Fessenheim

Evakuiert wird nur in die Schutzräume

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Der französische Betreiber des AKW Fessenheim bezahlt für die Freiburger Bevölkerung einen Ratgeber für den Notfallschutz bei einem Zwischenfall – Basel dagegen geht leer aus.

Die Forderung des französischen nationalen Zusammenschlusses von Überwachungskommissionen von Atomkraftwerken, den Sicherheitsrayon um die Anlagen auf 80 Kilometer zu erweitern, stösst in Basel teilweise auf Unterstützung. Der Rayon um das AKW Fessenheim, der im sogenannten Plan particulier d'intervention (PPI) definiert wird, umfasst bisher lediglich zehn Kilometer.

«Wir haben den PPI mehrmals kritisiert, weil er nicht den internationalen Standards entspricht», merkt Jürg Stöcklin an, Präsident des Trinationalen Atomschutzverbandes Tras. «Es ist zu begrüssen, dass das jetzt endlich zum Thema wird», fährt er fort.

Katastrophenschutz als Thema

Ähnlich äussert sich der Basler Grossrat Helmut Hersberger (FDP), der sich als diesjähriger Präsident des Oberrheinrats die Verbesserung des grenzübergreifenden Katastrophenschutzes zum Ziel gesetzt hat. «Zu dem Thema ist wenig bis gar nichts geschehen», kritisiert Hersberger. Der Oberrheinrat ist das parlamentarische Pendant zur Oberrheinkonferenz, in deren Rahmen die Behördenvertreter von der Nordwestschweiz über das Elsass und Südbaden bis zur Südpfalz zusammenarbeiten.

«Wenn man einen Kreis um das AKW Fessenheim zieht, sieht man deutlich, dass dieser nicht an den Landesgrenzen aufhört», betont Hersberger. Die Katastrophenhilfe müsse innerhalb des gesamten Rayons funktionieren, so das Ziel. Zurückhaltender äussert sich Marco Greiner in seiner Eigenschaft als Informationschef des Kantonalen basel-städtischen Krisenstabs: «Die Neueinschätzung ist der Kantonalen Krisenorganisation nicht bekannt. Wir werden uns noch damit befassen», teilt er mit.

In der Studie, die die erwähnte Kommission «l'Association nationale des comités et commission locales d'information (Anccli) in Auftrag gegeben hat, werden die starken Unterschiede in Europa beim Umgang mit dem Katastrophenfall explizit erwähnt. Sie seien zudem von allen anerkannt. «Es ist wichtig, die grenzübergreifende Kooperation zu intensivieren, um das Vorgehen zu harmonisieren und die bestmöglichen Massnahmen zum Schutz der Bevölkerung zu ergreifen», heisst es in der Zusammenfassung.

Konsultation verbessern

Das Schlusswort ist eindeutig: «Frankreich muss den Anwendungsbereich seiner Schutzzonen ausweiten, die betroffenen Organisationen und die Bevölkerung an den Krisenübungen beteiligen und eine regelmässige Konsultation der Öffentlichkeit über deren Bedeutung organisieren.»

Jürg Stöcklin verweist darauf, dass aufgrund der vorherrschenden Windrichtung vor allem die deutschen Nachbarn und die Stadt Freiburg im Breisgau von einem Zwischenfall betroffen wären. Da verwundert es nicht, dass das Freiburg Stadtparlament schon vor vielen Jahren einstimmig von links bis rechts in einer Resolution die Schliessung von Fessenheim gefordert hat.

Auf der Internetseite des Freiburger Regierungspräsidiums (www.rp-freiburg.de) gibt es zudem unter dem Titel «Notfallschutz» einen 24-seitigen Ratgeber für die Bevölkerung – finanziert wurde er von Électricité de France (EDF), dem Betreiber von Fessenheim. Darin finden sich allgemeine Informationen zum AKW, Verhalten und Information im radiologischen Notfall, eine Karte der deutschen Umgebung des AKW und die Sammelstellen bei einer Evakuierung sowie die Jodausgabestellen. Eine ähnliche Broschüre für Basel ist Greiner nicht bekannt – sei auch in der Zuständigkeit des Bundes.

Jodtabletten schon verteilt

In der Schweiz erhalten alle Personen, die sich innerhalb eines Umkreises von 50 Kilometer um ein AKW aufhalten, vorsorglich Jodtabletten – eine Verordnung vom 1. März 2014. In Basel-Stadt wurde die Verteilung laut Greiner Ende August 2015 abgeschlossen. Grundsätzlich liege die Zuständigkeit für Massnahmen, für Informationen und Warnung beim Bund. «In einer ersten Phase ist es aber sicher vorrangig, dass die Bevölkerung nicht mit den schädlichen Stoffen in der Luft in Kontakt kommt. Deshalb steht die Evakuation in Schutzräume im Vordergrund. Die Ergreifung weiterer Massnahmen hängt auch vom Ausmass der Kontamination ab», schreibt Greiner.

Evakuation in Schutzräume

Eine Evakuierung in der Fläche scheint nicht denkbar. «Die Verschiebung der Bevölkerung der ganzen Region Basel mit bis zu einer Million Menschen ist in der zur Verfügung stehenden Zeit schwer zu bewerkstelligen, deshalb liegt der primäre Fokus bei der Evakuation in Schutzräume», sagt Krisenstab-Sprecher Greiner.

Der Kanton Baselland war bis Redaktionsschluss nicht in der Lage, die entsprechenden Fragen zum Katastrophenschutz zu beantworten.

Autor

Peter Schenk

Peter Schenk

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