Die Geschichte von Adam und Eva ist wohl jedem bekannt. Doch dass der erste Mann der Bibel noch eine weitere Frau gehabt haben könnte, und wie die christliche und die jüdische Tradition das Bild der ersten Frauen in den vergangenen Jahrtausenden verfälscht haben, erklären heute Abend zwei Theologinnen beider Religionen.

Gerade heute, im Jahr 2014, in der die Anfänge der Menschheit vor allem von naturwissenschaftlichem Interesse sind, ist es erstaunlich, dass die «erste Frau» der Bibel die Frau der Stunde zu sein scheint. Erst vor wenigen Wochen ist das Buch «Eva» der Theologin Helen Schüngel-Strauman über die berühmte Frau Adams erschienen. Heute findet im Rahmen der Woche der Religionen ein interreligiöses Gespräch unter dem Titel «Eva – Mutter alles Lebendigen oder Ursache allen Übels» statt. Dabei beleuchten die beiden feministischen Theologinnen Gabrielle Girau Pieck aus der jüdischen und Doris Strahm aus der christlichen Tradition die Bedeutung und die Rezeptionsgeschichte Evas und erläutern dabei auch, dass sie möglicherweise nicht die einzige Frau an der Seite des «ersten Mannes» gewesen ist.

Heldinnen des Feminismus

Es sind die ersten drei Kapitel der hebräischen Bibel, die von der Erschaffung der Erde und der ersten Menschen, Adam und Eva, erzählen: ein Entstehungsmythos, der für das Judentum und das Christentum gleichermassen zentral ist. Allerdings hat die Wirkungsgeschichte in beiden Religionen unterschiedliche Richtungen eingeschlagen. Während in der christlichen Tradition die Frau zur Schuldigen am Übel der Welt stilisiert worden war, wurde im Judentum keine strenge und frauenfeindliche Sexualmoral mit dem sprichwörtlich gewordenen Biss in den Apfel begründet.

Lilith war die allererste Frau

Dennoch hat auch die jüdische Theologie in den letzten Jahren einen Aufschwung feministischer Neuinterpretationen der Partnerin Adams erlebt – oder besser gesagt Partnerinnen. Neben der naiven und verführbaren Eva, wie sie schon von Kirchenvätern stilisiert worden war, habe Adam nämlich nach rabbinischer Tradition eine weitere Frau gehabt: Lilith, seine erste Frau. Im Gegensatz zu Eva sei Lilith nicht aus der Rippe Adams geformt worden, sondern gleichwertig und simultan zu ihrem Mann geschaffen. Lilith hat man daher auch nicht den Vorwurf gemacht, die Verführbare, sondern die Verführerin zu sein. Trotz der negativen Beurteilung, die auch sie in der Tradition erfahren hat, wurde sie später zum Symbol der emanzipierten Frau. Dennoch ist es erstaunlich, dass gerade heute diejenigen biblischen Frauengestalten zu Heldinnen des Feminismus geworden sind, die Jahrhunderte, gar Jahrtausende lang zur Unterdrückung der Frau missbraucht worden waren. Genau diese Entwicklung spielt sich in der aktuellen jüdischen und christlichen Theologie ab. Der Mythos der Urmutter ist sowohl eine ideale Plattform für feministische Theologie als auch für interreligiösen Dialog.

Genau dies ist das Ziel der Veranstaltung, die heute Abend in der Offenen Kirche Elisabethen stattfindet. Organisiert wird das Podium von der Fachstelle für Genderfragen und Erwachsenenbildung der Evangelisch-reformierten Kirche Basel-Landschaft im Rahmen der schweizweiten Woche der Religionen.

Eva Refektorium der Offenen Kirche
Elisabethen, heute Abend um 19 Uhr.