Herr Sheldon, worüber plaudern wir?

George Sheldon: Über die Vergangenheit. Das passt ja hervorragend.

Sie befassen sich doch mehr mit der Zukunft. Wie sich etwa der Arbeitsmarkt entwickelt.

Als Professor im Ruhestand kann ich mich ganz der Forschung widmen. Und da sind Lehren und Instrumente aus der Vergangenheit wichtig. Das ist quasi das Fundament für diese Arbeiten!

Sie sagen es: Sie sind im Ruhestand, arbeiten mit 70 Jahren aber fast täglich. Warum?

Ganz einfach: Weil es mir Spass macht.

Dann hätten Sie nichts gegen eine Erhöhung des Rentenalters? Viele Schweizer tun dies, wie die Abstimmung zur Rentenreform gezeigt hat.

Der Mensch hat es nie gerne, wenn er etwas verliert. In diesem Falle Rentenansprüche. Das verstehe ich; was mich stört an der Diskussion: Immer wird der Bauarbeiter angeführt, der mit 65 ein Wrack ist. Und was ist mit Akademikern mit hohem Bildungsniveau? Hier besteht eine höhere Bereitschaft und Fähigkeit, nach 65 noch zu arbeiten. Ich bin für ein flexibles Modell, also für unterschiedliche Rentenalter.

Sie wurden vor fünf Jahren emeritiert. Blicken sie wehmütig in die Vergangenheit?

Eigentlich nicht. Jetzt kann ich mich ganz jenen Dingen widmen, die mir Spass machen. Der Forschung also. Keine administrativen Aufgaben mehr. Die waren lästig!

Vermissen Sie die Vorlesungen nicht? Den Kontakt zu Studenten?

Den habe ich im Rahmen der Forschungen. Die Vorlesungen vermisse ich nicht. Ich habe hier 25 Jahre lang doziert. Gegen Ende konnte ich mich selber nicht mehr hören (lacht). Ich versuchte hin und wieder, die Vorlesungen mit einem Witz aufzulockern. Irgendwann gingen mir die Witze aber aus, und sie wiederholten sich.

Sie begannen Ende der 1970er-Jahre als wissenschaftlicher Assistent Ihre Karriere an der Uni Basel. Welches wirtschaftshistorische Ereignis hat Sie in dieser langen Zeit am meisten bewegt?

In den 1960er- bis 1990er-Jahren waren über die Hälfte der im Ausland rekrutierten Arbeitskräfte ungelernt, nur 15 Prozent hatte eine Hochschulausbildung. Mitte der 1990er-Jahre kehrte sich das plötzlich um. Heute sind 20 Prozent ungelernt und mehr als 50 Prozent sind Hochschulabsolventen. Eine erstaunliche Wende!

Die digitale Revolution nahm ihren Anfang.

Damit haben sich die Anforderungen um 180 Grad geändert. In den 1990er-Jahren sind unter anderem Informatiker verstärkt nachgefragt worden; dieser Beruf verlangte nach einer höheren Ausbildung. Nach hochqualifizierten Personen. Mit der Personenfreizügigkeit konnten entsprechende offengebliebene Stellen besetzt werden.

Heute fehlt es der Schweiz trotzdem an Fachkräften.

Das Problem ist, dass sich der Bedarf der Firmen in einer dynamischen Wirtschaft ständig wandelt. Und: Wenn sich etwas rasant verändert, stimmen kurzfristig die Verhältnisse nicht mehr. Gegenwärtig hat es noch zu viele Ungelernte in der Schweiz; sie haben zunehmend Schwierigkeiten, einen Job zu finden. In den kommenden Jahren wird sich das entspannen. Die nachfolgenden Generationen sind besser qualifiziert. Man muss sich das mal vorstellen: Vor 40 Jahren war noch fast die Hälfte der Schweizer Bevölkerung ohne Berufsausbildung. Heute liegt der Anteil bei acht Prozent.

Wenn Sie heute ein junger Mensch fragt, was er beruflich für einen Weg einschlagen soll, was antworten Sie?

Ich gebe keine solchen Empfehlungen ab. Niemand weiss, welche Berufe in Zukunft gefragt sind, es werden auch noch viele neue entstehen. Grundsätzlich kann ich sagen: Man soll sich möglichst weit, so weit qualifizieren, wie es das individuelle Können erlaubt. Das habe ich auch meinen Söhnen eingetrichtert.

Die Berufslehre hat bald ausgedient?

Nein! Eine gute berufliche Grundbildung wird immer gefragt sein, es wird genug Tätigkeiten geben, die sich nicht automatisieren lassen. Und ich schliesse nicht aus, dass es in 10, 20 Jahren einen Überschuss an Hochschulabsolventen geben wird, und dass Leute mit abgeschlossener Lehre wieder mehr gefragt sein werden.

Sie beleuchten seit Jahren den Schweizer Arbeitsmarkt. Aktuell hat sich dieser vom Frankenschock erholt, die Arbeitslosigkeit nimmt ab. Eine nachhaltige Entwicklung?

Nun, wegen der niedrigen Zinsen besteht die Gefahr, dass zu viel gebaut wird. Hier könnte sich eine Blase entwickeln. Wenn sich die Zinsen normalisieren, wird die Kaufkraft vieler Personen abnehmen. In der Breite jedoch würde ich sagen, dass der Arbeitsmarkt in den kommenden Jahren gut unterwegs sein wird. Natürlich wird es immer wieder zu Massenentlassungen kommen. Das ist eine Folge des strukturellen Wandels, dem jede dynamische Wirtschaft unterliegt.

Mit solch nüchtern-rationalen Aussagen schaffen Sie sich sicher Feinde...

...wenn man sich mit dem Arbeitsmarkt beschäftigt, ist das immer heikel. Es geht um Menscheschicksale, für den Einzelnen ist eine Entlassung sehr bedauerlich. Aber ich bin Wissenschaftler und versuche die allgemeinen Trends aufzudecken und zu erklären. Wie ein Detektiv. Im Übrigen wohne ich im Freiburg im Breisgau, kann kein Schweizer Fernsehen oder Radio empfangen, erhalte höchstens mal eine Reaktion per Brief oder E-Mail. Damit kann ich gut leben.

Haben Sie jemals in der Privatwirtschaft gearbeitet?

Ja! Es war mein erster Job, in meiner Heimatstadt Baltimore als Schweisser auf einer Schiffswerft, zwei Sommer lang. Mit diesem Einkommen und einem Wechselkursgewinn konnte ich mein Studium der Ökonomie in Deutschland finanzieren. Ich beabsichtigte eigentlich nur für kurze Zeit da zu bleiben, hatte den Bachelor in Germanistik und wollte hier richtig Deutsch lernen – aber dann traf ich meine Frau, und alles kam anders.

Sie sind Amerikaner, leben aber in Freiburg in Breisgau. Ist es für Sie ein Thema, zurückzukehren?

Nein, ich bin zu lange hier, lebe seit 1970 in Europa. Meine Eltern sind mittlerweile gestorben, mein Bruder auch – der Grossteil meiner Familie ist hier, abgesehen von Neffen und Nichten. Die USA sind definitiv Vergangenheit.