele andere Anbieter.» Sein Restaurant hat auf eat.ch 1773 Bewertungen, mehr als alle anderen Restaurants der Stadt – die allermeisten sehr positiv.

Er verlangt keine Lieferpauschale und geht mit 20 Franken Mindestbestellmenge und einer garantierten Lieferdauer von 40 Minuten ans untere Limit. Trotzdem wird er im Preiskampf unterboten, etwa von Anbietern, die schon ab 15 Franken oder innerhalb von 30 Minuten kostenlos liefern. «Dennoch muss ich sagen, dass wir als Restaurant ohne Kurierdienst nicht überleben könnten.»

Dass der Konkurrenzkampf bei den ehemaligen Platzhirschen, den Pizzakurieren, besonders hart ist, darauf deutet auch eine Aussage des Foodarena-Marktentwicklers Wenger hin. Er sagt: «Unser Ziel ist es, dem Kunden ein möglichst breites Angebot an Gerichten zu bieten. Deshalb bieten wir neuen, innovativen Restaurants, beispielsweise mit vegetarischen oder besonders gesunden Speisen im Angebot, eine attraktivere Marge als dem 500. Pizzadienst.»

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