Wolfgang Kaschuba

Ethnologe über die boomende Stadt Basel: «Wir sollten unsere Ansprüche relativieren»

Der Ethnologe Wolfgang Kaschuba fordert von der Stadtpolitik, dass sie weniger in Wahlperioden denkt.

Der Ethnologe Wolfgang Kaschuba fordert von der Stadtpolitik, dass sie weniger in Wahlperioden denkt.

Der Ethnologe Wolfgang Kaschuba erklärt, warum Städte wie Basel boomen – und welche Kehrseiten dieser Boom hat.

Unter dem Titel «Die Stadt gehört allen» referierte der Berliner Kulturwissenschaftler und Migrationsforscher Wolfgang Kaschuba (69) vor wenigen Tagen in Basel. Eingeladen hatte ihn eine lose Gruppierung, die auch hinter dem Referendum gegen das Übertretungsstrafgesetz, beziehungsweise gegen die Aufhebung des Lautsprecherverbots steht, über welches am 24. November in Basel-Stadt abgestimmt wird.

Basel geht es ausgezeichnet, die Stadt blüht und hat ein erfolgreiches Jahrzehnt hinter sich. Und doch wird über scheinbare Kleinigkeiten wie die Aufhebung des Lautsprecherverbots diskutiert. Überrascht Sie das?

Wolfgang Kaschuba: Überhaupt nicht. Solche Art von Konflikten sind in vielen anderen vergleichbaren Städten in Westeuropa zu beobachten.

Hängt das direkt mit dem Erfolg dieser Städte zusammen?

Durchaus. Es sind in der Regel Städte, die wirtschaftlich gut dastehen. Genau wegen dieser Situation spielt die Mobilität eine grosse Rolle. Nehmen Sie als extremes Beispiel Berlin: Seit 1990 ist dort ungefähr die Hälfte der Bevölkerung ausgetauscht worden. Was früher die Pest bewirkte, tut heute die Ökonomie – und die Kultur! Letztere ist in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren zum eigentlichen Kapital und Zahlungsmittel der Städte geworden. Für die «kreative Klasse», die dem urbanen Leben besonders zugeneigt ist, bietet eine Stadt Kultur sowie attraktive öffentliche Räume und Toleranz.

Also die Aussicht, dass jeder in der Stadt so leben kann, wie es ihm passt.

Überspitzt gesagt: Städte sind die Heimat der Minderheiten. Damit meine ich uns alle. Ob Kraftsportler, Schwule, Veganer oder Muslime. Städte locken uns mit der Verheissung an, alles sein und jede Rolle spielen zu können. Deshalb ist das Leben in der Stadt heute populärer denn je und Städte sind längst mehr als nur ein Markt für gute Jobs.

Die Aussicht auf die grosse individuelle Freiheit ist natürlich sehr verlockend. Wo aber bleibt der Gemeinsinn?

Wir stehen in der spannenden Situation zwischen der Herausbildung einer neuen Stadtgesellschaft mit der Freiheit zur individuellen Inszenierung und der Entwicklung hin zu einer neuen Zivilgesellschaft.

Diese Spannung zeigt sich auch im Nutzungsdruck im öffentlichen Raum oder – eben – im Versuch, Lautsprecherboxen zu verbieten oder zuzulassen.

Genau. Das Problem besteht darin, dass die Ansprüche und Bedürfnisse der Menschen enorm gestiegen sind. Das zeigt sich allein durch den Pro-Kopf-Wohnbedarf. Zusätzlich haben wir in den Städten keine soziale Mobilität. Jeder Stadtmensch will möglichst in jenem Quartier wohnen bleiben, wo es ihm am besten gefällt. Mit 18 Jahren will er dort Party machen, mit 38 und Kleinkind eine möglichst familienfreundliche Nachbarschaft und mit 80 will er sich rollatorgerecht bewegen können. Das führt zu einer Überlastung der Stadt.

Und zu höchsten Belastungen der Toleranzfähigkeit.

Ja. Wir sollten unsere Ansprüche gegenseitig relativieren lernen. Als Fussgänger, Radfahrer, Autofahrer, junger oder älterer Mensch. Wir sind noch sehr darauf fixiert, die Stadt in Differenzen zu denken. Der gegen mich, ich gegen sie – und so weiter. Stattdessen sollen wir viel mehr in Schnittmengen und Konvergenzen denken. Das ist die historische Chance, welche die heutigen städtischen Gesellschaften haben.

Mir scheint, die Zahl der Lebenswelten, und eben der individuellen Lebensentwürfe, habe gerade in Städten massiv zugenommen. Die Kehrseite davon ist es doch, dass die Zusammenführung der Interessen immer anspruchsvoller wird.

Wir sprechen heute von einer Zweidrittel-Gesellschaft in den Städten: Zwei Dritteln geht es relativ gut und zwei Drittel der jungen Erwachsenen verkörpern eine Generation, deren Mehrheit nicht den Vorfahren in der Lebensgestaltung folgen möchte, sondern das Erbe der Eltern ausschlagen kann und will. Die Jungen engagieren sich heute mehr projektbezogen als lebenszeitlich. Insofern ist die Stadtgesellschaft so aktiv wie nie. Aber es müssen nun Formate und Formen geschaffen werden, die diese breite Beteiligung abbilden und die verschiedenen Individuen und Gruppen erst in Dialog bringen können. Nur so werden die Städte auch lebendig.

Wie stark soll der Staat solche Prozesse regulieren? Oder anders gesagt: Wann wird die städtische Gesellschaft im Netzwerk der Regeln und Gesetze erstickt?

Die Balance zu finden zwischen Kontrolle und Laisser-faire ist sehr schwierig. Ich glaube, dass die Politik sich vom Wahlperioden-Schema verabschieden und mehr in Prozessen denken muss. Es ist kaum je etwas «fertig» oder «gebaut», auch nicht bei Infrastrukturprojekten. Vor allem aber nicht bei der Frage, wie eine Stadt und ihre Gesellschaft aussehen kann. Die Zivilgesellschaft wiederum muss lernen, dass es Kontinuität braucht. Kurzfristige Eruptionen sind zwar verlockend, aber sie helfen nicht, genügend breite Bahnen für Debatten zu entwickeln. Je mehr Strukturen geschaffen werden, zum Beispiel Vereine, desto mehr Kontinuität gibt es und desto besser kann die Gesellschaft auf Augenhöhe mit der Politik debattieren. Auf keinen Fall darf die Stadtgesellschaft zu homogen werden. Sonst würden wir Scheinblüten wie im Zentrum von Paris oder in der City of London erleben: Alles sieht gut aus – aber nichts lebt.

Eigentliche Verlierer dieses urbanen Hypes sind die ländlichen Regionen. Stimmt dieser Eindruck?

Ja. Ich schätze, dass in den vergangenen Jahren sechs bis neun Millionen junge Europäerinnen und Europäer vom Dorf in die Stadt gezogen sind. Sie bewegen sich von Ost nach West und von Süd nach Nord. Was das politisch für das jeweilige Land bedeutet, können wir in Polen, Ungarn oder auch Ostdeutschland beobachten: Es ist der Nährboden der sozialen Spaltung und des politischen Rechtsrucks.

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Autor

Patrick Marcolli

Patrick Marcolli

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