Sie haben den Begriff «Geld» gezogen. Was bedeutet Ihnen Geld?

Esther Keller: Geld ist für mich Mittel zum Zweck. Es bietet Möglichkeiten, hat aber bei weitem nicht oberste Priorität. Sonst hätte ich mich nicht nach einem gut bezahlten Job in der Pharmabranche selbstständig gemacht. Und dass ich jüngst Co-Präsidentin von Sm’Aesch Pfeffingen geworden bin, hat auch nichts mit Geld zu tun. Das ist ein zeitintensives Ehrenamt, aber Sport ist etwas, wofür ich mich gerne einsetze.

Ein ehemaliger Arbeitskollege von Ihnen sagte über Sie: Esther Keller hat viele positive Eigenschaften. Eine davon ist ihre Bescheidenheit. Sie braucht nicht viel, um glücklich zu sein. Stimmt das?

In materieller Hinsicht stimmt das. Ich bin nicht konsumorientiert, für meine Hobbys brauche ich Sonne, frische Luft und je nachdem einen Ball. Zudem lebe ich seit Jahren aus Überzeugung in einer Wohngemeinschaft mit vier Frauen. Ich bin nie den konventionellen Weg gegangen und strebe kein traditionelles Familienmodell an. Meine Freunde sind das Wichtigste, was ich habe.

Gibt es in der WG nie Streit wegen des Geldes? Dass eine immer den Kühlschrank füllt und die andere nie was einkaufen geht? In den Studenten-WGs gab es deswegen ja regelmässig Krisensitzungen, so wie ich mich erinnere.

Bei uns nie. Wenn gestritten wird, dann höchstens darum, wer zahlen darf. Aber das liegt sicher auch daran, dass in unserer Lebensgemeinschaft alle berufstätig sind, während in Studenten-WGs ja oft jeder Rappen umgedreht werden muss.

Welchen Luxus leisten Sie sich?

Den Luxus, nicht über Geld nachdenken zu müssen. Ich kann Freunde einladen und mir die Dinge leisten, die ich möchte. Der allergrösste Luxus ist die Freiheit, die ich dank meiner Selbstständigkeit habe. Ich kann meine Tage selbst gestalten, Menschen treffen, meine Aufträge aussuchen und auch spontan mal einen Tag in die Berge fliehen.

Wie viel verdienen Sie?

Ich kann es Ihnen wirklich nicht genau sagen. Es schwankt extrem, wie bei den meisten Selbstständigen.

Und wie viel geben Sie aus?

Uff, Sie stellen Fragen (lacht). Auch da kann ich keine genaue Antwort geben, da ich darüber nicht Buch führe. Ich würde sagen, mit 4000 Franken im Monat komme ich zurecht, mehr brauche ich nicht. Selbstverständlich gibt es aber Zeiten, in denen ich einiges mehr ausgebe.

Was würden Sie tun, wenn Sie bei Euro Millions gewinnen würden?

Ich würde nichts ändern. Denn das, was ich tue, tue ich sehr gerne. Ich bin froh, nicht reich geboren zu sein. Es ist gut, einen gewissen Druck zu haben, erwerbstätig zu sein. Aber irgendwie verlieren viele die Balance. Ich beobachte immer wieder, dass viele Menschen mittleren Alters innehalten und zum Schluss kommen, dass sie das ganze Leben dem Geld nachgerannt sind und dabei vergessen haben, zu leben.

War Geld zuhause nie ein Streitpunkt mit Ihren Eltern?

An solche Szenen mag ich mich nicht erinnern, nein. Ich forderte früh meine Selbstständigkeit ein, indem ich mein Budget selbst verwalten wollte. Mein Studium habe ich mir weitgehend selbst finanziert, über einen Job in einem Callcenter und später bei «Telebasel». Mein Vater hat sich schon einige Male bei mir bedankt, dass ich eine derart «günstige» Studentin gewesen sei (lacht). Zum Abschluss der Uni hatte ich sogar noch so viel Erspartes, dass ich einen alten VW-Bus für 6000 Franken kaufen konnte.

Sie wohnen aus Überzeugung in einer WG und haben einen alten VW-Bus. Das erinnert irgendwie an die 68er. Sind Sie im Herzen ein Hippie?

Nein, so würde ich mich nicht bezeichnen. Ich wünsche mir eine offenere Gesellschaft, was das Miteinander anbelangt, aber ich habe auch eine stark ökonomisch denkende Seite. Deswegen habe ich mich für die GLP entschieden. Sie vereint das Wirtschaftsfreundliche mit der Gleichstellung aller Lebensmodelle, und berücksichtigt auch die ökologische Seite.

Was tun Sie für den Umweltschutz?

Ich hänge an den Dingen, die ich habe, und behalte sie lange. Ich bin im Alltag mit dem Velo unterwegs und überlege mir genau, ob ich für einen geschäftlichen oder privaten Termin das Flugzeug oder den Zug nehme. Wenn ich fliege, kompensiere ich das CO2 über die entsprechenden Angebote. Einfach mal nach New York fliegen zum Shoppen, käme mir nicht in den Sinn.

Was könnte in dieser Stadt besser sein?

Neue Modelle des Zusammenlebens täten der Stadt gut. Ich finde es schön, dass immer mehr ältere Menschen eigenständige Wohngemeinschaften bilden. Im mittleren Alter ist das noch kaum der Fall. Viele haben das Gefühl, dass allein leben glücklicher macht und dass man ganz viel Platz für sich selbst und seine Sachen braucht. Ich sehe das anders: Weniger besitzen, mehr teilen macht glücklich. Es bewegt sich einiges in Richtung Sharing Economy, was mich sehr freut.