Medien-Ethik
Ex-Botschafter Thomas Borer fordert Regeln für den Onlinejournalismus

Die Presse macht Fehler – aber die eigentliche Gefahr droht von den Neuen Medien, so das Fazit einer Podiumsdiskussion in der Reihe «Stadtgespräch». Deshalb fordert der ehemalige Schweizer Botschafter Thomas Borer Regeln für die Neuen Medien.

Thomas Immoos
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Thomas Borer:

Thomas Borer:

Keystone

Der Fall Hildebrand, das Busunglück im Wallis sowie die Amok-Fahrt auf der Mittleren Brücke in Basel – drei aktuelle Themen, anhand derer die Rolle der Medien an der Podiumsdiskussion beleuchtet wurde. «Wie weit dürfen Medien gehen? Welche Bilder dürfen oder sollen die Medien zeigen?» Diese beiden Fragen stellte Moderator Dieter Kohler zu Beginn.

Für Patrik Müller, Chefredaktor des «Sonntag», ist es unhaltbar, wenn – wie im Wallis – eine Fernsehkamera permanent auf die Leichenhalle gerichtet ist und zeigt, wie trauernde Familienangehörige dort ein- und ausgehen. Auch Boulevard-Medien hätten Bilder von Opfern gezeigt, ohne deren Angehörige um ihr Einverständnis gebeten zu haben. «Solche Bilder haben überhaupt keinen Informationswert», stellte er fest.

Unter Druck passieren Fehler

Filippo Leutenegger, Verwaltungsratspräsident der Basler Medien AG, stimmte Müller zu. Allerdings wies er darauf hin, dass Unfälle und Katastrophen im Nu online sind, da Augenzeugen ihre Handys zückten und Aufnahmen machten. Zur Verteidigung der Journalisten wandte er ein, dass diese oft unter Druck schnell entscheiden müssten, wie sie über ein solches Ereignis berichten. «Da können schon mal Fehler passieren.»

Dies mochte der Ethik-Professor Markus Huppenbauer nicht gelten lassen. Chirurgen, Rettungssanitäter und Feuerwehrleute lernten, mit diesem Druck umzugehen. Redaktionen könnten sich Richtlinien geben, wie bei kritischen Fällen zu handeln sei. Konkurrenz- und Zeitdruck führten manchmal zu Fehlverhalten, räumten Leutenegger und Müller ein.

Der frühere Botschafter Thomas Borer kritisierte an den Medien «die Rudelbildung»: Eine Zeitung greife an, und die andern folgten. Statt sachliche Informationen zu liefern, «spielen Medien immer mehr auf den Mann». Dabei werde ausser Acht gelassen, welche Verletzungen Kampagnen bei den Betroffenen und deren Angehörigen hinterlassen – ungeachtet dessen, ob die Vorwürfe berechtigt sind oder nicht.

«Applaus für Medienkritik»

In Abrede gestellt wurde sowohl von Leutenegger als auch von Müller, dass der frühere Schweizer Nationalbankchef von den Medien «fertig gemacht» worden sei. Philipp Hildebrand sei über sein eigenes Fehlverhalten gestürzt. Für Müller ist es offenkundig: «Mit Medienkritik erhält man immer schnellen Applaus.»

Für die alten Medien (Presse, Radio, Fernsehen) genügten die heutigen Regeln durchaus: «Man kann an den Presserat gelangen, eine Gegendarstellung verlangen oder gar privat- und strafrechtliche Schritte einleiten», führte Borer aus. Solche Regeln brauche es auch für die Neuen Medien. Die wahren Gefahren für die Persönlichkeitsrechte drohten von dort. Das Fatale sei, dass solche Meldungen, so Huppenbauer, «für alle Ewigkeit im Netz» blieben.

Der beste Schutz gegen Missbräuche in den Neuen Medien sei Information. Eltern und Schulen sollten die Kinder auf die Gefahren hinweisen. Zuversichtlich zeigte sich Patrik Müller: Die Kinder, die heute mit den Neuen Medien aufwachsen, seien wachsamer als ihre Vorfahren.